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Editorial: Wie fühlt sich Arbeitslosigkeit an?

Zu den bittersten Zahlen dieses Winters gehören die Ergebnisse der Arbeitslosenstatistik

Liebe stern-Leser!

Zu den bittersten Zahlen dieses Winters gehören die Ergebnisse der Arbeitslosenstatistik: Wer nicht betroffen ist, nimmt die 4,184 Millionen kopfschüttelnd zur Kenntnis, aber die wenigsten ahnen, wie sich Arbeitslosigkeit anfühlt.
In dem Heer der Namenlosen hat stern-Reporterin Frauke Hunfeld nach einem Betroffenen gesucht, um dessen Geschichte zu erzählen. Doch die meisten wollten anonym bleiben. Sie stieß beispielsweise auf eine 39-jährige Volljuristin aus Berlin, mit Zusatzstudien in Amerika und der Schweiz sowie einer Sonderausbildung in Europäischem Recht, die zuletzt als Justiziarin in einer wissenschaftlichen Gesellschaft gearbeitet hatte. 160 Bewerbungen haben nichts gebracht, aber sie wollte ihren Namen nicht preisgeben, weil sie bei Bewerbungen immer so tut, als würde sie noch arbeiten. Wer irgend kann, vertuscht seine Arbeitslosigkeit, denn sie ist ein Hindernis auf dem Weg zum neuen Job.
Dirk Jung, 45, Industriekaufmann, fand Hunfeld schließlich über einen kleinen Leserbrief in einer Regionalzeitung. Einer, der scheinbar alles richtig gemacht hatte, der keine überzogenen Ansprüche hat, einer, der alles versucht hat. Bereitwillig ließ er sich dabei zugucken, wie es ist, wenn jemand versucht, die Zeit totzuschlagen. Er hofft, dass sich vielleicht nach diesem stern-Bericht (Seite 98) etwas bewegt in seinem Leben. "Am Anfang hatte ich Angst, dass uns nach zwei Tagen der Gesprächsstoff ausgeht, aber das war ein Irrtum", sagt Frauke Hunfeld, "ich hatte einfach nicht daran gedacht, dass der Mann seit fünfzehn Monaten allein zu Haus ist, jedenfalls am Tage, und dass er einen unglaublichen Gesprächsbedarf hat."
Arbeit ist eben mehr als Arbeit. Der Mehrwert ist auch: Kommunikation, Anerkennung, Miteinander.
Weltweit gilt Guantanamo als Symbol für den Missbrauch von Menschenrechten. Ohne sich um rechtsstaatliche Prinzipien zu scheren, interniert und verhört die US-Regierung auf ihrem Marinestützpunkt im Südosten Kubas 660 terrorverdächtige Ausländer - unbegrenzt, ohne Anklage. Nur gegen 36 Inhaftierte hätten die USA "so was wie Beweise", sagten Diplomaten dem stern. Selbst CIA-Direktor George Tenet habe in vertraulichen Gesprächen erklärt: "Mindestens ein Drittel der Inhaftierten ist unschuldig." Nach Recherchen im Pentagon über geplante Militärprozesse gegen sechs der Gefangenen konnte stern-Reporter Uli Rauss das Lager besuchen. Häftlinge durfte er dabei nur sehen, nicht sprechen. Eine Hand voll Soldaten notierte bei Interviews mit eingeschüchterten Wärtern, Offizieren, Geistlichen die Fragen und Antworten mit - und fuhr dazwischen, sobald Kritisches aufkam. Ein realistisches Bild über Guantanamo entstand erst anderswo: In Pakistan und Afghanistan berichteten entlassene Gefangene den stern-Reportern über Hungerstreiks und Psychofolter. In Amerika redeten Terrorfahnder über dubiose Verhörmethoden und Anwälte über die haarsträubende Rechtskonstruktion, mit der die Bush-Regierung sie von ihren Mandanten in Guantanamo fernhält.
In England und Kuwait, Bahrein und Bremen recherchierten Uli Rauss und stern-Kollege Joachim Rienhardt den Kampf der Familien um ihre Söhne.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold