Editorial "Saddams heimliche Helfer"


Während George W. Bush und Gerhard Schröder in New York das Kriegsbeil begraben, enthüllt der Stern in diesem Heft einen für beide Länder peinlichen Skandal: Firmen aus den USA und aus Deutschland haben während des UN-Embargos Material und Technik für Saddam Husseins geheimes Rüstungsprogramm geliefert

Liebe Stern-Leser!
Während George W. Bush und Gerhard Schröder in New York das Kriegsbeil begraben, enthüllt der Stern in diesem Heft einen für beide Länder peinlichen Skandal: Firmen aus den USA und aus Deutschland haben während des UN-Embargos Material und Technik für Saddam Husseins geheimes Rüstungsprogramm geliefert.
Die Recherche dieser Geschichte war selbst ein Krimi: Noch vor dem Krieg gab ein irakischer Waffenexperte Stern-Reporter Christoph Reuter und Fotograf Thomas Hegenbart in Bagdad den kryptischen Hinweis, dass man sich nach dem Krieg mal unterhalten sollte. Als das Stern-Team am 13. April, vier Tage nach Bagdads Fall, wieder zur Stelle war, wartete er schon auf sie. Und führte die Reporter in den folgenden Tagen zu den geheimen Archiven von Saddams Waffenfirmen, zu Entwicklungslabors der irakischen Raketenproduktion - und zu zwei unauffälligen Bürotrakten mitten in Bagdads Stadtzentrum.
Hier, hinter der unauffälligen Fassade des Handelsunternehmens Bashair, hatte die wichtigste Tarnfirma in Saddams geheimem Rüstungsbeschaffungsprogramm residiert. Im Dämmerlicht stapelte sich hinter Vorhängen auf Tischen, Regalen und Fußboden, wonach die Geheimdienste zuvor immer gesucht hatten: Zigtausende Dokumente, Verträge, Lieferscheine, Zahlungsanweisungen, das Organigramm einer bürokratischen Mafia, deren Beamte alle ihre Deals und Tricks auf Aktenvermerken notierten - wie man westliche High-Tech-Militärgüter heranschafft und die UN-Inspektoren täuschen kann, wer welche Raketen zu welchem Preis liefert und dass die syrischen Mittelsmänner mal wieder viel zu gierig seien.
Es dauerte Wochen, bis unser Team das Material gesichtet, fotografiert und kopiert, übersetzt und auf verschlungenen Wegen außer Landes gebracht hatte. Zu den US-Besatzungstruppen hatten die Reporter wenig Vertrauen - schließlich sind in den Unterlagen neben Firmen aus Russland, Polen, Südkorea oder Deutschland auch solche aus Amerika genannt.
Der Stern übergab alle Deutschland betreffenden Dokumente lieber dem zuständigen Zollkriminalamt in Köln. Wir haben mit unserer Veröffentlichung gewartet, damit die Fahnder das Material in Ruhe auswerten und drei verschiedene Staatsanwaltschaften Ermittlungen einleiten konnten. Jetzt gab es die ersten Hausdurchsuchungen bei deutschen Firmen.
Die Akten belegen viele illegale Rüstungsgeschäfte des Irak, aber eines nicht: dass der Diktator in Bagdad sich heimlich biologische, chemische oder atomare Kampfstoffe besorgt hatte. Für diesen Vorwurf, mit dem George W. Bush seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak begründete, muss der US-Präsident die Beweise erst noch erbringen.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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