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Meinung

"Peinlich, traurig, unanständig, dämlich": Tschüs, SPD! Der traurige Abschiedsbrief einer langjährigen Wählerin an die Genossen

Alles hat einmal ein Ende. Auch das wohlige Gefühl, eine Stammwählerin zu sein. Ein Brief von stern-Autorin Ulrike Posche an die SPD.

Die drei Interims-Vorsitzenden Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer (v.l.)

Komissarisch an der SPD-Spitze: Die drei Interims-Vorsitzenden Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer (v.l.)

DPA

Liebe SPD,

Journalisten outen sich ja normalerweise nicht, aber ich sag das jetzt einfach mal: Ich habe Euch mein ganzes Leben lang gewählt. Euch gescheiterte Kanzlerkandidaten und siegreiche Kanzler, Euch Erste Bürgermeister und Ministerpräsident*innen und auch Euch Europa-Abgeordnete. Oft wusste ich nicht einmal, wer in Straßburg und Brüssel gerade antrat. War auch egal.

SPD-Wählen ist ein Reflex bei mir. Nein, nicht "ist" – war ein Reflex! Ich werde Euch nämlich nicht mehr wählen. Es geht nicht mehr. SPD isch over.

Die SPD: peinlich, traurig, unanständig, dämlich

Es ist mir zu peinlich, wie Ihr Euch präsentiert, zu traurig, wie Ihr argumentiert, zu unanständig, wie Ihr mit Euren Leuten umgeht. Und zu dämlich, wie Ihr bei Ursula von der Leyens Wahl das Momentum verpasst habt und als störrische Esel in der Verhockung bliebt.

Katarina Barley war doch eine kluge Ministerin! Sie war gewandt, weltläufig, sie tänzelte mit Richard Gere über den roten Teppich, Händchen haltend. Dann verlor sie als EU-Spitzenkandidatin der SPD erst elf Sitze bei der Wahl im Mai – und anschließend ihr Gespür für die Stimmung.

Wie kann so etwas passieren? War es, weil sie nicht mehr vom Machtglanz der Hauptstadt überstrahlt war; von der Bedeutung des Kabinettstischs unterfüttert? Haben die Genossen, mit denen sie es nun zu tun hatte, sie kleingemacht im Kopf? Sie und fünfzehn andere haben von der Leyen nicht gewählt – anstatt sich an die Spitze des deutschen Teams zu setzen.

Die Sonne steht inzwischen so tief über der Partei, dass selbst kleinste Zwerge Schatten werfen.

"Die Anna ist SPD"

In der SPD zehrten sie lange von diesen Familiengeschichten: "Wir haben immer Sozialdemokraten gewählt, Familientradition …" Gab es oft. Über meine Oma hieß es während der NS-Zeit: "Die Anna ist SPD." Es war nicht ungefährlich, "SPD zu sein", die Partei war bekanntlich verboten. Aber Anna hat trotzdem nie NSDAP gewählt. Sie hat zwei Söhne im Krieg verloren. Sie war später für Willy Brandt und schwärmte für Helmut Schmidt. Sie gab mir das Gefühl, wenn man SPD wählt, ist man bei den Guten. Als sie sehr alt war, versprach ich ihr, nie etwas anderes zu wählen. 

Mein erstes Mal war dann 1976, Helmut Schmidt. 1980 noch einmal Schmidt. Richtig toll fand ich ihn zwar nicht, weil sich mir seine intellektuelle Kraft damals noch nicht erschloss, aber was sollte man machen, der Gegner hieß Franz Josef Strauß. Das Irrationale war, dass ich von meinem Studienort Münster aus sogar mit dem Fachschafts-Bus nach Bonn gefahren bin, um gegen seinen Nato-Doppelbeschluss zu demonstrieren. Ich weiß noch, dass wir auf der heißen Autobahn parken mussten und ich mir meine nagelneuen Sandalen im aufgeweichten Bitumen der Fahrbahn versaut habe. Trotzdem SPD gewählt!

Dann kam 1983 Helmut Kohl, ich wählte tatsächlich – man glaubt es nicht – seinen Herausforderer Hans-Jochen Vogel. Dabei war ich damals noch jung und idealistisch und hätte Petra Kelly und Otto Schily von den Grünen meine Stimme geben können. Ich fand aber: Versprochen ist versprochen. Ich fühlte mich als Traditions-Sozialdemokratin, das Herz schlug rot. Natürlich haben die auch eine Menge für mich getan, damals: Mengenlehre im Mathe-Unterricht, Bafög-Erhöhung, ich musste keine Studiengebühren zahlen … Mehr fällt mir zwar gerade nicht ein. Aber ich fand die Politik der SPD in Ordnung.

