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Scheibes Kolumne: Erbitterter Kampf bei Ebay

Eigentlich wollte Kolumnist Scheibe nur ein paar Pokemon-Karten bei Ebay ersteigern. Daraus wurde schnell ein Vernichtungswettkampf, der den ganzen Tag andauerte. Und am Ende stand eine Niederlage.

Die lieben Kinderlein. Neulich kamen sie aus dem Kindergarten nach Hause und äußerten in ungewohnter Eintracht einen Wunsch ganz besonderer Natur: "Papa, wir brauchen Pokemon-Karten". Was insofern seltsam war, weil die Kinder doch noch nie eine Pokemon-Folge im Fernsehen gesehen hatten. Ich dachte eigentlich auch, der irrsinnige Pokemon-Rummel wäre jetzt langsam endlich einmal abgeebbt. Aber mitnichten. Linus erzählt: "Lukas hat ganz viele Karten. Der würde mit uns auch tauschen, wenn wir auch eigene Karten haben."

Einige wichtige Informationen fehlten leider

Das ständige Gequengel erweicht meine Frau. Gut, es gibt Pokemon-Karten. Aber nur, wenn die Kinder sie vom eigenen Geld bezahlen. Das Sparschwein wird geschlachtet und Mutter und Kinder ziehen gemeinsam von dannen. Eine Stunde später ist meine Frau mit zwei glücklichen Kindern wieder da. Sie selbst ist kreidebleich: "Mensch, sind diese Karten teuer". Wir packen sie aus. In englischer Sprache sind sie auch noch, hat der Verkäufer im Kiosk leider nicht freiwillig erwähnt. Aber egal: Die Kinder können eh noch nicht lesen und sind zufrieden. Schnell basteln sie sich einen Ordner, in dem sie die Karten ablegen können. "Kämpfen" können Sie auch mit den neuen Karten: Sie zählen einfach alle Kreise auf der Karte zusammen. Wer die meisten Kreise hat, gewinnt. So wird das also im Kindergarten gespielt.

Dieser Wunsch ist überraschend stark

Die Sucht lässt den Wortschatz der Kinder schrumpfen. Sie sagen den ganzen Tag nur noch eins: "Mehr Karten". Das Sparschwein mit Omas Fünfern ist aber leer, und wir wollen nicht gutes Geld für so teure Karten ausgeben. Doch der japanophile Wunsch verebbt einfach nicht, was neu ist. Ansonsten lässt sich doch so mancher innige Kinderwunsch einfach nach der bewährten Helmut-Kohl-Methode aussitzen. Dieses Mal nicht. Da kommt mir ein genialer Gedanke. Ich könnte doch beim Online-Auktionshaus Ebay nachschauen, ob da nicht vielleicht ein inzwischen älter gewordenes Kid seine Karten verkauft. Von einem früheren Test habe ich ja noch eine eigene Zugangs-ID, sodass eine Anmeldung wegfallen kann.

Keine Ahnung, was ich da eigentlich ersteigere

Flugs rufe ich die Ebay-Seite auf und gebe den Suchbegriff "Pokemon Karten" ein. Na bitte. 562 Auktionen liegen zur gleichen Zeit an. Sie alle bieten mir genau das, was ich suche: Karten satt. Die Beschreibungen sagen mir freilich nix. Ich weiß nicht, was eine Holo-Karte ist und habe auch keine Ahnung davon, warum eine "Blaine's Arcanine" so super selten ist, dass man sie einzeln verkaufen muss. Ich bin rein auf Masse aus und stoße auf ein Angebot, das sich in meinen Ohren sehr gut anhört. "600 Pokemon-Karten", alle in schützende Hüllen verpackt. Mit drei seltenen Trainerkarten, was auch immer das nun wieder sein mag. Ein Foto zeigt einen dicken Packen Karten, der dreimal so hoch ist wie eine zum Vergleich eingeblendete Zigarettenschachtel. Hui, ganz schön viele Karten sind das. Ich schiele auf den Preis, der bei mickrigen sechs Euro liegt. Ein echtes Schnäppchen. Auch wenn noch mal vier Euro Porto dazukommen. Mein nächster Blick zielt auf den Countdown, der aufzeigt, wie lange meine Auktion noch läuft. Nur noch fünf Minuten. Jetzt aber schnell. Und alles im Dienst der Kinder.

