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Studie zum Corona-Lockdown Entscheidende Veränderungen im Erziehungsstil können das Familienklima verbessern

Überlässt man seinem Kind eigene Entscheidungen, zum Beispiel über die Freizeitaktivität, kann das zu einem besseren Familienklima beitragen 
Überlässt man seinem Kind eigene Entscheidungen, zum Beispiel über die Freizeitaktivität, kann das zu einem besseren Familienklima beitragen 
© Josu Acosta/ / Picture Alliance
Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus haben auch den Familienalltag maßgeblich beeinflusst. Eine Studie fand nun heraus, dass ein Erziehungsstil, der die Autonomie der Kinder unterstützt, zum Wohlbefinden der Eltern und Kinder beitragen kann.

Seit März 2020 werden in Deutschland Maßnahmen zur Eindämmung des bis dahin neuartigen Coronavirus eingesetzt. Dies umfasst nicht nur weitreichende Kontakt- und Reiseeinschränkungen, die Auswirkungen auf den Gemütszustand haben. Auch Schul- und Kitaschließungen stellen Familien auf eine Belastungsprobe. Das Projekt "PACO – Psychologische Anpassung an die COVID-19-Pandemie" des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) hat im ersten Corona-Lockdown herausfinden wollen, wie der Anpassungsprozess von Eltern an diese ungewöhnliche und teils belastende Situation verlief. Die Ergebnisse wurden jüngst im Fachmagazin "Child Development" veröffentlicht.

Dabei hätten die Forscher herausgefunden, dass Entscheidungsspielräume  für Kinder die Familien deutlich entlasten können. Ein Erziehungsstil, der die Autonomie des Kindes fördert, indem Eltern kleine und wenig aufwändige Verhaltensentscheidungen im täglichen Leben treffen, könnten demnach das Familienklima positiv beeinflussen. Für die Studie hatten zunächst 970 Personen einen Online-Fragebogen ausgefüllt. 562 Eltern wurden im April 2020 zudem über einen Zeitraum von drei Wochen täglich zu ihrem Verhalten als Eltern, ihrer eigenen Bedürfnisbefriedigung und dem Wohlbefinden ihrer Kinder befragt. Teilgenommen hatten insbesondere  Mütter mit höherem Bildungsgrad und Eltern aus einem eher wohlhabenden Milieu.

Entscheidungsspielräume innerhalb bestimmter Grenzen

Eltern sollten bei zwei Fragen angeben, wie sehr folgende Aussagen auf ihre Interaktion mit ihrem Kind heute zutreffen: "Ich habe meinem Kind heute, soweit es ging, erlaubt, selbst zu entscheiden, was er/sie machen soll" und "Mein Kind konnte heute, soweit es ging, die Dinge machen, die er/sie gerne machen wollte." Laut Dr. Andreas Neubauer, Erstautor des Artikels und Projektleiter, wurden in der Studie die Entscheidungsspielräume sehr offen, und wenig konkret erfasst. Das sei bewusst so geschehen, da sich dieses Verhalten in verschiedenen Familien sehr wahrscheinlich unterschiedlich zeigt, so der Forscher. 

“Allgemein können wir uns aber Beispiele vorstellen, wie das Bereitstellen von Entscheidungsspielräumen aussehen könnte. Man könnte den Kindern zum Beispiel die Entscheidung überlassen, mit welchem Schulfach man im Homeschooling beginnt, was es zum Mittagessen geben soll, oder welche Freizeitaktivität man für den Nachmittag anvisiert”, sagt Neubauer gegenüber stern. All diese Entscheidungsspielräume hätten Grenzen. So ginge es nicht darum, ob das Kind seine Homeschooling-Aufgaben erledigt, sondern in welcher Reihenfolge oder auch in welcher Form.

Der Forscher gibt zu bedenken, dass dabei auch geklärt werden sollte, warum das Kind Grenzen aufgezeigt bekommt, also warum es beispielsweise wichtig ist, dass alle Aufgaben erledigt werden. "Solche kleinen Anpassungen können schon dazu beitragen, dass die Kinder ein Gefühl von Autonomie erleben, also ihre Handlungen stärker nach ihren eigenen Interessen hin ausrichten können. Das trägt letztlich positiv zum Wohlbefinden der Kinder bei”, meint Projektleiter Neubauer im Gespräch mit stern.

Gemeinsame Erfahrungen beeinflussen das Wohlbefinden

Besonders gut gefahren seien Eltern, die ihren Kindern Entscheidungsspielräume innerhalb dieser bestimmten Grenzen überlassen hätten. "Unsere Daten zeigen, dass es den Kindern damit besser gegangen ist und dass die Eltern ebenfalls ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen konnten." Gemeinsame Erfahrungen beeinflussten dabei das Wohlbefinden von Eltern und Kinder gleichermaßen – ob sie nun harmonisch oder konfliktbehaftet gewesen seien. Je mehr Eltern ihre eigenen Bedürfnisse achteten, desto mehr Entscheidungsfreiräume gaben sie ihren Kindern und umgekehrt.  

Homeschooling: Wie eine Mutter mit dem Lockdown kämpft

Allerdings betont Neubauer auch, dass die Aussagekraft der Studie zunächst nur auf die spezielle Situation im ersten Corona-Lockdown und auch auf den teilnehmenden Personenkreis begrenzt sei. Auch ließen sich daraus keine Aussagen für Familien in Risikolagen und Voraussagen auf den aktuellen Lockdown ableiten. "Einige der von uns befragten Eltern hatten die besondere Phase im April als eine Bereicherung für ihr Familienleben empfunden. Erste Eindrücke aus einer späteren Befragung des gleichen Personenkreises im November 2020 legen aber nahe, dass sich die Wahrnehmung der Eltern seitdem verändert hat", sagt Neubauer.

Quelle: DIPF, Child Development


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