Interview mit dem Regisseur von "Feuerherz" Wenn Neunjährige zur Waffe greifen


Luigi Falornis Verfilmung des umstrittenen Romans "Feuerherz" sorgt gerade für Gesprächsstoff. stern.de sprach am Rande der Berlinale mit dem Regisseur über fehlgeleitete Ideale, Kindersoldaten und das italienische Erbe Eritreas.

"Feuerherz" ist Ihr erster langer Spielfilm - und gleich auf der Berlinale - haben Sie damit gerechnet?

Ich habe es mir sehr gewünscht, aber rechnen kann man damit natürlich nicht, vor allem mit einer Teilnahme im Wettbewerb. Besonders dieses Jahr sind sehr viele sehr gute Filme eingereicht worden. "Feuerherz" ist für mich als erster langer Spielfilm eine echte Feuertaufe gewesen. Dem Projekt standen viele Hindernisse im Weg, und als wir beim Dreh im Norden Kenias waren, in der Hitze, in dem Staub, bewacht von schwer bewaffneten Soldaten wegen der schwierigen Sicherheitslage, da habe ich an alles gedacht, außer eines Tages frisch geduscht und in einem schönen Anzug die Premiere im Berlinale Palast feiern zu dürfen.

Inspirationsquelle war ein Buch, dass derzeit sehr umstritten ist. Was sagen Sie zu den Vorwürfen, es habe gar keine Minderjährigen an Waffen gegeben in Eritrea?

Bei all den hitzigen Diskussionen um die Autobiographie, die Kernaussage dieses Buchs bleibt unumstritten: Es ist eine nachgewiesene historische Tatsache, dass auch Kinder und Jugendliche im eritreischen Befreiungskrieg gekämpft haben. Die Autorin Senait Mehari hat dieses Thema als erste Eritreerin an die Öffentlichkeit gebracht und damit viel Zorn von der eritreischen Gemeinde auf sich gezogen. Das hat bisher kein Landsmann von ihr gewagt. Ich habe selbst beim Dreh zu spüren bekommen, wie massive Einschüchterung funktioniert. Deshalb wollte ich, dass der Film auch wie das Buch "Feuerherz" heißt, auch wenn er davon nur inspiriert ist. Der gleichnamige Filmtitel drückt meine Anerkennung für den Mut der Autorin aus.

Warum haben Sie "Feuerherz" in Kenia gedreht?

Mein Wunsch war, in Eritrea zu drehen, an originalen Schauplätzen, wo sich die Kämpfe zugetragen haben, mit Eritreern. Eritrea hat eine eigene Landschaft und Architektur, noch geprägt von alten italienischen Kolonialzeiten. Die Leute und die Gesichter sind sehr eigen für dieses Land und die Sprache. Dann wurde aber die Drehgenehmigung von Seiten der eritreischen Regierung verweigert. Das Naheliegende wäre gewesen, in Äthiopien zu drehen, weil die Landschaften ähnlich sind und es eine Riesengemeinde von Tigrinya sprechenden Menschen in Äthiopien gibt. Aber das wäre ein Affront gewesen, einen Film über den eritreischen Unabhängigkeitskampf von Äthiopien in Äthiopien zu drehen. Das kam nicht infrage. So reiste ich im November vorletzten Jahres für eine Recherche nach Kenia, um zu prüfen, ob ich entsprechende Landschaften finde, und wegen des Castings. Ich wollte nicht aufgeben, mit Eritreern zu drehen und auf Tigrinya, in deren Sprache zu drehen.

Sie wollten in der Landessprache drehen, obwohl klar war, das wird dann komplett deutsch synchronisiert?

Es wird auch eine Originalfassung mit Untertiteln geben. Es ist ein internationaler Film, so ähnlich angelegt wie "Die Geschichte von weinenden Kamel", mein letztes Projekt. Das war auch ein internationaler Film, auf mongolisch gedreht, aus Deutschland produziert.

Das "weinende Kamel" war ein Dokumentarfilm. Feuerherz ist Fiction, oder nicht?

"Feuerherz" ist ein Spielfilm mit dokumentarischem Charakter. Die Geschichte ist fiktional, aber eingebettet in den authentischen historischen Kontext, und sie steht stellvertretend für viele reale Kinderschicksale.

Was verbindet Sie mit Eritrea?

Ich bin 2004 erst mal so dahin gereist, aus Interesse. Ich bin Italiener, Eritrea war 50 Jahre lang eine italienische Kolonie. Ich wollte einfach sehen, was meine Vorahnen alles hinterlassen, gemacht, verunstaltet haben, wie auch immer. Italien und dieser Mussolini-Traum waren ein einziges Absurdum. Ich wollte sehen, welche Spuren davon geblieben sind und was das für ein Land ist. Ich war begeistert von Asmara, zunächst von der Architektur. Das war das Beeindruckendste, was von der italienischen Kultur dort geblieben ist. Aber das war nur der erste Eindruck. Schon in den nächsten Tagen hat mich die eritreische Seele mehr und mehr eingenommen. Da war für mich nicht mehr so wichtig, dass die Italiener da waren - ein tolles Land, tolle Menschen, unglaublich stolze Menschen. Ich hatte den Wunsch, über eine ethnische Gruppe, die Kunamas, einen Dokumentarfilm zu machen, eine Kultur, die vergessen, unterdrückt und an den Rand gedrückt wird. Aber es war wenig davon zu finden von dem, was ich in meiner Recherche über den Kunamas gelesen hatte. Weil der lange Krieg und die Auswanderungen, die Zwangsrekrutierung von jungen Leuten für neue Kriege und die ganzen Probleme, die dieses Stück Land in den letzten Jahrzehnten geplagt haben, haben diese alte Kultur unwiederbringlich verändert.

Wie sind Sie dann auf "Feuerherz" gestoßen?

Dass gerade dann der Produzent Andreas Bareiss anrief und mir "Feuerherz" anbot, ist wohl einer von diesen seltsamen Zufällen, die keine sind. Ich hatte in Eritrea mit Leuten über den Unabhängigkeitskampf geredet, und hatte mir ein romantisches Bild von Freiheitskämpfern gemacht, die für ihre Ideale alles aufgeopfert haben und mit einer unwahrscheinlichen Effizienz 30 Jahre lang gegen einen viel größeren Feind gekämpft haben. Es war ein heroisches Bild, das ich hatte - ein Bild, das selbstverständlich auch im Land selbst noch gerne präsentiert wird, aber nicht nur in Eritrea, auch im Ausland. Man merkt wie viel Enthusiasmus und manchmal auch Blauäugigkeit dahinter steckt, eine solche Freiheitsbewegung zu heroisieren.

Natürlich stimmt davon Vieles. Es sind während des Kampfes auch Schulen aufgebaut worden, Themen wie Gesundheitsversorgung und die Gleichheit von Frau und Mann wurden angegangen. Aber dann gab es diese Erzählung eines Kindes, das in all diesen Kämpfen überleben wollte. Das Lesen von "Feuerherz" hat mich dazu bewegt, das heroische Bild noch mal zu überdenken. Gleichzeitig war es mir aber klar, dass ich nicht Senait Meharis Leben verfilmen wollte. Beim Schreiben ist eine eigenständige Geschichte entstanden, die einen universellen Charakter hat. Es geht um ein Kind, das die erste Gewissensentscheidung in seinem Leben treffen muss. Und auch darum, was mit uns Erwachsenen passiert, wenn wir einmal den Krieg aus der naiven Sicht eines Kindes betrachten.

Wir haben dann eine ausführliche Recherche über das Thema durchgeführt. Viele der ehemaligen Kämpfer bestreiten, dass es jemals Kindersoldaten in dem 30-jährigen Krieg gab. Es hat aber nicht lange gedauert, bis wir Archivaufnahmen gefunden haben, die ganz eindeutig Minderjährige und Kinder bei der Übung mit Waffen zeigen und noch kleinere Kinder, die mit Stöcken trainieren anstelle von Waffen. Und bei einem Kampf, der 30 Jahre lang dauert, wie lange ist ein Kind noch Kind? Wann ist die Zeit gekommen für das Kind?

Aber früher gab es keine leichten Waffen. Neunjährige konnten sie nicht bedienen. Das hat sich verändert.