Irgendwann bin ich der höchste Bieter

Ich gebe mein "Maximalgebot" vor und erhöhe das bereits vorhandene Gebot um 50 Cents. Dann klicke ich auf "Bieten" und bestätige das Ganze mit meinem Namen und meinem Passwort. Doch sofort meldet eBay: "Es tut uns Leid, aber Sie wurden von einem anderen Bieter überboten!" Ich staune: so schnell? Ich erhöhe noch einmal um einen Euro – wieder werde ich sofort und ohne Verzögerung überboten. Doch ich gebe nicht auf. Schnell schaukelt sich das Ganze auf zwanzig Euro hoch. Endlich werde ich bestätigt: "Sie sind zurzeit der höchste Bieter". Na bitte!

Jetzt wird's persönlich

Doch fünf Minuten später, ich lese gerade den neuesten Klatsch beim National Enquirer im Internet, da bellt mich mein digitaler Hund auf dem Desktop an: Neue E-Mail ist da. Ich staune: Da steht, dass ich in der Zwischenzeit schon wieder überboten wurde. Schnell rufe ich die Seite wieder auf – tatsächlich. HänschenKlein (333) hat mich überboten. So ein Arsch. Aber anscheinend ein Kenner der Materie, da er schon 333 Bewertungen als erfolgreicher Käufer einkassiert hat, wie die Zahl in der Klammer zeigt. Natürlich überbiete ich ihn sofort. SchöneSusi (22) zeigt uns die Harke und treibt den Preis weiter hoch. SchuppenKarl (2) versucht auch mitzumachen, aber von einem mit einem solchen Namen lasse ich mich doch bestimmt nicht austricksen. Der Preis landet schnell bei vierzig Euro. PicachuMan (3) hat's anscheinend nötig und erhöht mit einem Mal gleich auf fünfzig Euro. Nicht mit mir, das kann ich auch. So, 55 Euro. Friss digitalen Staub, du Bastard, die Karten kriegst du nicht.

Meiner Frau fehlt das nötige Verständnis

Meine Frau schaut mir über die Schulter und jammert: "Bist du irre? Das sind über hundert Mark für ein paar blöde Karten. Ich denke, du willst nach einem Schnäppchen suchen?" Ich winke ab, das versteht sie nicht. Hier geht es nicht mehr um Schnäppchen oder nicht. Hier geht es um den Sieg, um das Gewinnen. Ich drehe mich um und muss zu meinem Entsetzen feststellen, dass die Auktion gerade eben vorbei ist. SchnellerGerd (886) hat das Rennen gemacht und für 55,50 Euro den Zuschlag bekommen. Nur 50 Cents mehr als mein Gebot. Ich beiße mir in die Faust, werfe meine Frau aus dem Büro und verschließe alle Türen. Dann installiere ich den EbayCheck (siehe auch meinen Shareware-Tipp), der mehrere Auktionen auf einmal überwachen kann.

Schluss mit lustig

Jetzt geht es um die Wurst. Ich biete für fünf Euro bei 55 Karten mit, winke mit zehn Euro bei dem Angebot mit 155 Karten und lasse mir mein Angebot für 200 Karten auch mal 15 Euro wert sein. Alles für die Kinder. EbayCheck aktualisiert alle 60 Sekunden die Daten zu den überwachten Aktionen. SchnüffelHannes (12) will mir die 200 Karten streitig machen. Ich erhöhe sofort – und zwar immer gleich um zwei Euro, das macht die anderen Bieter stutzig und zeigt ihnen, dass es mir wirklich ernst ist. Da, ein Frontalangriff: NoppenPetra (22), MarmeladenBrot (19) und der Torpedo (1) erhöhen bei allen drei Angeboten. Mit Schaum vor dem Mund überbiete ich das Gesocks, das meinen armen Kindern keine Karten gönnt. Wieder habe ich Pech: In der letzten Sekunde schlägt SchnellerGerd wieder zu und nimmt alle Karten an sich. Mist! Mist! Mist!

Nachtarbeit ist angesagt

Jetzt habe ich alle meine Auktionen schon wieder verloren. Na wenigstens habe ich dafür gesorgt, dass die Sache für SchnellerGerd richtig teuer wurde. Ich knurre den Monitor an. Ob ich aufgeben soll? Niemals. Da entdecke ich am Ende doch noch eine Auktion, die mich begeistert und mein taktisches Gespür weckt. 111 Karten für zehn Euro. Die Auktion endet mitten in der Nacht, nämlich morgens um vier. Ich haue mir noch rasch drei Energy Drinks hinter die Binde und klemme mir zwei Streichhölzer hinter die Augenlider. Ich werde wach bleiben. Wetten, dass SchnellerGerd morgens um vier schon schläft? Und dann gehören diese Karten mir.

Carsten Scheibe
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