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Scheibes Kolumne: Stöhnender Computer

Stern.de-Mitarbeiter Scheibe trifft sich mit seinen Freunden im Chinarestaurant. Dabei reden sie darüber, wie sich die Art und Weise verändert hat, mit dem eigenen PC umzugehen.

Ich sitze schon eine ganze Weile im Chinarestaurant und warte auf die Jungs. Mein erstes chinesisches Bier ist schon fast alle, als Jörgi, Cookie und Robert eintreffen. Ich habe mich an einen runden Tisch gesetzt und so ist genug Platz für alle da. Bevor die Freunde sitzen, haben sie bei der streng dreinblickenden älteren Kellnerin auch schon ein Bier bestellt. Sie strecken sich, bis das Bier eintrifft - alle haben einen harten Arbeitstag hinter sich.

Wir lästern ein wenig über unsere Ehefrauen, bis Jörgi schließlich auf unser Thema des Abends kommt: "Wisst ihr was? Ich stelle zunehmend fest, dass ich meinen Computer gar nicht mehr als Computer einsetze. Wenn meine Frau abends fernsieht, habe ich nix mehr zu melden. Und bei Pilcher und Co streike ich ganz einfach. Wenn ich dann Fußball gucken möchte, dann geh ich eben ins Arbeitszimmer und schalte den Rechner ein. Da habe ich so eine TV-Karte drin. Mit der verwandelt sich der Computer in einen echten Fernseher. Ich packe dann meine Füße auf den Schreibtisch und guck meinen Sport."

Ich nicke und schaufele einen tiefen Löffel Sauer-Scharf-Suppe in meinen Mund. "Ich kenne das. Oft mache ich nachts noch so bürokratischen Kram. Das ist ganz schön langweilig. Da mache ich dann immer ein Fernsehfenster auf und schaue mir an, was nachts so alles kommt. Dann fühle ich mich unterhalten und sterbe nicht den Bürokratentod."

Diashow für die Familie

Robert bekommt sein Essen. Knusprige Ente auf scharfem Chinagemüse mit Scampis. Er lässt sich Schälchen und Stäbchen bringen, um wie ein echter Chinese essen zu können, der Angeber. Die halbe Ente guckt noch aus seinem Mund raus, als er sagt: "Bei mir ist das ganz ähnlich. Texte tippen und so was, das mache ich im Büro auf der Arbeit. Zuhause ist mein Rechner längst zum Fotocenter mutiert. Die ganze Familie entlädt ihre Fotoapparate auf der Festplatte. Und wenn dann Besuch da ist, starten wir die Diashow von IrfanView und schauen uns die Bilder auf dem 22-Zoll-Monitor an. Das alte Fotoalbum hat ausgedient - und das ist gut so. Dann verbringt meine Frau nicht mehr ganze Nächte damit, die Fotos einzukleben."

Alle erdenklichen Perversionen

Cookie wird rot, was sicherlich nicht nur an seinem Chili-Huhn mit Nüssen liegt: "Ich muss gestehen, dass ich sexsüchtig bin. Ich nutze meinen PC nur noch, um mir den allerneuesten Schweinkram aus dem Netz herunterzuladen. Wusstet ihr, dass es bereits Flatrates für Pornos gibt? 30 Dollar im Monat und ich kann mir downloaden, was ich möchte. Hunderte Filme mit allen nur erdenklichen Perversionen und das auch noch in glasklarer Qualität. Ratet mal, warum ich an meinem Rechner eine externe Festplatte angeschlossen habe. Die ist nur dafür da, die gesammelten Filme aufzunehmen. Aber das bleibt bitte unter uns."

Inzwischen haben wir alle rote Ohren und viel zu klare Bilder von Cookies Freizeitbeschäftigung vor dem inneren Auge. Ich schüttele mich und greife zu dem Hähnchen-Spieß, den ich genüsslich in die Erdnuss-Sauce tunke. Die Kellnerin guckt schon wieder streng und herrscht uns an: "Schneller essen. Wird sonst ganz kalt." Ja, alles klar, wir machen ja schon. Dann bin ich an der Reihe: "Da ich ja zuhause arbeite, brauche ich den Computer natürlich auch zum normalen Arbeiten. Aber bei mir im Haus ersetzt der PC die Stereoanlage. Ich habe meine ganze CD-Sammlung gerippt und nun satte 6000 Songs auf der Festplatte. Im Keller habe ich ein 7.1-Lautsprecher-Set an die Anlage angeschlossen. Wenn ich nun Musik hören möchte, dann muss ich nicht mehr länger nach der CD suchen, sondern habe das in iTunes sofort über die Suche gefunden. Der Komfort ist gewaltig und der Klang fantastisch. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie das früher war mit einem Plattenspieler."

Die Kellnerin kommt näher und zeigt ergrimmt auf unsere noch viel zu vollen Teller: "Weniger reden, mehr essen", herrscht sie uns an. Und: "Wir nutzen PC nur, um euch Rechnung zu schreiben!"

Wir ducken uns, klappern eifrig mit den Stäbchen und öffnen den Mund nur noch, um unsere Sieben Köstlichkeiten auf Bambussprossen zu vertilgen.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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