Ja. Und das Bewusstsein, dass man Kinder nicht für Kriege instrumentalisieren darf, ist zum Glück auch gewachsen. Das Schwere am Krieg sind nicht die Waffen. Das Schwere am Krieg ist, dass man töten muss. Der Film erzählt eine Geschichte über den Krieg als solchen. Wie groß er anfängt und wie elend er endet. Es gibt bei allen Kriegen immer einen idealistischen Anteil. Träume von Freiheit, von Frieden, von Macht. Diese "Vision" legitimiert dann den Krieg und das Töten - und lässt die Menschen darüber hinweg sehen.

Eigentlich erzählt dieser Film aber nichts über die Unabhängigkeit, die am Ende erreicht wird, sondern er erzählt letztendlich vom Kampf der einen Revolutionsgruppe gegen die andere, der einem ja völlig sinnlos vorkommt.

Ja, er erzählt die Zeit, wo die Realität die Ideale einholt, weil es nicht läuft, wie gedacht, wie gehofft, wie geplant, und weil der Krieg seine eigene Logik hat und "Sachzwänge" schafft. Es sind meist nicht die Ideale, die falsch waren. Es sind einzelne Menschen, die bestimmte Entscheidungen treffen. Und es sind einzelne Anführer von verschiedenen Gruppen, die nicht mehr miteinander auskommen, anfangen sich gegenseitig zu bekriegen. Wie in Eritrea. Das hat zu einer Eskalation geführt und letztendlich zum Rauswurf der ursprünglichen Befreiungsarmee aus dem Land. Die letzten Züge dieses Rauswurfs erzählt der Film.

Sie haben komplett mit Laien gedreht. Wie geht so etwas?

Wir haben monatelang Leute gesucht und mit ihnen Schauspielworkshops gemacht. Es ging nie darum, Schauspieler auszubilden, sondern die Leute dazu zu bringen, dass sie auch vor der Kamera sie selber sind. Ihre Seele zeigen. Und aus einem möglichst breiten Spektrum von Menschen die Leute zu finden, die die Rolle sind, ohne dass sie die Rolle spielen müssen. Es war immer wieder schwierig. Zwei Welten sind aufeinander getroffen. Die deutsche Filmproduktion mit ihren Regularien und ihren Verträgen, wo alles im Kleingedruckten festgelegt werden muss, und auf der anderen Seite die äußerst skeptischen Menschen von der Straße oder aus den Slums Nairobis, die wirklich andere Sorgen haben. Aber die Barrieren wurden mit der Zeit überwunden. Nach einigen Monaten hatten wir eine tolle Besetzung beieinander.

Drei Tage vor Drehbeginn hat ein Großteil der Schauspieler abgesagt.

Sie wurden bedroht von Leuten, die sich als Mitarbeiter der eritreischen Botschaft ausgaben oder das vielleicht auch tatsächlich waren. Sie hatten Angst um ihr Leben und um das ihrer Familien. Ich kann sie verstehen. Umso mehr bewundere ich die die trotzdem mitgemacht haben. Das war der härteste Schlag, der den Gegnern dieses Films gelungen ist. Das Projekt stand dann kurz vor dem Aus. Wir sind dann ins UN-Flüchtlingslager Kakuma gefahren, haben dort Eritreer und Äthiopier gesucht und einfach noch mal von vorn angefangen. Wir haben tolle Leute gefunden, das Glück war auf unserer Seite.

Das hört sich nach Unwägbarkeiten und Risiken an, mit denen wenige Regisseure leben würden.

Ja, ich frage mich auch, was ich an mir habe. Vielleicht habe ich einen Magneten für sowas. Ich meine, das "weinende Kamel" in der Mongolei war ja auch kein Spaziergang. Die Dreharbeiten dort waren sehr anstrengend und auch dieser Film stand mal auf der Kippe. Ich hätte nicht geglaubt dass sich das noch steigern lässt.

Da fragt man sich, was sich als nächstes ergibt. Machen Sie doch mal was mit Terroristen!

Am liebsten würde ich den nächsten Film in zwei Zimmern mit drei Darstellern drehen. In der Wohnung unter meiner Wohnung. Aber ich fürchte, es wird wieder anders kommen.

Interview: Frauke Hunfeld


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