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Kolumne: Hier spricht der Boomer Unsere Politiker sind von gestern. Wen soll ich bloß wählen?

Links: Norbert Walter-Borjans (SPD) zusammen mit Friedrich Merz (CDU)
Links: Norbert Walter-Borjans (SPD) zusammen mit Friedrich Merz (CDU). Kolumnist Frank Schmiechen fragt sich, wen man heute eigentlich noch wählen soll.
© Federico Gambarini / DPA
Friedrich Merz fängt beim Thema Homosexualität an zu schwafeln. Christian Lindner findet Altherren-Witze lustig. Markus Söder will die "Zügel anziehen" Unser Kolumnist Frank Schmiechen fragt sich, wen man heute eigentlich noch wählen soll.
Von Frank Schmiechen

Ist denn wirklich niemand da, der von mir gewählt werden will? Wo ist das politische Personal, das den aktuellen Stand unserer Gesellschaft abbildet? Es hat sich so viel verändert in den vergangenen 35 Jahren. Ich habe den Eindruck, dass unsere Politiker nicht mitgekommen sind. Wissen sie wirklich, wo sie sind und was sie machen? Wo wir sind und was wir so machen?

1. Friedrich Merz – Unser Mann für Bonn

In den Gehirnwindungen des Herrn Merz kommen sich die Themen Homosexualität und Pädophilie gefährlich nahe. Ein Denkmuster aus längst vergangenen Zeiten. Und dann äußert der Mann, der wegen akuten Reichtums nie wieder arbeiten müsste, auch noch die Sorge, die Deutschen könnten sich in der Corona-Zeit das Arbeiten abgewöhnen. Ausgerechnet jetzt, während Millionen Menschen um ihre Jobs bangen.

Nach jedem zweiten Merz-Interview muss aufwendig erklärt und analysiert werden, was der Sauerländer gemeint hat. Von einem zukünftigen Parteichef und Kanzlerkandidaten erwarte ich, dass er Klartext spricht. Das kann Merz. Aber er traut offenbar seinen eigenen Überzeugungen nicht – und verfällt deshalb ins Geschwurbel. Friedrich Merz ist ein Mann für Bonn! Aber auf keinen Fall für Berlin. 

2. Christian Lindner – Nicht, was Sie jetzt denken

Nein, ein schaler Scherz ist noch lange kein Grund, einen Politiker zu verdammen. Aber wie kann ein intelligenter, moderner Mann wie Christian Lindner auf die Idee kommen, seine frisch abgelöste Generalsekretärin mit einem Altherren-Witz zu belästigen? Diesen "Witz" hatte er übrigens schon vor Jahren in abgewandelter Form erzählt. Mit Claudia Roth als Hauptfigur.

Viele altliberale Ü-60er und Genscher-Fans sprechen immer noch von einem "Bubi" oder "Klassensprecher", wenn es um Lindner geht. Aber ein Teil von Lindner ist offenbar vorzeitig gealtert. Er hat sich enttarnt – aber immerhin entschuldigt. 

3. Markus Söder – Der Mann mit den Zügeln

Ausgerechnet im weiß-blauen Land des Knallhart-Corona-Kämpfers passieren Fehler bei den Tests und das Virus ist wieder in bedenklichen Mengen unterwegs. Jetzt soll die Maskenpflicht in Teilen der Münchener City eingeführt werden. Das hat auch Markus Söder befürwortet, der neulich in Sachen Corona ankündigte, "die Zügel etwas anzuziehen".

Wir sind keine bayerischen Brauereipferde! Mit uns kann man vernünftig reden. Dann verstehen wir vielleicht auch, warum jetzt im Freien Masken getragen werden sollen und warum Söder jetzt schon über die mögliche Öffnung von Weihnachtsmärkten spricht.

4. Saskia & Norbert – Ein Herz für Sozis

Wenn das Führungsduo der Sozialdemokraten im TV auftaucht, weht ein Hauch von Herbert Wehner durch das Wohnzimmer. Ein Hauch aus der Zeit, als man noch Pfeife rauchte, unverständlich aus dem Mundwinkel schimpfte und zum 1. Mai rote Fahnen aus dem Kartoffelkeller holte. 

"Nowabo" glänzte zuletzt mit Wortschöpfungen wie "Täter-Banken" oder "Moralminimierung". Großbanken, Wachstum, Konsum – willkommen im Land der Feindbilder aus den 70er-Jahren. Gähn. Esken setzte mit ihrem Generalverdacht gegen Polizisten und der pauschalen Beleidigung von Tausenden Demonstranten als "Covidioten" noch einen drauf. Wie wäre es denn mal mit neuen Ideen statt abgestandener Links-Folklore? 

5. Annalena Baerbock – Zeit für die Cello-Stunde

Im Anbetracht all dieser aus der Zeit gefallenen Figuren wirkt Annalena Baerbock von den Grünen schon fast modern. Aber sie wird erst noch beweisen müssen, dass sie die Grünen ohne Mast- und Schotbruch in Richtung Schwarz-Grün manövrieren kann.

Dabei steht sie sich mit gequirltem Gequatsche wie: "Jeder Mensch hat das Recht auf Asyl" oder "Rohstoffe wie Kobold – wo kommen die eigentlich her ...?" selbst im Weg. In solchen Momenten klingt dann eher nach Cello-Spielerin aus der gymnasialen Mittelstufe als nach der nächsten Vizekanzlerin.

Die Deutschen sind viel weiter als ihre Politiker. Unsere Parteien bilden ein Land ab, das es nicht mehr gibt. Wo ist der politische Nachwuchs, der weiß, wie auf den Straßen gesprochenen, gedacht, gearbeitet, geliebt und gelebt wird? Der hätte meine Stimme. Sofort.

rw

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