Musik-Downloads Das Ende vom Lied


Mit aller Härte geht die Musikindustrie gegen Nutzer von Internettauschbörsen vor. Als einen der Ersten traf es einen 56-jährigen Lehrer.

Es ist mitten in den Pfingstferien. Ein sonniger Junitag vormittags um halb elf. Kurt K., 56 Jahre alter Realschullehrer aus einer schwäbischen Kleinstadt, ist gerade vom Einkaufen zurück, da klingelt sein Telefon. "Sind Sie jetzt zu Hause?", fragt der Anrufer. "Wer sind Sie? Was wollen Sie?", fragt K. "Das werden Sie gleich sehen", sagt die Stimme. "Wir kommen jetzt zu Ihnen." Dann legt er auf. Nervös geht K. auf den Balkon. Unten stehen sie schon. Zwei schwarze Limousinen mit Ludwigsburger Kennzeichen. Fünf Männer steigen aus. Als K. die Haustür öffnet, hält ihm ein Polizist in Zivil den Hausdurchsuchungsbefehl entgegen: § 106 und 108, Verdacht auf Verstoß gegen das Urheberrecht. Die Männer durchsuchen Wohnung und Auto, nehmen aus dem CD-Schrank alles mit, was wie selbst gebrannt aussieht. Den MP3-Player packen sie ein, den ausrangierten Medion-Rechner und den neuen Targa-Computer. Nur den Monitor lassen sie zurück.

Es hätte Millionen andere treffen können

Was K. widerfahren ist, hätte zum gleichen Zeitpunkt auch mehrere Millionen andere Deutsche treffen können. Sie alle haben das Programm der Internet-Tauschbörse Kazaa auf ihren Rechnern installiert, um untereinander Musikdateien auszutauschen - was bei fast allen Songs gegen das Urheberrecht verstößt. Bei K. war irischer Folk dabei, den er auf der Gitarre nachspielte, Rap- oder Metal-Songs, von denen er weiß, dass seine Schüler sie hören. "Ich habe Musik gesammelt wie andere Briefmarken." Am Ende waren etwa 1700 Songs auf seiner Festplatte, "viel zu viel, um sich alles anhören zu können."

K. ist ein freundlicher, offenherziger Mann. Seine Haare sind grau, er trägt Poloshirt und Cordhose, hat eine altmodische Digitaluhr und von Computern so wenig Ahnung, dass ein ehemaliger Schüler ihm die Tauschbörsen-Software installieren musste.

Immer wenn er den Rechner einschaltete, wählte er sich über seine DSL-Verbindung ins Netz ein und ließ im Hintergrund das Tauschprogramm laufen. Dann konnte sich jeder Internetnutzer, der ebenfalls Kazaa installiert hatte, kostenlos von K.s Festplatte bedienen: No Angels, Beatles, Creedence Clearwater Revival, Seekers, Bap, Pur und so weiter - die genaue Auflistung liegt jetzt seiner Akte bei.

Wie K. sind in den letzten Wochen 67 weitere - zufällig ausgewählte - Kazaa-Nutzer ins Visier der weltgrößten Plattenfirmen geraten. Diese erstatten, nach Vorermittlungen eigener Fahnder, Strafanzeige - und hoffen auf den öffentlichen Abschreckungseffekt. Denn die Musikindustrie sieht in den Tauschbörsen eine Bedrohung: Wer sollte noch CDs kaufen, wenn alles im Netz zu haben ist? Tatsächlich sind die Musik-Umsätze in den letzten Jahren dramatisch eingebrochen.

Aus 10.000 könnten 17 Millionen Euro werden

Einen Tag nach der Hausdurchsuchung wird K. aufs Polizeirevier vorgeladen. Noch glaubt er, das könne alles nicht so schlimm sein. Dann trägt ihm der Beamte die Anschuldigungen vor. K. wird klar, dass er die Musikmultis Sony, Universal, BMG, Warner und EMI als Gegner hat. Sie fordern zunächst 10.000 Euro Schadensersatz. Weigere er sich zu zahlen, könne die Summe auch neu festgelegt werden, auf der Grundlage eines "Gegenstandswerts von 10.000 Euro pro Titel". Das wären dann annähernd 17 Millionen Euro. Er nimmt sich einen Anwalt.

Unversehens steht der Lehrer im Rampenlicht. Journalisten rufen an, der Dachverband der Musikindustrie gibt eine Presseerklärung mit hämischem Unterton heraus: "Kurt K. ist in seinem Beruf offenbar nicht völlig ausgelastet: Er bot rund 2000 Musiktitel illegal in einer 'Tauschbörse' an...". Außerdem droht sie, seinen Dienstherrn "offiziell in Kenntnis zu setzen".

Für andere ist K. ein Held. Bei K.s Würzburger Anwalt Chan-jo Jun trifft Fanpost ein, einige spenden Geld. Inzwischen hat K. einen Solidaritätsfonds gegründet, der anderen Betroffenen zugute kommen soll. Denn klar ist: K. wird nicht der letzte Fall sein. In den USA sind schon Hunderte Kazaa-Nutzer verurteilt worden oder mussten Schadensersatz zahlen. Auch in Deutschland stehen noch Dutzende Hausdurchsuchungen an.

"Fühle mich wie am Pranger"

Jetzt werten Ermittlungsbeamte erst einmal K.s PC aus. Am Ende des Verfahrens erwartet ihn womöglich zusätzlich eine Geldstrafe. "Ich kann nicht sagen, dass ich ein schlechtes Gewissen habe", sagt K. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass durch mein Verhalten ein nennenswerter Schaden entstanden sein soll." Jetzt fühlt er sich "wie am Pranger", stellvertretend für Millionen deutsche Nutzer von Tauschbörsen. Die Unterlassungserklärung hat er schon abgegeben, den Vergleich unterschrieben, die 10 000 Euro muss er demnächst überweisen. Davon hätte er einen Kleinwagen kaufen können. Oder ein paar hundert CDs.

Ulf Schönert print

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