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C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: "Zum allerallerletzten Mal - keine Vögel!"

Als Tochter und Ehemann zu einem Vogelmarkt aufbrechen, schrillen bei stern-Stimme Christiane Tauzher die Alarmglocken. Bloß keine Vögel im Haus! Es kommt, wie es kommen muss ... Zeit für ein Ultimatum!

Ein gelber Kanarienvogel

Dieser Kanarienvogel ist fitter als sein Artgenosse Henry, der plötzlich bei den Tauzhers zu Hause auftauchte

Getty Images

Der Opi hatte einen Riecher für skurrile Orte und Veranstaltungen. Während er selbst die warme Stube nur in Ausnahmefällen verließ, suchte er die Zeitungen nach möglichen Abenteuern für sein Enkelkind ab.

Über den Opi-Kanal erfuhr die Mücke vom Vogelmarkt, der nur Insidern und Besitzern von Chinarestaurants ein Begriff war, die dort günstig ihr Geflügel erwarben.

Der Samstag, an dem sich der Olaf und die Mücke zum Vogelmarkt aufmachten, war sonnig und schön. Ein idealer Tag, um etwas richtig Gutes zu tun. Ich ahnte es und nahm den beiden das Versprechen ab, unter keinen Umständen einen Vogel nach Hause zu bringen.

"Auch keine arme alte Taube", sagte ich streng.

Sie nickten unschuldig, als wäre der Gedanke total abwegig und zogen von dannen. Zwei Monate davor hatte die Mücke auf der Straße vor unserem Haus einen zehnjährigen Mops mit schlechten Zähnen geschenkt bekommen, den wir natürlich behalten mussten, weil ihn sonst niemand haben wollte. Seine Vorbesitzerin machte sich, nachdem sie der Mücke die Leine in die Hand gedrückt hatte, für immer aus dem Staub, und ihre Telefonnummer "für Notfälle" stimmte schon am nächsten Tag nicht mehr. Einmal sah ich sie noch auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt und stellte fest, dass sie sogar ihr Auto umlackiert hatte, um nie wieder von uns gefunden zu werden.

In den alten Mops Spike steckten wir ein kleines Vermögen. Wir ließen ihm von einem Hunde-Dentisten in mehreren Sitzungen die Zähne sanieren, und jedes Mal, wenn der Veterinär uns unterschreiben ließ, dass eine Vollnarkose bei einem so alten Hund letal enden könnte, schickten wir ein Stoßgebet gen Himmel. Aber Spike war zäh, er wachte nach jeder Zahnbehandlung wieder auf und weilt mit seinen mittlerweile sechzehn Jahren noch immer unter uns. Jeden Tag um 5.30 Uhr wird er wach und jault in der Stimmlage eines Countertenors, bis ihm der Olaf, den er heiß liebt, den Kopf tätschelt und ihm seine Tabletten und sein Futter gibt.

Eine Taube brauchte ich wie einen Kropf 

Eine alte kranke zu betreuende Taube, womöglich mit einem Schnabelproblem, brauchte ich wie einen Kropf. Deshalb wiederholte ich es klar und deutlich: "Ich sage es jetzt zum allerallerletzten Mal – keine Vögel!"

Der Olaf und die Mücke versprachen mir hoch und heilig, ohne Taube nach Hause zu kommen.

Als sie zwei Stunden später zurückkamen, betrat die Mücke die Stube mit einer durchlöcherten Schuhschachtel, die erbärmlich schrie. Das Geschrei war schlimmer als die Geräusche, die Spike im Repertoire hatte.

"Wo ist dein Vater?", fragte ich die Mücke, noch bevor sie überhaupt etwas zum Inhalt der Schachtel sagen konnte. Spike stand neben mir und nieste mir einen Sprühregen auf den Fuß. "Wo ist er?", wiederholte ich und wischte mir mit einem Geschirrtuch über die feuchten Zehen.

"In der Garage, glaube ich", sagte die Mücke leise. Sie wusste genau, dass Feuer am Dach war.

Ohne sie und die schreiende Schachtel weiter zu beachten, rannte ich der Garage entgegen. Der Olaf, der sich mit Autos überhaupt nicht auskennt, hatte den Kopf tief unter der Motorhaube meines Minivans.

"Wieso?", fragte ich ihn.

Er kontrollierte gerade den Ölstand, obwohl er das noch nie getan hatte.

"Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt? Ich bin nicht der Franz von Assisi", fauchte ich, "und komm sofort aus meinem Auto heraus."

Der Olaf zog den Kopf in Zeitlupe aus dem Motor. "Es ist aber keine Taube", sagte er, als würde das irgendetwas verbessern. Der Blick, den er mir zuwarf, war schuldbewusst. "Schau", sagte er, "der Henry ist …"

Ich unterbrach ihn. "Wer zum Teufel ist Henry?"

"Der Henry ist ..."

Die Mücke, die inzwischen auch in der Garage stand, deutete auf die hüpfende Schachtel. "Der Henry ist ein Kanarienvogel. Niemand wollte ihn, weil er schon alt ist."

