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Politiker und der Boulevard Friedrich Merz kocht also gern Spaghetti. Warum sollen wir das wissen?

Friedrich Merz, Bewerber um den CDU-Parteivorsitz, und Charlotte Merz
Friedrich Merz, Bewerber um den CDU-Parteivorsitz, und Charlotte Merz beim CDU-Bundesparteitag im Dezember 2018
© Michael Kappeler / DPA
Wenn es in der Politik persönlich werden soll, kann der Auftritt in einem Hochglanzmagazin helfen. Oder für einen jähen Knick in der Karriere sorgen.

Nun also auch das Ehepaar Merz. Warum auch nicht? Im Politikbetrieb sind die Gelegenheiten ja durchaus überschaubar – weil auch nicht unbedingt gefragt –, sein Innerstes nach außen zu kehren. Der Bundespressekonferenz, dem routinierten Fragen-Stakkato der Hauptstadtjournalisten, haben wir folgende Erkenntnisse jedenfalls nicht zu verdanken: dass es etwa Anton Hofreiters "heimliche Leidenschaft" ist, Aquarelle zu malen. Oder Sahra Wagenknecht ein so großer Fan von Frida Kahlo sein muss, dass sie sich sogar als die Künstlerin einkleiden lässt. Und, neuerdings, dass Friedrich Merz gern Spaghetti Frutti di Mare kocht.

Das hat Charlotte Merz nun im Gespräch mit der "Bunten" preisgegeben. Die Ehefrau des CDU-Politikers hat dem Klatschmagazin – das persönlichen Geschichten stets eine unvergleichliche Bühne bietet –, offenbar einen ungewohnt offenen Einblick in das Privatleben der Eheleute Merz gegeben. Aber warum? Warum plaudern Politiker, oder ihre Partner, überhaupt über Privates?

"Total verliebt auf Mallorca", während sich die Bundeswehr bereit macht

Über die mutmaßlichen Motive lässt sich natürlich reichlich spekulieren, wenngleich ein gewisser Drang zur Selbstdarstellung ausgemacht scheint. Für manch einen Mandatsträger wurde der Versuch, dem bierernsten Politiker-Profil eine persönliche Note zu verpassen, allerdings schon zum Verhängnis.

Torsten Albig, der damalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, hat sich um Amt und Kragen geredet, als er 2017 in der "Bunten" über das Ende seiner Ehe auspackte. Nicht wenige glauben, dass der SPD-Politiker bis heute die Amtsgeschäfte in Kiel führen könnte, wenn er geschwiegen hätte.

Albig ließ sich für die Illustrierte mit seiner neuen Liebe ablichten und wusste über die Trennung von seiner langjährigen Ehefrau zu berichten: "Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller als ihres." Oder, er habe sich mit der Gattin kaum mehr "auf Augenhöhe" ausgetauscht. Grund: "Ich war beruflich ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen."

Der Minister erzählte zwar auch vom gemeinsamen Heilfasten mit seiner neuen Freundin, doch blieben vor allem die Sätze über seine Ex-Frau hängen. Vielen Wählerinnen und Wählern hat diese Wortwahl wohl nicht gefallen. Albig wurde wenig später abgewählt.

Auch der damalige SPD-Verteidigungsminister Rudolf Scharping konnte nicht der Versuchung widerstehen, sein neues Liebesglück 2001 von der "Bunten" in Szene setzen zu lassen. Er war "Total verliebt auf Mallorca", so die Schlagzeile auf dem Hochglanz-Cover, und planschte mit "Staranwältin" Kristina Gräfin Pilati-Borggreve im Swimmingpool auf Mallorca – während die Bundeswehr unmittelbar vor einem Einsatz in Mazedonien stand. Knapp ein Jahr später wurde Scharping von Bundeskanzler Gerhard Schröder entlassen. Ein Grund war auch der Verlust von Ansehen und Respekt in der Bundeswehr.

Keinen Gefallen dürfte sich auch Christoph Ahlhaus getan haben, der 2010 als Erster Bürgermeister Hamburgs auf Ole von Beust gefolgt war, und sich kaum 100 Tage im Amt hielt. Für ein gemeinsames "Bunte"-Interview posierten Ahlhaus und seine Gattin im Hamburger Nobelhotel "Vier Jahreszeiten", was im nüchternen Norden als höchst "unhanseatisch" aufgenommen wurde. Das "Powerpaar von der Elbe", wie sie sich nannten, wurden vor allem mitleidig belächelt. 

Die Sache mit der Hose

Dass Merz über das "Bunte"-Gespräch seiner Frau stolpern könnte, ist unwahrscheinlich. Vorabmeldungen zufolge hat Charlotte Merz in dem Interview etwa verraten, wie schwierig es zunächst für sie gewesen sei, sich als Paar nach dem Auszug der drei gemeinsamen Kinder wiederzufinden. Oder, wie ihre Beziehung begonnen habe (es war "Liebe auf den ersten Blick"). Aber auch, dass ihr Ehemann "gut für Deutschland ist, dass er etwas bewirken kann." Für Friedrich Merz, der Anfang Dezember auf dem Bundesparteitag zum CDU-Vorsitzenden gewählt werden will, dürfte diese liebevolle Wahlempfehlung nur opportun erscheinen. Zumal der Christdemokrat zuletzt durch umstrittene Aussagen für Schlagzeilen gesorgt hat. 

Für Michael Graeter ist das Motiv hinter den privaten Einblicken "Eitelkeit allererster Güte", wie er 2017 mit Blick auf die Homestory mit Torsten Albig im Gespräch mit dem "Spiegel" sagte. Der Boulevard-Reporter, der für die "Abendzeitung", "Bild" und auch "Bunte" geschrieben hat, war Vorbild für die Figur des Baby Schimmerlos in Helmut Dietls Journalisten-Serien-Satire "Kir Royal". "Und dann ist es auch die Lust auf Abwechslung, die bringt ein bisschen Glanz ins graue Umfeld. Außerdem kommt man ein bisschen besser rüber und bleibt im Gespräch, wenn man sein privates Leben in die Öffentlichkeit stellt."

Auch Armin Laschet, der Umfragen zufolge im Rennen um den Parteivorsitz hinter Merz liegt, hat offenbar nichts gegen diese Form von Aufmerksamkeit. Vor Kurzem ist dessen neue Biografie "Der Machtmenschliche" erschienen. Die Biografie ist nicht von Laschet autorisiert. Doch der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat den Autoren private Bilder zukommen lassen. Und so sieht man in dem Buch Laschet zum Beispiel bei seiner Abiturrede im Bischöflichen Pius-Gymnasium in Aachen.

Doch ob Buch oder "Bunte"-Story: Was bei den Leserinnen und Lesern hängen bleibt, steht selten in der Macht der Protagonisten. Vor allem ein Satz aus dem Interview mit Charlotte Merz hat offenbar einen Haken im Gedächtnis geschlagen: "Er geht auch einkaufen oder bügelt seine Hosen selbst." Was womöglich der zweifelhafte Beweis seiner Boden- oder Selbstständigkeit sein sollte, wird in sozialen Netzwerken nun zum Aufhänger zahlreicher Gags. Ein Nutzer fragt sich: "Ob Friedrich Merz gerade seine Hose bügelt?"


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