HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich kann keine Kinder kriegen - und ich leide sehr darunter"

Elli kann nach einer missglückten OP keine Kinder bekommen. Ihre Freunde, Nachbarn - alle scheinen Nachwuchs zu haben. Nur sie eben nicht. Sie leidet darunter, denn sie fürchtet, dass diese Lücke in ihrem Leben nie gefüllt werden kann. 

Kinderlos trotz Kinderwunsch

Kinderlos trotz Kinderwunsch - das rät Julia Peirano

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Ich (36) komme damit nicht klar, dass in meinem Umfeld gefühlt ALLE Paare Nachwuchs kriegen. Meine Freundinnen haben mittlerweile fast alle das erste oder zweite Kind, in unserem Haus steht ein ganzer Fuhrpark von Kinderwagen. Ich gehe immer schnell dran vorbei, aber trotzdem bin ich angespannt und es macht mir schlechte Laune. Wenn ich Freundinnen mit Kinder besuche (Babyshower…) kann ich mich einigermaßen mitfreuen. Aber ich habe auch schon heimlich auf der Toilette geheult. Ich fühle mich als Außenseiterin, wenn sich alles um die Kinder dreht und ich nie Mutter bin, sondern mittlerweile vier-fache Patentante.

Ich kann keine Kinder bekommen, seitdem bei mir mit 34 eine Unterleibsoperation schief gegangen ist. Meinen Freund stört das nicht, er wollte nicht unbedingt selbst Kinder haben. Aber je näher ich auf die 40 zugehe, desto klarer wird mir, dass ich niemals Kinder haben möchte. Adoption ist auch unmöglich und eigentlich nichts für mich.

Ich habe eigentlich ein ganz erfülltes Leben. Einen Freund, einen interessanten Job, Freunde, ein schönes Zuhause, guten Kontakt zu meinen Eltern. Aber es ist nie das gleiche, wie es wäre, Kinder zu haben. Diese Lücke wird nichts füllen können.

Können Sie mir helfen?

Ihre Elli B.



Liebe Elli B.,

Ich möchte Ihnen als erstes versichern, dass Ihre Gefühle völlig verständlich und absolut normal sind. Es ist sehr traurig, dass Sie keine eigenen Kinder haben werden. Gerade wenn es immer Ihre Lebensperspektive war, eine Familie zu gründen! Dieser Schmerz und die Trauer verheilen nicht im Handumdrehen, sondern es braucht oft Jahre und viele Tränen, um die Lücke zu füllen, die die Kinder, die Sie nicht haben werden, in Ihr Leben bringen.

Es gibt einige Ratgeber, die Ihnen sicher erst einmal zeigen, wie es anderen betroffenen Frauen geht und eine Idee geben, was die nächsten Schritte sind. Ich empfehle Ihnen die Bücher z.B."Wir ohne dich" von Stephanie Katerle und "Ich bin eine Frau ohne Kinder" von Susanne Zehetbauer.

Einfache Patentlösungen gibt es natürlich nicht. Bei vielen Frauen hilft es, wenn sie sich ein ideelles "Baby" zulegen und sich zum Beispiel beruflich mit etwas sehr Erfüllendem selbstständig machen. Eine Bekannte hat eine Agentur für individuelle Reisen nach Afrika und Asien - ihr ist bewusst, dass sie dieses Projekt mit all den Reisen mit Kindern nicht machen könnte. Andere Paare machen ein kleines Familienhotel auf oder gründen ein Yogazentrum.

Für Hundefans spielt ein Hund (oder mehrere Hunde) manchmal ein bisschen Kindersatz. Er braucht viel Betreuung, gibt viel Liebe, muss versorgt und geliebt werden…

Viel wichtiger ist es jedoch erst einmal, dass Sie sich mit Ihrer Trauer auseinander setzen. Es gibt verschiedene Phasen im Trauerprozess, die erst einmal durchlaufen werden müssen, damit die Trauer überwunden werden kann und Raum für eine neue Lebensperspektive entsteht. Man kommt nicht in die nächste Phase, wenn man die Phase davor nicht vollständig abgeschlossen hat. Und das bedeutet: Geduld, Geduld und nochmals Geduld (nicht gerade eine beliebte Eigenschaft in dieser schnelllebigen Zeit).

Die erste Phase ist oft ein "Nicht-Wahrhaben-Wollen." Diese Phase haben Sie bereits hinter sich. Obwohl sie anscheinend ab und zu noch etwas "nachklappert", wie Sie schreiben.

Die zweite Phase sind aufbrechende Emotionen. Wie Sie merken, sind die meisten dieser Gefühle unangenehm: Trauer, innere Leere, Neid auf Frauen mit Kindern, Hadern mit dem eigenen Schicksal, Wut auf die Ärzte, die Sie damals operiert haben (empfinden Sie das eigentlich? Ist sie berechtigt?), Schmerz….

In dieser Phase stecken Sie gerade.

Es ist ganz wichtig, dass Sie sich Zeit für Ihre Gefühle nehmen und zum Beispiel regelmäßig in ein Tagebuch schreiben. (Struktur: erst alles herauslassen und sich von der Seele schreiben, und als letzten Absatz die Frage beantworten: und was brauche ich jetzt?).

Wenn Sie Probleme mit den Kinderwagen in Ihrem Haus haben, könnten Sie das bewusst nutzen, um Ihren Gefühlen auf die Schliche zu kommen. Es klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber stellen Sie sich doch einmal vor, die Kinderwagen würden mit Ihnen sprechen, während Sie vorbei gehen. Hören Sie einmal genau hin- was sagen die Ihnen?

Schreiben Sie diese Gefühle und Gedanken bewusst auf oder besprechen Sie sich mit Freundinnen. Übrigens wäre es bestimmt gut, wenn Sie sich einige Freundinnen suchen, die auch kinderlos sind und damit zufrieden sind. Am besten wären auch Freundinnen, die etwas älter sind als Sie und bei denen nicht zu erwarten ist, dass sie doch noch Kinder bekommen.

Wüten Sie, trauern Sie, lassen Sie Ihren Schmerz heraus. Am besten immer zu bestimmten Zeiten (entweder jeden Tag um eine bestimmte Zeit oder an einem extra dafür bestimmten Abend- wie es für Sie besser ist).

Erst wenn Sie Ihre Gefühle durchlebt haben, haben Sie sich entrümpelt und Raum geschaffen. Und damit werden Sie offen für die nächsten Phasen:

Phase 3: Das Suchen nach neuen Inhalten, das Gewinnen neuer Ideen und das Sich-Öffnen für Neues.

Diese Phase ist sehr intensiv, weil Sie sich ganz neu begegnen und sich auch neu mit Ihrer Umwelt auseinander setzen. Vielleicht gibt es dann ein neues Projekt im Beruf, Reisen, eine Traum-Immobilie, besagten Hund oder …???

Und in Phase 4 kommen Sie dann mit den besten Ergebnissen aus Phase 3 wieder zu einer Neuordnung und zu Stabilität. Sie finden Frieden mit sich und Ihrem Leben.

Insgesamt ist es ein sehr lohnender Wachstumsprozess, den Sie vor sich haben. Der Auslöser ist zwar im Moment sehr schmerzhaft, aber wenn Sie diese Krise gut nutzen, werden Sie auf jeden Fall daran wachsen.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity