HOME

Interview: "Es gibt leider so viele Angsthasen heutzutage"

Manfred Fuhrmann ist einer der bedeutendsten Altphilologen im Land. Er rät Abiturienten, nach Neigung zu studieren, und ärgert sich über Politiker, die Studenten nur auf Wirtschaft dressieren wollen.

Manfred Fuhrmann ist einer der bedeutendsten Altphilologen im Land. Er rät Abiturienten, nach Neigung zu studieren, und ärgert sich über Politiker, die Studenten nur auf Wirtschaft dressieren wollen.

Herr Fuhrmann, der Bundeskanzler fordert mehr Bildung und Eliteuniversitäten. Was halten Sie davon?

Ich habe das als Heuchelei empfunden. In meinen Augen hat die Sozialdemokratie in den letzten Jahrzehnten alles getan, um Bildung zu erschweren. Das geschah vor allem durch ständiges Herabsetzen der Leistungsansprüche und insbesondere dadurch, dass ungeeignete Schüler aufs Gymnasium kamen. Nun auf einmal den "Rohstoff Bildung" zu entdecken, als ob man so etwas aus dem Boden stampfen könnte, beweist große Ahnungslosigkeit. Solange wir nicht einsehen, dass Bildung über Generationen hinweg wachsen muss, geht es weiter bergab.

Seit Pisa redet man immerhin über Bildung…

O nein, Pisa betrifft nur den Homo oeconomicus, da werden Techniken abgefragt, es geht um Schemata, um Routine, die der Lebenspraxis dienen sollen. Nicht um Bildung. Die Politiker, die die Kinder frühzeitig auf Wirtschaft dressieren wollen, sind ein Ärgernis. Die haben nur Nutz-Wissen im Sinn und übersehen, dass das Leben nie geradlinig verläuft. Ich weiß doch gar nicht, welches Wissen mir später einmal nützt. Man lernt auch aus Freude und um seine Persönlichkeit auszubilden.

Was empfehlen Sie einem Abiturienten heute?

Wenn er nicht weiß, welches Fach er studieren soll, muss er Verschiedenes ausprobieren. Man sollte immer nach Neigung und fachlichem Erfolg studieren, niemals nach Taktik. Zum Beispiel Arzt zu werden, ohne die innere Berufung dazu zu spüren, halte ich geradezu für pervers. Nichts ist so unerträglich wie ein zynisches Verhältnis zum eigenen Beruf.

Keiner leistet sich heute doch eine Probezeit im Studium.

Die Leute glauben, sie könnten sich vieles nicht leisten, was man sich im Grunde aber doch leisten kann. Man wechselt kaum noch die Universität und achtet nicht mehr darauf, wo die berühmten Leute lehren. Sicher gibt es heute viel mehr Vorschriften für Studenten, aber ich habe den Eindruck, dass die sich auch alles brav gefallen lassen. Sie sind sehr willig und folgsam. Wenn ich noch einmal studierte, würde ich viele Regeln einfach ignorieren…

Dann würden Sie aber nicht zur Prüfung zugelassen, wenn Ihnen Scheine fehlen.

Ach was! Die Universität ist auch heute noch eine ziemlich freie Einrichtung, und wenn mir ein Professor sagte, Ihnen fehlt ein Schein, würde ich sagen: Dann prüfen Sie mich, ob ich es weiß. Es gibt leider so viele Angsthasen heutzutage…

Auf den Studenten lastet aber auch ein enormer Druck: schnell studieren, Auslandserfahrung sammeln und möglichst viele Praktika absolvieren…

Hören Sie auf mit diesen Klagen! Es ist geradezu paradox: Studenten haben heute viel weniger objektive Existenzsorgen als früher, sind aber deutlich besorgter um ihr Fortkommen. Zudem kommen sie schlecht vorbereitet an die Universität. Es fehlt ihnen an Allgemeinwissen. Für viele gibt es nur noch einen Ozean von Fakten, der keine echte Kommunikation erlaubt. Die Möglichkeit, sich zu unterhalten, entsteht ja erst dadurch, dass mein Partner über ein gemeinsames Grundwissen verfügt, auf das ich mich beziehen kann. Christentum und Humanismus waren einmal unsere großen Identitätskulturen, und beide sind dabei, aus dem allgemeinen Bewusstsein zu verschwinden. Bildung zeigte sich früher vor allem in der Beschäftigung mit alten Sprachen und Literatur, man kannte die historischen und mythischen Stoffe aus Griechenland und Rom.

Wollen Sie im Ernst, dass Schüler heute wieder mehr Latein lernen?

Es geht nicht nur um die Sprache, es geht um die Gedankenwelt der Antike, mit der Jugendliche in Berührung kommen sollten. Wenn Sie alle Dramen und Opern nehmen, die an Theatern gespielt werden, stellen Sie fest, dass 60 Prozent der Motive aus der Antike stammen. Wenn man diese Tradition nicht parat hat, versteht man einen Großteil unserer Kultur nicht mehr. Gehen Sie heute einmal in eine Arztfamilie, wo die Eltern unter 50 sind - die haben oft keine Ahnung mehr von Literatur. Die geistige Beziehung zu unserer Kultur ist abgerissen.

Das Land lebt doch gar nicht so schlecht ohne diese Tradition…

Das scheint auf den ersten Blick so. Eine Gesellschaft funktioniert aber nur, wenn nicht nur über Recht und Gesetz, sondern auch über Anstand Konsens herrscht. Ohne Bildung zerbröselt dieses Fundament, und die Erosionsprozesse öffentlicher Moral kann man an der Habgier einiger Wirtschaftsführer erkennen.

Sehen Sie nur noch Niedergang?

Ich fürchte, wir befinden uns tatsächlich in einem Prozess langfristigen Niedergangs. Es gibt zwar noch viele gebildete Leute, doch es sind einzelne. Verschwunden ist die Trägerschicht, das Bildungsbürgertum. Heute herrscht das kleinbürgerliche Denken vor. Jeder ist auf Sicherheit bedacht, jeder fragt sich, was nutzt mir das? Es fehlt an Neugier, Begeisterungsfähigkeit und Risikobereitschaft. Doch wer weiß, vielleicht kehren diese Antriebe eines Tages wieder zurück - dann wird es auch wieder bergauf gehen.

Interview: Markus Grill / print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity