HOME

Editorial: Ein schwacher Abgesang

Liebe stern-Leser!

Kein Politiker hat den stern in den vergangenen zehn Jahren so stark beschäftigt wie Gerhard Schröder. Wir haben seine politische und private Achterbahnfahrt in mehr als einem Dutzend Titelgeschichten und vielen weiteren Artikeln beschrieben: den Aufstieg aus kleinen Verhältnissen ebenso wie die Trennung von seiner Frau Hillu, seinen Triumph über Kohl wie seine Auftritte als Brioni-Kanzler, seinen Mut gegenüber Bush und seinen Niedergang im Strudel der Reformen.

Nun hat er selbst ein Buch über sein "Leben in der Politik" geschrieben, und der "Medienkanzler" kehrt für ein paar Tage auf die politischen Bühnen zurück. Schröders Motiv, seine Memoiren so schnell zu verfassen, ist unverkennbar: Er wollte als Erster seine sieben Jahre rot-grüner Politik in Buchform erklären und bewerten und dies nicht anderen überlassen, Joschka Fischer etwa oder gar irgendwelchen Journalisten. Der Zeitpunkt schien Schröder auch deshalb günstig, weil sich die Große Koalition mit dem Regieren sichtlich schwertut. Das lässt die Erinnerung an die rot-grünen Chaostage verblassen - mittlerweile finden schon wieder 56 Prozent der Deutschen, Schröder sei ein guter Kanzler gewesen.

Beste Voraussetzungen also, sich als weitsichtiger Regierungschef und Reformer darzustellen, der durchaus auch Fehler gemacht hat. Auf 544 Seiten berichtet Gerhard Schröder interessante Details über seine Begegnungen mit Bush und Putin, verteilt Seitenhiebe gegen den zögerlichen Stoiber und die störrischen Gewerkschaftsführer. Über weite Strecken aber ist sein Buch enttäuschend farblos. Er erklärt zu viel und schildert zu wenig. Er lässt seine Leser nicht miterleben, wie es wirklich war. Schröder überliefert kaum Dialoge oder Anekdoten, zeigt nur selten mal Gefühle und Einsichten. Er hatte vorher die Bücher von Adenauer, Brandt und Clinton gelesen und sich an deren Stil orientiert. Was dabei herauskam, ist staatsmännisch, aber leider wenig überraschend.

Während er Angela Merkel mit weitgehender Nichtbeachtung straft, setzt er sich mit seinem ewigen Rivalen Oskar Lafontaine umso ausführlicher auseinander. Schröders These: Das Attentat der geisteskranken Frau, die Lafontaine mit einem Messerstich am Hals lebensgefährlich verletzte, habe diesen zum ängstlichen Aussteiger gemacht, seine Neigung zur Opposition verstärkt.

Lafontaine hat nun exklusiv für den stern eine Replik auf Schröder verfasst und meint darin: "Es ist erstaunlich, wie er sich die Fakten zurechtbiegt." Schröder weigere sich bis heute zuzugeben, dass sein - Lafontaines - Verzicht auf alle Ämter Ergebnis seines - Schröders - Wortbruchs war: "Wir wollten etwas anderes", schreibt Lafontaine im stern auf Seite 50.

Gerhard Schröders großes Verdienst ist und bleibt, dass er Deutschland aus dem rechtlich fragwürdigen und politisch abenteuerlichen Krieg der USA im Irak herausgehalten hat. Allein schon dafür hat er einen Platz in den Geschichtsbüchern verdient.

Ein Porträt dieses widersprüchlichen Mannes mit Zitaten aus seinem neuen Buch und vielen - auch weniger bekannten Bildern - finden Sie im stern ab Seite 30.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

print