HOME

Ein Jahr Betreuungsgeld: Schafft die Herdprämie ab!

Eine Studie hat bestätigt, was aus Norwegen lange bekannt ist: Das Betreuungsgeld torpediert die Integration. Deshalb gibt es nur eine logische Konsequenz.

Ein Kommentar von Mareike Enghusen

Als die schwarz-gelbe Koalition beschloss, Eltern dafür zu bezahlen, dass sie ihre Kinder zu Hause behalten, warnten Kritiker: Das ergibt keinen Sinn. Das Betreuungsgeld würde vor allem sozial schwache, bildungsferne und zugewanderte Familien davon abhalten, ihr Kind in die Kita zu schicken.

Ein Jahr nach der Einführung der oft als "Herdprämie" verspotteten Sozialleistung kommt eine Studie zu dem Schluss: Das Betreuungsgeld hält vor allem sozial schwache, bildungsferne und zugewanderte Familien davon ab, ihr Kind in die Kita zu schicken.

Um diese Erkenntnis zu gewinnen, hätte es keine Studie gebraucht. Finanzminister Wolfgang Schäuble hätte sich die 515 Millionen Euro, die der Haushaltsplan 2014 für das Betreuungsgeld vorsieht, sparen können. Es hätte genügt, einen Blick nach Norden zu werfen.

Norwegen kappte sein Betreuungsged schon 2012 - wir hätten daraus lernen können

Das Betreuungsgeld war kein Experiment mit ungewissem Ausgang, keine Pioniertat mutiger Familienpolitiker aus Bayern. Norwegen hat es freundlicherweise schon 1998 auf sich genommen, dieses sozialpolitische Instrument für uns zu testen. Das Ergebnis war eindeutig: Das Betreuungsgeld hielt insbesondere Familien mit Migrationshintergrund davon ab, ihre Kinder in Kitas zu schicken, und es hinderte Frauen daran, sich Arbeit zu suchen. Die OECD empfahl dem Land deshalb 2009, das Betreuungsgeld zu kippen. 2012 reagierte die norwegische Regierung und strich die Zahlungen für Kinder ab zwei Jahren. "Das Betreuungsgeld hat sowohl die Geschlechtergleichstellung als auch die Integration in Norwegen ausgebremst", kommentierte der damalige Minister für Kinder, Gleichstellung und Integration.

Das ist nur logisch: Kinder aus Einwandererfamilien treffen in der Kita Kinder anderer Kulturen und lernen die Sprache ihres neuen Heimatlandes. Kinder aus sozial schwachen Familien erhalten in der Kita die Förderung, die ihnen zu Hause fehlt. So verkürzen sie den Vorsprung, den Kinder aus Bildungsbürgerfamilien schon am ersten Schultag haben. Zwar ist die Idee totaler Chancengleichheit eine Utopie; der Staat kann die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und Bildungsniveaus niemals vollends ausgleichen. Aber Kitas können, wenn sie gut sind, zumindest ein klein bisschen Kitt in die gesellschaftliche Spaltung streichen.

Das Betreuungsgeld bewirkt das Gegenteil. Der Kitt bröckelt weiter.

Der Staat finanziert Maßnahmen, die sich gegenseitig bekämpfen - das ist Irrsinn

Der Befund ist so eindeutig, dass sich die Frage aufdrängt: Was hat eigentlich jemals für das Betreuungsgeld gesprochen? Seine Fans nennen ein einziges Schlüsselwort: Wahlfreiheit. Die Politik dürfe Eltern nicht vorschreiben, wie sie ihre Kinder erziehen, soll das heißen. Der Staat steckt viel Geld in den Kita-Ausbau, das sei Bevormundung - es sei denn, der Staat investiere gleichzeitig in die Zuhause-Erzieher.

Das aber ist sozialpolitischer Irrsinn. Viel Geld fließt in zwei Maßnahmen, die miteinander konkurrieren. Das ist so, als würde der Staat überall kostenlose Fitnessstudios eröffnen, um seine Bürger fitter und gesünder zu machen - und dann den Sportmuffeln Geld in die Hand drücken, damit sie sich Chips für den DVD-Abend kaufen.

Die Bundesregierung sollte das erkennen und konsequent handeln. Wenn ihr am sozialen Zusammenhalt dieser Gesellschaft etwas liegt, gibt es nur eine logische Konsequenz: Das Betreuungsgeld gehört gestrichen.

Das könnte sie auch interessieren