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"Venetica": Sterben und Venedig sehen

Das deutsche Entwicklerstudio Deck 13 hat sich bereits mit Adventures wie "Jack Keane" und "Ankh" einen guten Namen gemacht. Jetzt wagen sich die Frankfurter mit "Venetica" an ein waschechtes Rollenspiel - und zeigen erneut, dass sie ein Händchen für faszinierende, gut erzählte Geschichten haben.

Venedig sehen und sterben? "Venetica", das neue Rollenspiel der "Jack Keane"-Macher Deck 13, gewinnt dieser Vorstellung ganz überraschende Aspekte ab: Scarlett, die Tochter des Todes, verschlägt es in die Lagunenstadt, um dort das Böse zu besiegen. Ein für Einsteiger und Profis gleichermaßen spannendes Abenteuer - für alle anderen die Erkenntnis, dass Games made in Germany längst mit dem Rest der Welt locker mithalten können!

Schluss mit der Beschaulichkeit: Der edle Benedict will sich gerade von seiner geliebten Scarlett verabschieden, um das zu tun, was Helden eben tun müssen: mit glänzender Rüstung in die Welt hinausziehen. Doch just in dem Moment fällt das einst so friedliche Bergdorf San Pasquale einem heimtückischen Angriff von mordenden und brandschatzenden Assassinen zum Opfer. Viele Einwohner - darunter auch Benedict - lassen ihr Leben, Häuser werden dem Erdboden gleichgemacht. Scarlett wächst in dieser Situation über sich selbst hinaus, kann noch einige der Übeltäter mit einem Schürhaken ins Jenseits schicken und den einen oder anderen Dorfbewohner retten. Dann erscheint ihr ihr wahrer Vater: der Tod. Er schickt sie nach Venedig, um dort einen bösen Widersacher auszuschalten, der mit seinen Schergen aus der Unterwelt das gesamte Diesseits bedroht.

"Venetica" zieht den Spieler sofort in seinen Bann - der Einstieg wurde von Deck 13 derart furios in Szene gesetzt, dass einem angesichts der sich überstürzenden Ereignisse nur noch der Mund offen stehen bleibt. Kaum ein Spieler wird die Protagonistin Scarlett in diesen ersten Minuten nicht in sein Herz schließen.

Man ist schon mitten im Geschehen, wenn einem das Spiel nach und nach die Feinheiten der komfortablen Steuerung nahebringt. Computer-Charaktere helfen mit nützlichen Tipps, weisen den Weg zu versteckten Items oder bieten sich als Lehrer für Spezialfähigkeiten an. Denn "Venetica" entpuppt sich trotz der fehlenden Charakter-Generierung schnell als ernst zu nehmendes Rollenspiel, in dem die Heldin durch ihre Handlungen und das Lösen von Quests Erfahrungspunkte sammelt und diese dazu nutzt, Attribute wie Konstitution, Weisheit, Stärke und mentale Stärke zu steigern.

Da entwickelt sich was

Ihre erworbenen Fertigkeitspunkte steckt sie in die beiden kampf- und magieorientierten Talentbäume und baut so ihre Fähigkeiten immer weiter aus. Das Tolle daran: Scarlett macht im Lauf des Spiels tatsächlich eine deutliche Persönlichkeitsentwicklung durch und verfügt - wie alle anderen Figuren auch - über ein sehr ausgeprägtes Profil.

Die Handlung entwickelt sich recht linear, sämtliche Quests sind eng mit der Geschichte verwoben. Trotzdem bleibt Scarlett ein gewisser Freiraum für eigene Entscheidungen - wenn sie beispielsweise in den Multiple-Choice-Dialogen die Möglichkeit hat, Übeltäter über die Klinge springen oder Gnade walten zu lassen.

Was "Venetica" neben den lebendigen Dialogen und den (etwas eintönigen) Kämpfen mit Schwert oder Zauberkunst noch interessant macht, sind Scarletts Abstecher in die Schattenwelt. Nur aufgrund der Fähigkeit, zwischen Diesseits und Jenseits zu pendeln, ist sie in der Lage, den Kampf mit dem Nekromanten Victor aufzunehmen, der die Welt bedroht. Und die wahre Natur seiner Handlanger in taktisch angehauchten Bosskämpfen zu erfahren ...

Das dreidimensionale Venedig des Spiels hat mit der realen Lagunenstadt allenfalls den Baustil, die Kanäle und die Gondeln gemeinsam, protzt aber mit Details und Effekten. Man bewegt sich gerne durch die verwinkelten, raffiniert ausgeleuchteten Gässchen und staunt über die Pracht des marmorglänzenden Dogenpalasts. Die gesamte Optik hat etwas Märchenhaftes, auch wenn zuweilen kleine Ruckler oder Clipping-Fehler den guten Gesamteindruck stören. Etwas nervig sind auch Details in der Tastatur/Maus-Steuerung. So muss man beispielsweise erst die Waffe wegpacken, um erledigte Gegner nach nützlichen Gegenständen zu durchsuchen.

Venetica

Hersteller/Vertrieb

Deck 13 / DTP

Genre

Action-Rollenspiel

Plattform

PC, Xbox 360 (ab Oktober)

Preis

ca. 35 bis 60 Euro

Altersfreigabe

ab 12 Jahren

Was jedoch letztendlich zählt: "Venetica" nimmt den Spieler gefangen und bleibt dank der packenden Story und der exzellent herausgearbeiteten Charaktere lange im Gedächtnis haften. Kein Rollenspiel von der Stange, sondern eines, dem man anmerkt, dass seine Schöpfer mit Herzblut zu Werke gegangen sind.

Herbert Aichinger/Teleschau / TELESCHAU