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Editorial: Zwischen Freude und Angst

Liebe stern-Leser!

Als die Bomben in Londons U-Bahn detonierten, hatte stern-Redakteurin Cornelia Fuchs ihr Porträt der kosmopolitischsten Metropole Europas gerade fertig geschrieben. Das friedliche Zusammenleben der Kulturen war einer der Erfolgsfaktoren bei der Olympiabewerbung Londons gewesen. Keine 24 Stunden vor den Attentaten feierte der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone in Singapur den Sieg über Paris. Mit den Bomben wandelte sich die Begeisterung in Schrecken.

Reporter und Fotografen des stern sprachen mit Überlebenden und Zeugen der Attentate und lieferten eine Chronik der Woche zwischen Freude und Angst (Seite 20). Was alle beeindruckte: So schlimm die Situation in den zerbombten U-Bahnen und am zerstörten Bus auch war, im Rest der Hauptstadt waren die Menschen entschlossen, ihr Leben durch den Terror nicht einschränken zu lassen. So funktionierten fast alle U-Bahn-Linien am Wochenende wieder, multikulturelle Straßenfeste und der 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges wurden wie geplant gefeiert.

Cornelia Fuchs sprach mit den wichtigsten Figuren, die in ihrem London-Porträt auftauchen, noch einmal und überarbeitete ihre Geschichte. In ihrem Fazit fühlt sie sich sogar bestätigt: Die Vielzahl der Migranten ist eine Stärke von London, keine Schwäche. Nach den Anschlägen stehen die Menschen erst recht zusammen - sind doch unter den Vermissten Angehörige aller Religionen und fast aller Nationen von Mauritius über Pakistan bis Polen. Ihre Reportage "Die ganze Welt in einer Stadt" beginnt auf Seite 34.

Jeder von uns hat Stärken und Schwächen. Die Stärken zu entdecken und etwas draus zu machen verhilft zu einem erfüllten Leben. Doch wie entdeckt man seine wahren Talente? Ein stern-Team hat sich auf die Suche nach herausragenden Begabungen gemacht und herauszufinden versucht, was diese Menschen, bei aller Verschiedenheit, verbindet. Karolin Leyendecker traf Tänzer, Köche, Kicker, Chemiker, Sprach- und Zeichenkünstler. stern-Reporter Frank Ochmann fragte Forscher, was Talent eigentlich ist, was es braucht, um eine Begabung zu entdecken, und wie sie am besten gedeiht. Die Titelgeschichte "Wissen Sie eigentlich, was Sie können?" lesen Sie ab Seite 84.

In Texas

begann an diesem Montag der erste Prozess gegen den US-Pharmakonzern Merck im "Fall Vioxx". Das Schmerzmittel wurde im vergangenen September vom Markt genommen, weil der Verdacht besteht, dass es auch Herzinfarkte und Schlaganfälle verursacht. Während Merck mit Vioxx Milliarden verdiente, so der Vorwurf, starben eventuell Zehntausende an den Nebenwirkungen, darunter auch Tausende Deutsche. stern-Korrespondentin Katja Gloger aus Washington recherchierte die Chronologie des womöglich größten Pharma-Skandals aller Zeiten. Sie sprach mit Betroffenen und Anwälten, mit Ärzten und Wissenschaftlern - und traf Carol Ernst, die erste Klägerin. Carol Ernst ist überzeugt, Vioxx habe den Herztod ihres Mannes verursacht: "Bei Merck", sagt sie, "haben sie Menschen doch nur als Kollateralschaden betrachtet, wie im Krieg, ein Opfer, das man eben in Kauf nehmen musste." Die Geschichte "Einmal täglich - bis zum Infarkt" beginnt auf Seite 58.

Herzlichst Ihr


Thomas Osterkorn

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