Editorial Themenkärtchen "Eurowut"


Liebe stern-Leser! Es sieht ganz so aus, als gäbe es im Regierungslager eine versteckte Baracke, in der heimlich

Liebe stern-Leser! Es sieht ganz so aus, als gäbe es im Regierungslager ein versteckte Baracke, in der heimlich Versuchskaninchen gezüchtet werden. Aufgabe: Welches von ihnen eignet sich am besten, um den Wähler zu verzaubern und die SPD zu einen? Das mit der Kennmarke „Verteidigt den Sozialstaat gegen Stoiber“, „Bush ist unser bester Freund“ oder vielleicht „Nieder mit den europäischen Rechtspopulisten“ (siehe Kolumne Seite 54 in der Printausgabe)? Vergangene Woche durfte ein neues Kaninchen probehalber aus dem Zylinder lugen: Das mit dem Themenkärtchen „Eurowut“. Schröder entdeckte scheinbar über Nacht den Teuro und animierte die Deutschen indirekt zum Boykott. Der Verbraucher solle durch „Kaufverachtung“ bestrafen. Am Tag darauf holzte Hans Eichel hinterher: „Schwarze Schafe abstrafen“. Und selbst Renten-Riester, der ja auch irgendwie mit Geld zu tun hat, rief via „Bild“ zum Kampf gegen Preistreiber auf. Plötzlich also diese Aufwallung im Kabinett. Was war geschehen? Mussten die Politiker ihre Gehaltskonten überziehen, weil die täglichen Lebenshaltungskosten ihre Ministersaläre auffressen? Nicht doch, sie haben nur gemerkt, dass aus dem doch so blöden Verbraucher, der einfach nicht wahrhaben will, dass nichts teurer geworden ist, demnächst ein Wähler wird. Zuständigkeitshalber wurde auch Renate Künast („…notfalls den Stamm-Friseur wechseln“) befragt, immerhin Ministerin für Verbraucherschutz und nicht nur für BSE-Kühe im Amt. Die hatte die Eurowut der Bürger in den vergangenen Monaten völlig verschlafen, eingelullt von den Bundesstatistikern, die im April eine Inflationsrate auf Zwei-Jahres-Tief ausmachten.

Dass diese 1,6 Prozent nur die halbe Wahrheit sind, hat der stern schon vor drei Wochen beschrieben. (Heft Nr. 19/2002, „Zoff um den Euro“)*. In dem berüchtigten Warenkorb zur monatlichen Inflationsberechnung liegen 750 Güter und Dienstleistungen, darunter Autos, Fernseher und Reisen, alles keine Teuro-Produkte. Im Gegenteil. Aber wer kauft sich schon jeden Monat einen Golf, einen Mallorca-Urlaub und ein TV-Gerät? Es sind die Alltagsausgaben, die eine gefühlte Inflation von zehn, 20 oder 30 Prozent provozieren. Der Konsument braucht ständig mehr Geld, um die gleichen Waren zu kaufen. Sicher ist: Viele Händler und Dienstleister reizen die Schmerzgrenze der Verbraucher aus. Das belegen allein die Teuro-Beispiele, die stern-Redakteure in der vergangenen Woche recherchierten (ab Seite 178 in der Printausgabex ). Oder die wütenden Einträge in den Internet-Foren. Ein User verweist dort auf Strauchtomaten, die wegen des angeblich harten Winters in den Mittelmeerländern im Januar plötzlich von 3,98 Mark auf 3,98 Euro kletterten. Das Schlimme daran sei, schreibt er, dass „dieser grausame Winter bis zum heutigen Tage dort anhält“.

Herzlichst Ihr Andreas Petzold


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