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Editorial: Ein glücklicher, grüner Gourmet

Liebe stern-Leser!

Joschka Fischer ist da, wo Angela Merkel und Gerhard Schröder liebend gern hinwollen. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala, und das seit Jahren. Nun muss sich ein Außenminister auch nicht mit dem lästigen innenpolitischen Zeugs rumschlagen, das einem Hans Eichel, einer Ulla Schmidt und dem Kanzler vorneweg dauernd deprimierendste Umfragewerte beschert. Nein, hier Shakehands mit Kofi, da ein Meeting mit Colin, ein Statement zum Flüchtlingselend im Sudan, zehn Tage konferieren in Asien ... da ficht einen der Kleinkram zu Hause nicht an. Dass in Neuhardenberg nur heiße Luft bewegt wurde, wird ihm auch niemand anlasten.

Unangreifbar zog der Alt-Sponti in den vergangenen Jahren seine Spur: hat, beispielsweise, Gewalt als allerletztes Mittel in die deutsche Außenpolitik eingeführt, hat der Stimme Berlins eine neue, selbstbewusstere Tonlage im Konzert der Großen gegeben. Fischers Achterbahn-Leben weckt immer wieder die Neugier der Deutschen. Ein prügelnder Straßenkämpfer, der quer durchs Volk Sympathien sammelt. Erst mit rotzigen Turnschuh-Auftritten im hessischen Parlament, dann als Chef-Realo in der Liga der politisch Mächtigen. Beeindruckt die mittlerweile randlos verdunstete "Neue Mitte" mit seiner melodramatischen Diät- und Laufepisode, arbeitet sich zwischendurch emotional an seiner vierten Ehe ab. Nun verfolgt die Nation den nächsten Akt: mal wieder ein neues Leben des scheinbar alterslosen 56-Jährigen. Mit einer 28 Jahre Jüngeren. Gelaufen wird nicht mehr, nur noch geflogen. Die Rotwein-Abstinenz gilt auch als überwunden, und die Grünen stehen nicht schlecht da. Irgendwie doch ein gutes Gefühl, wenn der Vizekanzler glücklich ist.

Ist das wichtig? Wollen wir das wissen? Ja! Auch der private Außenminister ist, wenn wir Journalisten die Privatsphäre achten, ein Medienthema. Schließlich ist es "Mensch Joschka", der den Grünen Wähler bringt und nicht nur das tolle Parteiprogramm. Eigentlich mag er es ja nicht, wenn man abseits seiner Politik über ihn schreibt. Andererseits war schon sein Buch "Mein langer Lauf zu mir selbst" (1999) eine Einladung an die Öffentlichkeit, dem Privatmann Fischer näher zu kommen.

stern-Autor Claus Lutterbeck begleitet den Chef des Außenamtes seit Jahren. In seiner Titelgeschichte lotet er den Menschen wie den Politiker Fischer aus. Dabei schwingt immer das unerschütterliche Selbstbewusstsein des Ober-Grünen mit. Oder ist es schon Arroganz? Jedenfalls sieht er sich auf der ganz großen Bühne. Die Nachfolge von Kofi Annan sollte es schon sein. Nebenrollen konnte er noch nie gut.

Am 13. August, einem Freitag

, beginnen die 28. Olympischen Spiele in Athen, dort, wo 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden. In einer vierteiligen Serie schildert der stern die dramatischen, oft auch skurrilen Ereignisse, die aus der anfangs belächelten Idee des Barons Coubertin das bedeutendste Sportereignis der Welt machten (Seite 46). Vom halb bewusstlos über die Bahn taumelnden Marathonläufer 1908 in London über Hitlers nationalsozialistische Gigantomanie und die Kommerzialisierung Olympias unter IOC-Präsident Samaranch spannt sich der Bogen bis zum Dopingsieg Ben Johnsons in Seoul 1988 und den Coca-Cola-Spielen von Atlanta 1996. stern-Bildredakteurin Cornelia Bartsch, stern-Reporter Teja Fiedler und stern-Mitarbeiter Christian Meyer, Diplomsportwissenschaftler, arbeiteten sich in den Bibliotheken und Archiven des IOC in Lausanne, der Amateur Athletic Foundation in Los Angeles und der Deutschen Sporthochschule Köln durch Fotos, Protokolle und Olympia-Literatur. Die olympischen Dramen der vergangenen 20 Jahre haben Bartsch und Fiedler hautnah miterlebt: Sie saßen seit 1984 bei fast allen Spielen in den olympischen Stadien.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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