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C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: Nicht ohne meinen Rochen

Die Tochter vergisst ihr heiß geliebtes Plüschtier in der Straßenbahn. Die Suche nach dem flauschigen Stachelrochen nimmt epische Ausmaße an: stern-Stimme Christiane Tauzher wirft Überzeugungen über Bord, wird von Religionslehrerinnen zurechtgewiesen - und erschafft aus Versehen einen Märtyrer.

Zwei Plüsch-Rochen

Rochi schwarz und Rochi braun genießen ihren Lebensabend

Ausgerechnet ich, die Mutter, die weder Schnuller noch Zahnfee ins Haus ließ, weil ich der Meinung war, dass meine Kinder auch ohne putzige Fantasiegeschichten groß und stark werden würden, sah mich eines Tages gezwungen, der Mücke eine Lüge aufzutischen unter der sich die Balken bogen. Und das kam so:

Nach einem Tiergartenbesuch kaufte der Vater vom Olaf der Mücke im Zoo-Shop ein Stofftier. Natürlich hatte ich dem Opa vorher eingebläut, den Laden erst gar nicht zu betreten, da wir bereits mit den Plüschtieren in Mückes Zimmer die Arche Noah bestücken konnten – und obwohl er zustimmend nickte, wusste ich, dass die Arche nach diesem Nachmittag Zuwachs bekommen würde. Denn die Mücke wickelte den Opa immer so lange um den kleinen Finger, bis er ganz schwindlig und butterweich gewickelt war. Nach dem Rundgang durch den Tiergarten wollte sie "als Erinnerung" einen Stachelrochen haben – obwohl sie mit dem Opa gar nicht bei den Fischen gewesen war, wie er mir später berichtete.

Trotzdem kein Löwe, keine Giraffe und kein Pinguin. Ein Stachelrochen! Das Ding aus schwarzem Plüsch sah aus wie ein zweiteiliger Lappen. Gesicht hatte es keines, trotzdem bekam es den Namen Rochi und wurde von der Mücke überallhin mitgeschleppt. Rochi verdrängte sogar den heißgeliebten Pandabären Ossi aus ihrem Bett.

Auch beim Lehrausgang ins Museum lugte der gesichtslose Rochi aus dem Rucksack. Während der langen Fahrt in der Straßenbahn wollte jedes Kind aus der Klasse Rochi streicheln und so wanderte er von einer Hand zur nächsten und stieg schließlich nicht mit aus, als alle ausstiegen. Die Straßenbahn war gerade angefahren, als der Mücke auffiel, dass Rochi noch drinsaß. Der Lehrerin, die fünfundzwanzig Sechsjährige zu beaufsichtigen hatte, konnte man keinen Vorwurf machen, dass sie sich nicht sofort vor die Straßenbahn warf, um Rochi zu retten. Nur mit Mühe gelang es ihr, die Mücke davon abzuhalten, der Straßenbahn nachzulaufen.

"Wir finden ihn bestimmt wieder", versprach ich, als ich die blasse traurige Mücke von der Schule abholte. Dass es ihr wirklich schlecht ging, war an ihrer Appetitlosigkeit zu erkennen. Nicht einmal die Aussicht auf einen Hamburger mit Pommes konnte sie aufheitern.

"Wieso kaufen Sie Ihrem Kind keinen Teddy?"

Der Anruf bei den Wiener Linien lief ungefähr so ab: "Grüß Gott, mein Kind hat heute Vormittag in der Linie 60 im ersten Wagon einen Rochen aus Stoff liegengelassen. Könnten Sie bitte den Fahrer fragen, ob er noch auf einem der Sitze liegt?"

Mann von den Wiener Linien: "Einen Rochen aus Stoff? Sowas gibt’s? Wieso kaufen Sie Ihrem Kind keinen Teddybären?"

Ich: "Könnten Sie sich bitte nach dem Rochen erkundigen?" Der Mann versprach sich zu melden und meldete sich nicht mehr.

Anderntags fuhr ich zum Fundamt ans andere Ende der Stadt. Der Herr der Dinge hinter dem Tresen, der die Fundstücke nach ihrer Ankunft alphabetisch in Regale einsortiert, konnte sich nichts unter einem Rochen vorstellen, und ich zeichnete den Lappen auf ein Blatt Papier. "So ungefähr schaut er aus", sagte ich. Er zog eine Augenbraue hoch und versicherte mir, dass er "so etwas" nicht "hereinbekommen" habe. Die Mücke trauerte in der Zwischenzeit so intensiv, dass es mir in der Seele weh tat. Also Plan B.

