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Gefühlschaos: Hirn wegen Pubertät zeitweise gestört. Bitte warten.

Die Pubertät ist eine wilde, eine aufregende und manchmal auch grausame Zeit - für alle Beteiligten. Die gute Nachricht: Die Kids meinen es nicht böse, sie können nur nicht anders.

Von Kristina Kroemer

Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer." So soll schon der griechische Philosoph Sokrates - frei übersetzt - vor rund 2500 Jahren über die heranwachsenden Töchter und Söhne seines Landes geklagt haben.

Irgendwie hat sich seitdem nicht viel geändert: Mir gegenüber sitzt die Tyrannei am Tisch, kleckert mit dem Essen und ärgert mich. Meine Tochter. 15 Jahre ist sie alt, und seit zwei Jahren benimmt sie sich zum Davonlaufen. Wo ist es abgeblieben, das entzückende, liebevolle Mädchen, das mit seinen Schleichtieren die aufregendsten Abenteuergeschichten durchspielte? Das nie genug kuscheln konnte? Wo ist die liebevolle Vertraulichkeit hin, mit der sie mir von den Sorgen und Freuden ihres Lebens erzählt hat? Wo ist es hin, das freundliche Wesen?

"Das ist alles noch da", beruhigt der Hamburger Kinder- und Jugendpsychologe Michael Schulte-Markwort. Es komme nur nicht mehr raus. "In der Pubertät bilden sich im Gehirn neue Vernetzungen zwischen den Bereichen, die für Gefühle und Kontrolle zuständig sind. In dieser Zeit kann man seine Gefühle nicht so steuern, wie man das als Erwachsener kann", erklärt er.

Großbaustelle im Gehirn. Könnte das die Erklärung sein? Dafür, dass sie mich anbrüllt, wenn ich das Wort Mathe nur halblaut flüstere? Dass sie mich morgens mit dem Worten anblafft: "Ey, stress mich jetzt nicht" und mit ihrem Frühstücksteller in ihr Zimmer verschwindet? Dass sie das gesamte Wochenende bei herrlichstem Sonnenschein in ihrem abgedunkelten Zimmer mit Facebook verbringt und nur ab und zu zum Kühlschrank wandert, um sich Schokolade zu holen?

Messie-Alarm im Zimmer und Wodka-Orgien im Park

Überhaupt, ihr Zimmer ... Messie-Alarm! Dabei hatte sie mir doch versprochen, niemals, wirklich niemals so zu werden wie ihre beiden großen Brüder. Der Älteste gab zwei Jahre lang nur die von Psychologen sogenannten Ein-Wort-Antworten. Wie die Klassenfahrt war? "Gut." Was es an Hausaufgaben gibt? "Nichts." Was er denn um Himmels willen mit den 100 Geburtstags-Euro gemacht hat? "Weiß nicht mehr." Außerdem trug er eine Mütze. Übrigens meine Mütze. Immer. Auch beim weihnachtlichen Festessen und am Strand bei 35 Grad im Schatten. Das Ganze gipfelte im Anruf eines Lehrers, der wissen wollte, ob wir umgezogen seien? Er habe unseren Sohn schon länger nicht mehr in der Schule gesehen ...

Der zweite sprach mehr - wenn er denn mal da war. Und wenn er da war, erzählte er Horrorgeschichten über Schlägereien auf dem Kiez oder Cannabis- und Wodka-Orgien im Park. Bei dem gipfelte das in diversen Anrufen gegen zwei oder fünf Uhr morgens, von der Polizei, ob wir denn unseren Sohn aus der Ausnüchterungszelle abholen wollten? Wir wollten nicht.

Immer wieder gern: "Ey, stress mich jetzt nicht"

"Ey, stress mich jetzt nicht", ist ein Spruch, den Eltern pubertierender Kinder sehr oft hören. Und gestresst sind die Kids, von allem. Von der Schule, von nervenden Eltern, von ihren blöden Mitschülern, von der ersten großen Liebe. Und vor allem sind sie gestresst von sich selbst: Sie leiden unter Stimmungsschwankungen, sind an einem Tag anscheinend grundlos zutiefst traurig und mutlos, am nächsten Tag dagegen platzen sie fast vor Tatendrang und könnten Bäume ausreißen - was sie im Überschwang manchmal auch tatsächlich tun.