Die SPD war ein reiner Männerverein – es störte mich nicht

Im Jahr 1987 wurde ich 30, und der amtierende NRW-Ministerpräsident Johannes Rau trat gegen Helmut Kohl an. Es störte mich offenbar kein Stück, dass Frauen praktisch nicht vorkamen in der SPD. Ein reiner Männerverein. Oskar Lafontaine war wenigstens jung und schlagfertig. Aber warum wählte ich sogar ältere Herren in gemütlichen Zweireihern? Irgendwas stimmte nicht mit meinen Reflexen. Nur als Gerhard Schröder 1998 fast im Alleingang die Kohl-Ära beendete, war ich endlich auf der Siegerseite. Es war großartig. Auch journalistisch. Wir durften jetzt zu Staatsbesuchen im Regierungsflieger mitreisen und nicht wie bei Kohl mit Tui hinterher.

Dann allerdings wurde es langsam schwierig. Die Partei wollte immer stärker mitbestimmen, wer in ihr das Sagen hatte. Ich will nicht behaupten, dass es grundsätzlich schlecht ist, wenn es heißt: "Jeder kloppt sein Ei dabei", aber bei der Organisation von Parteien ist es nachweislich superschlecht! So schlecht, dass viele Sozialdemokraten es neulich für denkbar hielten, beim nächsten Parteitag die 76-jährige Professorin Gesine Schwan mit dem 30-jährigen Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert als neues Vorsitz-Gespann zu wählen.

Sicher, Schwan ist eine kluge Frau und Kühnert – mein Gott, warum soll ein Juso-Chef mit Erfahrung im Callcenter-Business nicht mal Ideen für den Autokonzern BMW haben dürfen (Thema "Verstaatlichung")? Viele nannten das ungleiche Paar in Anspielung auf den amerikanischen Kultfilm "Harold and Maude", was ziemlich gemein war. Aber triftig.

"If you want to be free, be free", singt Cat Stevens in diesem Film. Es können aber doch bitte nicht eine Pudellockige und einer im Lukas-der-Lokomotivführer-Hemd mit Entenbürzel auf dem Kopf so frei sein und die SPD übernehmen! Es will doch keiner eine Partei wählen, deren Vorsitzender tindert! Auch die Bewerberin Schwan hat das abgelehnt. Ihr Partner werde nicht den Vornamen "Kevin" tragen, ließ sie ausrichten.

Alles im Leben rächt sich irgendwann

Woran ich aber ursprünglich erinnern wollte, das war die Geburtsstunde des Abstiegs. Düsseldorf, Juni 1993. In einer Urwahl setzte sich Rudolf Scharping als Parteivorsitzender und damit Kanzlerkandidat gegen Gerhard Schröder durch. Es war aus meiner Sicht ein reines Abstrafmanöver. Schröder war seiner Partei zu selbstbewusst, zu machtverliebt. Die Genossen wählten lieber den aussichtsloseren Seelenstreichler, den sozial Verträglicheren als einen, der es kann. Denn niemanden hasst das Orchester mehr als den Solisten. Und Schröder war Solist. 

Danach begann die Herrschaft der kleinen Karos und Stehgeiger in der Partei. Die Aufbegehrenden in der zweiten und dritten Reihe wollten es nicht mehr hinnehmen, wenn einer die Rübe aus dem Feld der Mittelmäßigen erhob. Scharping verlor natürlich. Ich hatte ihn gewählt und ihn an seinem Wahltag als stern-Reporterin sogar vom Binden der Krawatte am Morgen bis zur ersten Hochrechnung am Abend begleitet. Armer Mann, so ein Verlierer. Er wurde auf dem berühmten Mannheimer Parteitag dann auch noch handstreichartig als Vorsitzender abserviert. Demütigend, mitleidslos, eine menschliche Tragödie. Andrea Nahles hat dazu gejubelt. Es gibt diese Bilder von ihr. Und heute könnte man sagen: Alles im Leben rächt sich irgendwann.

Selbst wenn mir der robuste Umgang unter Sozen (Heide Simonis, Kurt Beck, Martin Schulz) nie gefiel – höhere Mächte haben mich an der Wahlurne auch weiterhin gezwungen, das Kreuz bei der SPD zu machen. Auch später, als ich längst Merkel-Fan war, wählte ich Steinmeier. Und Steinbrück. Und Schulz. Ich meine, es gehört schon einiges an Leidensfähigkeit dazu, Peer Steinbrück zu wählen – und nicht schon allein aus feministisch-solidarischer Wallung heraus die tüchtige Frau. Oder etwa nicht?