Plan B

Während ihrer Klavierstunde fuhr ich nach Schönbrunn, um einen neuen Rochen zu besorgen. Die Suche nach Rochi hatte mich schon genug Zeit gekostet, die mir niemand bezahlte. Besser zwanzig Euro investieren als weitersuchen. Dann die Überraschung im Zoo-Shop: Alle schwarzen Rochen waren ausverkauft, es gab nur noch Rochen in hellbraun. "Wie kann das sein?", fragte ich die Verkäuferin, "mein Schwiegervater hat erst letzte Woche einen gekauft." Sie wusste keine Antwort darauf, warum die Lappentiere in den letzten Tagen weggegangen waren wie die warmen Semmeln.

"Wir haben uns auch gewundert", sagte sie, "schön sind die ja wirklich nicht." Einen andersfarbigen Rochi würde die Mücke nicht akzeptieren. Zu eng war die Beziehung, die sie zu ihrem Rochen aufgebaut hatte. Ratlos stand ich vor der Schütte mit den Braunen. Mir lief die Zeit davon. In zwanzig Minuten war die Klavierstunde zu Ende. Ich kaufte den braunen Rochen und hängte ihm eine abstruse Geschichte um. Wenn der Original-Rochen vor lauter Stress, der Straßenbahnfahren für einen Rochen sicherlich darstellt, seine Farbe verloren hätte, wäre die abstruse Geschichte – na ja – plausibel.

So entstehen Mythen

Die Mücke weinte bitterlich, als sie den farbveränderten gestressten Rochi in die Arme schloss, der Höllenqualen in der Straßenbahn gelitten haben musste. Ein Schulkollege verdächtigte sogar den Straßenbahnfahrer, dem Rochen das Fell (!) abgezogen zu haben: "Er hat ihn bestimmt gefoltert!" Um Rochi, den braunen, rankten sich viele Mythen. Er war ein richtiger Märtyrer.

Einige Tage nach Rochis Verwandlung rief der Mann von den Wiener Linien an und sagte, dass "das hässliche Stoffvieh" abgegeben worden sei. "Kein Wunder, dass den keiner wollte …"

In der Nacht schlich ich an Mückes Bett und tauschte den braunen gegen den schwarzen Rochen aus. Als sie anderntags mit dem Ur-Rochi im Arm erwachte, war sie von dem Wunder, dass er wieder seine ursprüngliche Farbe angenommen hatte, überwältigt. Ja, Rochi wurde lange Zeit wie ein Heiliger verehrt, und alle Freunde der Mücke kamen wie Pilger zu uns nach Hause, um Rochi anzubeten und sich die Geschichte immer wieder erzählen zu lassen.

Im Religionsunterricht fragte die Lehrerin die Kinder, in welcher Situation sie Gott schon einmal gespürt hätten. Die Mücke zeigte auf und erzählte das Wunder vom Rochen. "Der liebe Gott hat ihn wieder geheilt", sagte sie. Alle nickten ehrfürchtig und wenig später stand im Mitteilungsheft, dass mich die Lehrerin zu einem Gespräch in die Schule bittet. Als ich vor der jungen Person mit Taizé-Kreuz-Kette saß und die Wahrheit auspackte, schüttelte sie den Kopf und belehrte mich, dass eine Lüge nie die Lösung sei. Ich fragte sie, ob sie Kinder habe. Als sie verneinte, seufzte ich und wusste, dass es keinen Sinn haben würde, mit ihr zu diskutieren. Ich ließ die Mücke weiter in dem Glauben, dass es sich beim braunen und beim schwarzen Rochen um ein und denselben handelte.

Erst bei einem Umzug viele Jahre später flog die Geschichte auf, weil der braune Rochen, den ich im Keller gut versteckt hatte, zum Vorschein kam. Inzwischen war die Mücke elf Jahre alt, und in ihrem Zimmer saß nur noch der Pandabär Ossi, weil Stofftiere nicht mehr cool waren. "Was ist das?", fragte sie mich und zog den braunen Rochen an einem Lappen aus dem Plastiksack, "hast du mich damals angelogen?" Ich beichtete, und wir konnten zum Glück darüber lachen. Dass die Religionslehrerin meine Methoden damals nicht gutgeheißen hat, machte die Mücke nachdenklich. "Ich habe mich als etwas Besonderes gefühlt", erzählte sie, "ein bisschen wie Harry Potter oder Pippi Langstrumpf". Diesen Moment hätte ich gerne für die Religionslehrerin aufgezeichnet. Als ich vorschlug, den Rochen für den Mini aufzuheben, winkte die Mücke ab. "Geh, bitte", sagte sie, "wer spielt denn mit so was?" Wir lachten wieder. Als ich sie daran erinnerte, wie vernarrt sie in den Lappen gewesen war, dass er sogar ins Schwimmbad und auf den Eislaufplatz mitgenommen werden musste, tippte sie sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. "Ich muss ja einen ordentlichen Vogel gehabt haben", sagte sie.

Ich habe Rochi braun und Rochi schwarz trotzdem behalten und zu den Erinnerungsstücken in eine Kiste gelegt. Und wenn die Rochis nicht heimlich in die Straßenbahn eingestiegen sind, dann liegen sie dort noch heute.

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