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Scheibes Kolumne: YouTube schießt ein Tor!

stern.de-Kolumnist Scheibe staunt, wie sich die digitale Welt verändert. In Oldenburg beschließen eine Software-Firma, ein Architektenbüro und ein Projektentwickler, ein neues Fußballstadion zu bauen - mit privaten Geldern. Ein schräges YouTube-Video sorgt nun dafür, dass die ganze Nation Wind von der verrückten Idee bekommt.

Die Zeiten ändern sich. Ein Beispiel: Die Oldenburger sind frustriert. Da oben im hohen Norden ist der Fußball eigentlich genauso wichtig wie im Ruhrpott. Die früher so bekannte "Hölle Donnerschwee" aus alten Tagen ist aber schon lange nicht mehr existent. Das alte Stadion, das so viele Fußballspiele gesehen hat, wurde erst verkauft und dann abgerissen. Der Vfb Oldenburg selbst kickt sich ein ganzes Stück von der Bundesliga entfernt durch die unteren Ligen - und auch sonst könnte vieles besser laufen. Früher hätten sich die Fans wohl zusammengetan und den Bürgermeister beschimpft, warum er denn nicht endlich ein richtiges Stadion für die Stadt bauen lässt. Dann würden vielleicht ein paar Leute losziehen, um gemeinsam Unterschriften zu sammeln. Immer mit dem Ziel, ein wenig Druck aufzubauen, um am Ende ein paar Millionen Euro aus städtischen Geldern loszueisen. Die meisten Bürger würden das stumm unterstützen und sich ihren Teil dazu denken: Ja, macht ihr doch mal.

Durch Finesse zum Stadionbau

In Oldenburg passiert nun das Ungewöhnliche. Die Bürger nehmen das Heft der Handlung selbst in die Hand. Mit trickreichen Ideen und mit der ganzen Macht der modernen Medien versuchen sie, das Geld für den Stadionbau selbst zusammenzubekommen. Oder zumindest so viel, dass es der Stadt leichter fällt, den Rest dazuzupacken. Das Besondere daran ist, wie verschiedene Firmen plötzlich Hand in Hand arbeiten, um ein Fußballstadion bauen zu lassen - was thematisch mit ihrem eigenen Gewerk eigentlich gar nichts zu tun hat.

Den Anfang macht das deutsch-holländische Architekturbüro "9°archtecture", das zusammen mit dem Projektentwickler Jochen Rehling den Plan für ein neues Fußballstadion ausgeheckt hat. Eine große Arena für 15.000 Zuschauer ist da geplant, wunderschön anzusehen in Klinkerbausteinweise und mit angegliedertem Hotel und Gastronomiebetrieb. Dem Taschenrechner stockte am Ende nur der Atem, als sich die einzelnen Posten zur stolzen Summe von 20 Millionen Euro addierten. Das Software-Unternehmen Ashampoo wurde mit an Bord geholt, um die eigene Marketingpower zugunsten des Fußballs zu nutzen. Eine erste Spendenaktion brachte dank Werbeanzeigen in der Zeitung bislang 18.997.12 Euro ein (Stand 26. Januar). Zu wenig, um auch nur das Fundament für das neue Stadion zu gießen. Als nächstes spendete einer der beiden Geschäftsführer seinen Porsche 911 Carrera, um ihn bei Ebay zu versteigern. 80 Gebote liegen für den schnellen Flitzer bereits vor, die Gebote stehen bei 18.050 Euro. Bis zum 1. Februar, wenn die Aktion abläuft, kann noch viel passieren.

Kult-Video auf YouTube

Wie es um die Macht des Internets bestellt ist, zeigte sich aber erst, als die Oldenburger Kreativen gemeinsam ein ziemlich verrücktes und sehr durchgeknalltes Video produzierten, in dem sie sich, die geplante Arena und ihre Finanzierungsideen vorstellen. Dieses Video ist inzwischen bei YouTube zu sehen und entwickelt sich hier zum absoluten Kult, der binnen weniger Tage bereits 280.155 Abrufe generiert hat und dank Mundpropaganda weiterhin im Aufwind ist. Von YouTube ist es auch kein weiter Weg mehr in die Foren der einzelnen Fußballvereine, in denen zurzeit heiß über die Idee diskutiert wird, dass die Bürger einer Stadt sich über schräge Ideen und nur mit privaten Geldern ein eigenes Fußballstadion für ihren Wohnort finanzieren möchten.

Die Hatz nach neuen Geldern geht inzwischen weiter. Am 11. Februar wird es ein erstes Benefizspiel geben. Dann tritt der Vfb Oldenburg gegen den FC Hansa Rostock an, immerhin die Mannschaft auf dem zweiten Platz aus der Zweiten Bundesliga. Alle Zuschauer zahlen 7 Euro, die gleich wieder in die Kriegskasse für den Bau der neuen Arena kommen. Kommen ausreichend Zuschauer vorbei, klingeln die Euro ein weiteres Mal.

Während des Fußballspiels kommt dann die nächste Idee zum Einsatz, die das Stadion mitfinanzieren soll. In der Halbzeit werden die ersten 100 SoccerStones verkauft. Diese Steine kosten 25 Euro und werden von der Bockhorner Klinker GmbH hergestellt. Insgesamt wird es 850.000 dieser Steine geben - eben so viele, wie für den Bau der Arena auch tatsächlich benötigt werden. Die Steine tragen den Aufdruck SoccerStone und sind analog zu einer Torwand mit zwei eingefrästen Löchern versehen. Dank der beiliegenden TippKick-Figur in den Vereinsfarben verwandelt sich die Anschaffung so leicht in ein Tischfußball-Spiel. Freilich eins, das einem besser nicht auf den Fuß fallen sollte. Immerhin: Würde es gelingen, alle SoccerStones an den Mann zu bringen, wären schon 21,25 Millionen Euro beisammen.

Da kommt sicherlich noch mehr. Trotzdem ist das gewaltige Projekt für mich das erste Beispiel für etwas, das ich "Social Marketing" und "Sponsored Networking" nennen möchte. Viele Firmen haben die Marketing-Möglichkeiten und auch die Kontakte, um wirklich große Projekte anzuschieben - auch uneigennützige, die nicht ihnen selbst dienen, sondern der Allgemeinheit. Ich bin gespannt, ob die Arena am Ende wirklich gebaut wird. Und ich bin neugierig, ob die Idee Nachahmer findet, die E-Mail-Newsletter, YouTube-Videos und eBay-Auktionen nutzen, um Geld für gemeinnützige Projekte zu sammeln.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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