Als Eltern schaut man da nicht selten mit leerem Blick ratlos eine Wand an. Wie soll man sein Kind noch erreichen? Es zur Vernunft bringen? Antwort: gar nicht. Weil es sozusagen biochemisch oft gar nicht geht. Als Neurowissenschaftler der Universität Minnesota die Hirnaktivität von Pubertierenden untersuchen, fanden sie heraus, dass in der "Pubertäts-Baustelle" Gehirn das Stirnhirn zuletzt drankommt. Und ausgerechnet das Stammhirn wird immer dann beansprucht, wenn schwierige und komplexe Aufgaben zu bewältigen sind. Schlimmer noch - es beaufsichtigt die Bereiche des Gehirns, in denen die Gefühle entstehen. Wenn das Stirnhirn wegen Umstrukturierung also noch nicht voll einsatzfähig ist, entsteht Gefühls-Chaos. Vernunft, Risiko- und Folgenabschätzung, Selbstwahrnehmung - alles durch die Bauarbeiten vorübergehend gestört. Für viele Eltern vielleicht ein kleiner Trost: Die Kinder können nichts dafür.

Kids haben übrigens auch kein Zeitgefühl. Müll rausbringen - jaja, mach' ich gleich. Nach fünf Stunden ist immer noch nichts passiert. "Das merken die gar nicht", so Schulte-Markwort. Ist auch der Neuvernetzung im Hirn geschuldet. Stimmt: Wenn meine Tochter für eine Arbeit üben soll, dann fängt sie am letzten Tag, abends so gegen neun, damit an: "Wieso, ist doch noch genug Zeit", erklärt sie selbstbewusst. Und wenn dann logischerweise eine Fünf dabei herauskommt, dann ist sowieso der Lehrer schuld, klar. Es ist eigentlich geradezu fatal, dass Pubertät und Schulabschluss zeitlich zusammenfallen.

Pubertät ist heute viel schwieriger als vor 50 Jahren

Kinder müssen sich abgrenzen, müssen ihre eigene Identität finden. Und das können sie nur, wenn ihre Eltern auch Eltern sind: "Jugendliche haben es heute schwerer als früher", erklärt der Jugendpsychiater, "Eltern lassen sich ja kaum noch provozieren, sie haben sehr viel Verständnis, Pubertät läuft heute viel glatter. Ich habe nichts gegen verständnisvolle Eltern, im Gegenteil, aber Eltern sollten sich auch absetzen von ihren Kindern, eigene Interessen haben und ihnen auch mal sagen, dass sie etwas echt ätzend finden".

Damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich finde es echt ätzend, wenn meine Tochter meine Schminke benutzt und meine Socken und T-Shirts klaut. Das sage ich ihr auch, gern auch mal ein bisschen lauter. Dann kommt nur ein: "Wieso? Du hast schließlich nicht gewaschen, irgendwas muss ich doch anziehen!" Oder wenn sie meinen Schreibtisch mal wieder komplett vollgemüllt hinterlässt und ich sie deshalb zur Rede stelle, blafft sie mich an: "Wieso? Du bist doch selber so unordentlich, was willst du überhaupt von mir?!"

Da bleibt mir manchmal schon die Luft weg. Aber ich bin ja durch die Jungs schon pubertätsgestählt. Theoretisch. Denn jede Pubertät ist anders, so wie jedes Kind anders ist. Und es ist natürlich nicht durchgehend schlimm, es gibt wunderbare Momente. Wenn sie dann doch mal wieder in meine Arme flüchtet, weil der Junge, den sie so toll findet, sie einfach nicht sieht. Wenn sie mir mit strahlenden Augen um den Hals fällt und erzählt, dass alle ihre Freundinnen uns so "cooool" finden. Wenn sie abends in ihrem Bett einfach nur den Rücken gestreichelt haben möchte, damit sie besser einschlafen kann.

Die gute Nachricht ist übrigens: Sie kommen wieder. Unsere zwei Söhne sind heute die entzückendsten, freundlichsten, verständigsten Jungs aller Zeiten, eine Freude für ihre momentan noch pubertätsgebeutelten Eltern. Ja, die Pubertät ist eine wilde Zeit, eine aufregende und manchmal grausame Zeit, für alle Beteiligten. Und - sie dauert nach neuesten Erkenntnissen bis zum 25. Lebensjahr.

Prost Mahlzeit!

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(