Der Umgang der SPD mit Andrea Nahles: niederträchtig

Ich habe erlebt, wie Andrea Nahles kleingemacht wurde, als sie es wagte, gegen den von der Partei vergötterten Vorsitzenden Franz Müntefering zu opponieren. Ich habe erlebt, wie sie als Generalsekretärin weinend vor Wut über den Flur der Parteizentrale in ihr Büro lief, weil der Vorsitzende Sigmar Gabriel sie zur Schnecke gemacht hatte.

Ich war nicht dabei, als die Fraktion sie nach den vergeigten Wahlen im Mai zum Rücktritt trieb. Wie man hörte, war es demütigend, mitleidslos, eine menschliche Tragödie. Ich fand es niederträchtig. Sie war es schließlich, die den Job übernommen hatte, nachdem sich alle Herren aus dem Staub gemacht und Trümmer hinterlassen hatten!

Ich mochte Andrea Nahles. Ich fand, dass sie ein echtes political animal war, im guten Sinne. Eine Kämpferin, manchmal emotional etwas zu schwingungsfähig. Das will ich gern zugeben. Sie hatte große peinliche Momente. Na und? Hätte die Partei sie nicht trotzdem ein bisschen mehr stützen können, ein bisschen mehr lieben? Nahles war eine gute Ministerin, sie könnte es noch sein, hätte sie sich nicht verantwortlich gefühlt – für die SPD und alle, die in ihr sind. Aber sie hob den Kopf zu hoch.

Bei der nächsten Wahl bin ich raus

Erinnern Sie sich noch an Andrea Ypsilanti? Die wollte 2008 Ministerpräsidentin einer rot-grünen Minderheitsregierung in Hessen werden und sich von der Partei Die Linke tolerieren lassen. Riesentheater, Sakrileg, Tabubruch! Vier aus den eigenen Reihen lehnten das ab. Lieber übergaben sie die Regierung Roland Koch von der CDU und jagten die eigene Frau vom Hof und aus dem Bundesvorstand.

Oder nehmen Sie Hannelore Kraft. Die hatte sieben Jahre lang das bevölkerungsreichste Bundesland regiert, Nordrhein-Westfalen. Dann verlor sie 2017 die Wahl und verdampfte randlos. Nie käme heute einer auf die Idee, dass Hannelore Kraft vielleicht eine passable Parteivorsitzende sein könnte, stattdessen wirft ihre frühere Familienministerin den Hut in den Ring. Eine Politikwissenschaftlerin aus Gütersloh! Und Kraft, der man die Befähigung zu Höherem immer beschieden hat, sitzt als Hinterbänklerin im Düsseldorfer Landtag. Gut, sie machte als Ministerpräsidentin den blöden Fehler zu sagen, sie gehe "nie, nie, nie" nach Berlin. Aber das hieß ja nur: "Liebe NRWler, ihr könnt auf mich bauen, ich lasse euch nicht im Riss!" Annegret Kramp-Karrenbauer hatte auch abgewunken. Dann änderte sich die politische Lage, und sie marschierte ins Kabinett. Warum sollte sie sich an ihrem "Geschwätz von gestern" (Adenauer) groß stören? 

Sigmar Gabriel, der übrigens auch aus völlig verrückten Gründen das Parteiamt wegwarf, scheint überhaupt kein Problem damit zu haben, widersprüchliche Signale auszusenden. Am 2. Juli fordert er die Auflösung der Großen Koalition, weil die Kanzlerin bei der Nominierung Ursula von der Leyens einen "beispiellosen Akt der Trickserei" hingelegt habe; und Tage drauf erklärt er generös, sie könne "eine gute Kommissionspräsidentin werden, das steht völlig außer Frag". Zwei verschiedene Paar Schuhe? Quatsch! Es war hü und hott. Nur Katarina Barley, die einst so Strahlende, hatte offenbar nicht mitbekommen, wie sich die Stimmung gedreht hatte. Nach von der Leyens Wahl wirkte sie im Fernsehen auf einmal so aschig und müde wie ihre Partei.

Liebe SPD, es tut mir wirklich leid, aber bei der nächsten Wahl bin ich raus.

Diese Geschichte stammt aus dem aktuellen stern