Spike war ihr gefolgt und stand schnaufend mit heraushängender Zunge in der Tür.

"Wir haben schon den da", sagte ich und zeigte auf den alten halbblinden Mops, der im Begriff war, mein neues Fahrrad anzupinkeln. Ich hob ihn hoch, um ihn daran zu hindern.

Die Mücke sagte, dass sie sich ganz allein um Henry, den Kanari, kümmern werde und dass ich bitte nicht mehr böse sein solle. Der Olaf pflichtete ihr bei. Dass die Mücke dasselbe Versprechen abgegeben hatte, als sie Mops Spike in unser Leben einschleuste, wusste außer mir niemand mehr. Ich seufzte. Dann holte ich den weißen Shabby-Chic-Käfig, den ich auf einer Gartenmesse gekauft hatte, um den Bonsai besser zur Geltung zu bringen. Dort setzten wir den traurigen gelben Henry hinein. Damit er nicht entfleuchen konnte, wickelte ich Plastikfolie um die Gitterstäbe, die zu weit auseinanderstanden. Der Bonsai hatte ja nie versucht zu fliehen.

Henry saß zitternd am Boden des Bonsai-Käfigs.

"Er ist einsam", sagte die Mücke.

Und kaum hatte ich mich dazu geäußert, waren Vater und Tochter aus der Tür, um für Henry einen Spielgefährten, "den alten armen Gloster" Gilbert, zu holen. Ich hatte es inzwischen aufgegeben mich aufzuregen. Die Vögel, die wenig später gemeinsam auf dem Boden des Bonsai-Käfigs saßen, kamen immer mehr in Fahrt, sie kratzten sich gegenseitig und Henry pickte dem Gloster unaufhörlich auf den Kopf, bis er taumelte. Mit einem Wort, Gilby und Henry konnten einander nicht ausstehen. Als nun auch der Großvater vorbeikam, um die Beute des von ihm initiierten Abenteuerausfluges in Augenschein zu nehmen und den Ankauf einer Voliere vorschlug, war das Fass voll.

"Es gibt zwei Möglichkeiten", sagte ich, "entweder ihr bringt die Vögel zurück zum Vogelmarkt, oder wir lassen sie frei." Ich gab ihnen keine Zeit zu überlegen und fällte die Entscheidung allein. Der Himmel war makellos blau, als ich den Bonsaikäfig mit geöffnetem Türchen auf das Fensterbrett stellte. Gilby ließ sich nicht zweimal bitten und flatterte mit einem Lächeln auf dem Schnabel in die Freiheit.

"Vielleicht kommt ein Adler und frisst ihn", sorgte sich die Mücke.

"Dann war er wenigstens ein paar Minuten glücklich", sagte ich, "stell dir vor, du hättest Flügel und könntest sie nie benützen?"

Der Opi fand es noch immer schade, dass wir es nicht mit einer Voliere versucht hatten. Er kannte da nämlich einen Antik-Markt am Rande von Wien, da wären wir bestimmt fündig geworden, und die Vögel hätten sich wohlgefühlt.

"Papi, ich will die Vögel nicht", zischte ich ihm zu, "verstehst du das? Keine Vögel!"

Henry saß noch immer im Käfig und starrte auf das offene Türchen. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, aber er machte keine Anstalten, sein Ticket in die Freiheit in Anspruch zu nehmen. Obwohl ich ihn mit einem Wattestäbchen sanft anstupste, blieb er, wo er war.

"Er will uns nicht verlassen", freute sich die Mücke.

Mein Vater schrieb mir schon die Adresse des Antik-Marktes auf, damit ich ehebaldigst die Voliere für Henry besorgen konnte.

"Ein Vogel gehört in keinen Käfig", sagte ich. "Er gehört in den Himmel. Er ist nicht umsonst das Symbol für Freiheit."

Alle schwiegen ergriffen.

"Das war jetzt aber poetisch", sagte der Olaf und gab mir einen Kuss.

Henry schien verstanden zu haben

Als hätte mich der Kanarienvogel verstanden, starb er wenige Tage später eines natürlichen Todes und fand seine letzte Ruhe im Garten unterm Kirschbaum. Der Bonsai bekam seinen Käfig zurück.

Es kehrte wieder Ruhe ein, bis der Großvater der Mücke von einer Reptilienbörse erzählte, auf der es auch Chamäleons zu kaufen gäbe. Mir stellte es die Haare auf. Das Risiko, dass ein armes krankes einsames Chamäleon darunter wäre, konnte ich nicht eingehen. Die Mücke und der Olaf wollten natürlich "hinschauen".

An dem Tag, an dem die Börse stattfand, ließ ich sie nicht aus den Augen. Ich schlug sogar vor, in den Prater zu gehen.

"Seit wann magst du den Prater?", fragte mich die Mücke, als wir benommen aus der Hochschaubahn stiegen.

"Ich mag ihn überhaupt nicht ", antwortete ich, "ein Chamäleon mag ich aber noch weniger."

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