Editorial Eine Hand wäscht die andere


Liebe stern-Leser! Der Fall Rudolf Scharping entwickelt sich immer mehr zur Affäre Moritz Hunzinger.

Liebe stern-Leser!

Der Fall Rudolf Scharping entwickelt sich immer mehr zur Affäre Moritz Hunzinger. Eine "Staatskrise"? Unsinn. Die sieht bislang nur der Frankfurter PR-Berater heraufziehen, nachdem der stern dessen dubiose Kontakte zum Ex-Verteidungsminister aufgedeckt hatte. Doch alarmierend ist das allemal. Hunzinger hat nicht nur Scharping 140000 Mark gezahlt und dem Grünen Cem Özdemir 80000 Mark zinsgünstig geliehen. Er hat auf 500 "Parlamentarischen Abenden" und in 143 "Politischen Salons" Politiker und Wirtschaftsführer zusammengebracht, damit sie sich besser verstehen und die Geschäfte hinterher wie geschmiert laufen. Es wäre höchste Zeit, dass ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss Hunzingers Saustall ausmistet. Doch die Legislaturperiode geht zu Ende, und wie es scheint, hat keine Partei großes Interesse an einer Aufklärung. Denn es hängen fast alle mit drin in Hunzingers System des Gebens und Nehmens. Scharping versteht bis heute nicht, was das Problem ist und warum er als Minister politisch untragbar geworden ist. Er sieht Anzeichen für eine "gezielte Kampagne", vermutet eine Verschwörung von Genossen, spricht von "nicht belegten Behauptungen", verwahrt sich gegen die Beschädigung seines Staatsamtes und sagt dann: "Ich unterstreiche dabei ausdrücklich, dass es nicht um meine Person geht."

Wie bitte? Es geht nicht um seine Person? Es geht um Rudolf Scharping und Moritz Hunzinger. Es geht um Kontoauszüge, Rechnungen, Papiere – alles schwarz auf weiß belegt. Und wenn es eine Absprache unter führenden Sozialdemokraten gab, dann allenfalls die, Scharping noch möglichst bis zur Wahl zu ertragen – und ihn erst dann abzuservieren. Er war politisch längst tot. Alle wussten das. Nur Rudolf Scharping nicht.

Wir trafen ihn das letzte Mal am 24. Juni, einem Montagabend. Er hatte sich überraschend zu einem "Hintergrundgespräch" in der stern-Chefredaktion angesagt. Am nächsten Tag war eine Kommandeurstagung in Hamburg. Uns passte der Termin überhaupt nicht. Wir hatten gerade von seinen seltsamen Geschäften mit Moritz Hunzinger erfahren, wollten erst recherchieren und ihn dann mit den Ergebnissen konfrontieren. Wir redeten über die absurde Geheimniskrämerei der Bundeswehr in Afghanistan und die desolate Lage der SPD. Als wir auf seine katastrophalen Bade-Fotos aus Mallorca zu sprechen kamen, konnte ich es dann doch nicht lassen, ihn nach seinem PR-Berater zu fragen. Scharping stritt rundweg ab, Hunzinger näher zu kennen. "Ich habe nur mal Vorträge bei ihm gehalten, dafür dreimal 20000 Mark bekommen und das Geld an die SPD weitergeleitet. Sonst habe ich nichts mit ihm zu tun." Kein Wort über das Konto, auf dem das Geld in Wahrheit verblieb, den angeblichen Vorschuss von 80000 Mark auf ein Buch-Honorar, die Aktienspekulationen, die Klamotten-Käufe, die Treffen mit Rüstungsmanagern. Inzwischen hat Scharping auf einen Fragen-katalog des stern geantwortet. Viel Neues hat er nicht mitzuteilen – siehe Seite 32 in der Printausgabe.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn


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