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Rollenspiel "The Witcher 2": Herrliches Hexerwerk

Er verhext die Gamer-Gemeinde zum zweiten Mal: "The Witcher 2" zeigt, worauf es in Singleplayer-Rollenspielen wirklich ankommt: tolle Story, großartige Atmosphäre. Und Sex gibt es auch.

Als vor vier Jahren "The Witcher" die Rollenspielbühne betrat, sorgte der Titel trotz diverser technischer Schwächen für Furore: Selten war ein Held so cool und so glaubwürdig wie der einsame Hexer Geralt von Riva, der nicht nur mit dem Schwert, sondern auch mit den Frauen perfekt umzugehen verstand. Nun kommt die Fortsetzung auf den Markt.

Geralt bleibt auch in Ketten eine coole Sau. Selbst im Gefängnis verliert er seine stolze Haltung nicht, lässt sich nicht verbiegen und zischt seinen Gegnern schneidend die Wahrheit ins Gesicht. Der Prolog von "The Witcher 2" ist perfekt inszeniert: Geralt muss sich im Kerker einem Verhör stellen - und in spannenden, spielbaren Rückblenden erfährt man, welche Ereignisse zu seiner Inhaftierung geführt haben.

Schon in den ersten paar Spielstunden erlebt der Spieler auf diese Weise blutige Kampfszenen während einer Belagerung, eine Drachenattacke samt Feuersbrunst, ausgefeilte Dialoge und ... eine prickelnd erotische Liebesszene mit Triss Merigold. Alles präsentiert in berauschend schöner Grafik. Dieses Tempo behält "The Witcher 2" auch in den beiden folgenden Akten bei - erst im dritten Akt weicht die fantasievoll-spritzige Erzählweise wieder einer konventionelleren, mitunter auch etwas fantasieloseren Darstellung.

Die starke Story macht den Unterschied

Es ist vor allem die vielschichtige, ausgefeilte Story mit den rundum glaubwürdigen Charakteren, die "The Witcher 2" von den meisten anderen Singleplayer-Rollenspielen unterscheidet. Viele andere Qualitäten erwachsen quasi fast automatisch aus dieser hervorragenden Grundlage: So kann der Spieler den Verlauf des Geschehens durch sein Verhalten an bestimmten Knotenpunkten der Handlung immer wieder durch seine Entscheidungen beeinflussen - allerdings weiß man dabei oft nicht von Anfang an, worauf man sich einlässt. Denn viele Auswirkungen der eigenen Aktionen machen sich erst sehr viel später im Spielverlauf bemerkbar.

Obwohl "The Witcher 2" keine komplett offene Spielewelt bietet und dem Spieler den Weg zum Finale in groben Zügen vorgibt, ist es so möglich, das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven zu erleben. Je nachdem etwa, ob Geralt dem königstreuen Vernon Roche folgt oder sich dem aufmüpfigen Iorweth anschließt, entwickelt sich die Handlung zunächst komplett unterschiedlich, um dann erst im dritten und letzten Akt wieder zusammenzufinden. Vier verschiedene Anfänge, 16 unterschiedliche Endsequenzen und eine Fülle von Nebenquests sorgen für einen hohen Wiederspielwert des mit etwa 40 Spielstunden ohnehin schon recht umfangreichen Werks.

Magische Atmosphäre

Doch egal, wie man sich entscheidet: Die Atmosphäre, die das polnische Entwicklerstudio CD Projekt Red auf den Bildschirm zu zaubern versteht, sucht ihresgleichen: Die opulente 3D-Spielegrafik ergänzt sich perfekt mit dem wuchtigen Orchestersound, die Dialoge sind stimmig bis ins Detail und wurden von erstklassigen Synchronsprechern vertont. So hat man beim Spielen oft das Gefühl, in einem monumentalen Fantasy-Film Regie zu führen.

Die Charakterentwicklung Geralts erfolgt auf ganz traditionelle Weise: Besiegte Gegner und erledigte Quests liefern Erfahrung und lassen den Helden nach und nach von Level zu Level aufsteigen. Die dabei gewonnenen Punkte können in etwas verwirrend angeordneten Talentbäumen ins Training, in Schwertkampf, Magie oder Alchemie investiert werden. So lässt sich der Hexer nach und nach weiter spezialisieren.

Zwei Schwerter für unterschiedliche Gegner

Wie im Vorgänger kämpft Geralt mit der Stahlklinge gegen Menschen und mit dem Silberschwert gegen Monster. Darüber hinaus steht ihm eine Auswahl an "Zeichen" zur Verfügung, mit denen er sich beispielsweise den Weg freisprengen, Gegner versengen oder verwirren kann. Insgesamt bietet das Kampfsystem jetzt mehr Komfort als im ersten Teil: Der Charakter wird mit den WASD-Tasten gesteuert, Schwert-Attacken erfolgen mit der rechten und der linken Maustaste, hinzu kommen Hotkeys etwa zum Blocken oder zum Auswählen der einzusetzenden Fertigkeit. Wer jedoch nicht gerade auf "Leicht" spielt, hat an den Kämpfen oft trotzdem hart zu knabbern. Steuerung und Taktik erfordern ein hohes Maß an Koordination, und die Fähigkeiten des Helden sind mit den Kräften der Gegner nicht immer optimal ausbalanciert.

Auch wenn insbesondere das Kampfsystem eine gewisse Eingewöhnung erfordert: "The Witcher 2" gehört neben der "Dragon Age"-Reihe gegenwärtig zum Besten, was der Singleplayer-Rollenspielsektor zu bieten hat. Derzeit ist "The Witcher 2" in einer limitierten Premium-Edition komplett mit Soundtrack und Bonus-DVD (unter anderem mit Entwicklertagebuch), Lösungsbuch, Karte, Münze und Pappfiguren erhältlich. Wer sich registrieren lässt, erhält außerdem Zugriff auf kostenlosen Download-Content. Darüber hinaus gibt es eine aufwendige Collector's Edition, die weitere Extras wie ein "Witcher"-Kartenspiel, ein Würfelset, ein Artbook und eine Geralt-Büste enthält.

The Witcher 2

Hersteller/Vertrieb

CD Projekt Red/Namco Bandai Partners

Genre

Rollenspiel

Plattform

PC

Preis

38 Euro

Altersfreigabe

ab 16 Jahren

Herbert Aichinger, Teleschau / TELESCHAU