Mobiler Wahnsinn Ich bin ein Neandertaler, holt mich hier raus!


Schneller, smarter, bunter: Die Mobilfunkwelt ist unerbittlich. Wer nicht ständig nachrüstet, wird abgehängt. Nikos Späth dachte, er könnte noch Anschluss halten. Doch auf der weltgrößten Branchenmesse in Barcelona merkt er: Er ist ein Late Adopter.

Insgeheim ahnte ich es, aber nun ist es traurige Gewissheit: Ich bin ein Mobilfunk-Neandertaler. Zwei Handys habe ich, mit einem kann ich passabel telefonieren, mit dem anderen auch E-Mails abrufen - angeblich. Ganz ehrlich: Ich habe es nie ausprobiert, denn bisher ging es irgendwie auch ohne. Die wirklich wichtigen Nachrichten erreichen mein Denkzentrum schlichtweg durch die Gehörgänge. Doch auf dem Mobile World Congress in Barcelona habe ich erkannt: So geht es einfach nicht weiter. Während andere liebevoll ihre Touchscreens hätscheln, voipen, twittern und always online sind, kassiere ich für meine technische Ausstattung des Prä-Smartphone-Zeitalters nur bemitleidenswertes Lächeln. Zuweilen glaube ich, beim Gegenüber auch Fremdschämen zu erkennen.

Kugelschreiber statt App

Dabei kann man sich auch als Urzeitmensch ganz passabel durch den digitalen Großstadtdschungel schlagen. Während andere von ihrem iPhone durch die Gassen Barcelonas gelotst werden, frage ich Passanten. Wo das kluge Telefon die U-Bahn-Pläne ausspuckt, habe ich mir die Abfahrtszeiten notiert - per Kugelschreiber! Und wenn die ganz Smarten online die Schneehöhe in der Heimat erfragen, rufe ich kurzerhand zu Hause an - die Daheimgebliebenen freut's. Doch das Rad dreht sich unerbittlich weiter. Keiner hat das so eindrucksvoll gezeigt wie Google-Chef Eric Schmidt, dem Star auf der weltgrößten Mobilfunkmesse. Vor einer gebannten Zuschauermenge ließ er seine Entwickler vorführen, was die neueste Generation der Android-Handys alles kann: zum Beispiel die Speisekarte abfotografieren und in Sekundenschnelle übersetzen. Hätte ich kürzlich im Restaurant gewusst, dass Gilthead Seabream eine Dorade ist, hätte ich sie mir womöglich auf den Tisch kommen lassen. Ich könnte das Handy auch nach der nächsten Tapas-Bar fragen - es hätte meine Stimme erkannt und mir einen Stadtplan samt Wegbeschreibung ausgespuckt. In der schönen neuen Welt lautet die Devise "mobile first". Das sagt der Google-Chef höchstselbst. Und es klingt aus seinem Mund wie eine Drohung. Wer nicht mitmacht, wird kurzerhand vom anschwellenden Datenfluss, vom globalen Gezwitscher abgekappt.

Ich werde also demnächst nach einem mobilen Internet-Tarif Ausschau halten. Doch hier fangen die Probleme erst an: Starte ich ganz sachte mit dem kostenlosen 30-Megabyte-Volumen? Um Gottes Willen, mahnen die Kollegen, das reiche nicht mal für einen Tag. Dann besser der 300 MB-Tarif? Oder gleich die teure Flatrate? Und welche Datenkeule lege ich mir zu? Greife ich zum iPhone, zu Googles Nexus oder den Altstars von Nokia, Palm und Blackberry? Und dann erst das Betriebssystem! RIM OS, Android, iPhone OS, Brew, Bada, Windows Phone, MeeGo. Ganz zu Schweigen von den Abertausenden Apps! Wie soll ich mich da entscheiden? Ihr, liebe Telekommunikationsmanager, macht es mir nicht leicht. Da habt ihr fast zehn Jahre von UMTS und 3G geredet, und nichts ist passiert. Jetzt dreht ihr plötzlich am Rad - und schafft im Wochentakt neue Bedürfnisse, die es früher nicht gab. Macht auch mal Pause, atmet durch - und nehmt uns, die wir nicht alles gleich kaufen, sobald es auf dem Markt ist (heißt heute "Early Adopter"), mit in eure Welt. Ihr braucht uns, unser Geld. Wir geben es zur Not auch im Neandertal aus.

FTD

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