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C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: Einladung aufs Schloss oder Gefrierbrand mit Winnie Puuh

Als junge Mutter freut man sich über Kontakt zu anderen jungen Müttern, weil man das gleiche Schicksal teilt. Dass es auch Ausnahmen gibt, lernte Christiane Tauzher, als sie der Einladung einer Bekannten folgte – auf deren Schloss.

Ein kleiner Junge mit Krone auf dem Kopf in einem Schloss aus Pappe

In Schlössern lebt es sich halt etwas anders ... (Symbolbild)

Getty Images

Als ich noch sehr jung und als Mutter sehr überfordert war, nahm ich jede Gelegenheit wahr, die Mücke zu einem Gleichaltrigen auf einen Spieleteppich zu setzen. Wenn der "Magst du nicht vorbeikommen?"-Anruf einer Nachbarin oder Freundin kam, war ich schon so gut wie dort – im Leben einer anderen Mutter, das meinem eigenen ähnelte. Das beruhigte mich. Mit einer Tasse Kaffee am Rande des Spieleteppichs zu sitzen und mit der anderen Mutter zu tratschen, die dieselben Probleme hatte wie ich, die in derselben Unordnung lebte wie ich und die sich genauso unperfekt fühlte wie ich. Es leicht zu nehmen, wenn die Mücke dem anderen Kind mit dem Hammer auf den Kopf haute, nicht auszuflippen, ruhig zu bleiben und nicht die Nerven wegzuschmeißen, von niemandem kritisiert, sondern verstanden zu werden.

Der Kreis an Gleichgesinnten erweiterte sich ständig. Es bedurfte nicht vieler Worte, die Gemeinsamkeit, die uns Mütter verband, war unübersehbar und unüberhörbar. Wir liefen uns auf dem Spielplatz, im Supermarkt, auf der Straße, an der Tankstelle über den Weg. Der Zufall spielte Regie und unser Kreis bestand aus bunt zusammengewürfelten Frauen, die sich in einem Leben ohne Kinder nie begegnet wären. Oft reichte schon ein hinuntergefallener Schnuller, um Telefonnummern auszutauschen. Egal ob Anwältin, Ärztin, Verkäuferin oder Buchhalterin – am Rande des Spieleteppichs waren wir alle gleich.

Wenn man Kinder im selben Alter hat, zählt nur das

Das dachte ich zumindest. Bis ich ihr begegnete. Einer Bekannten und ehemaligen Kollegin, die ich nach meiner Hochzeit mit dem Olaf aus den Augen verloren hatte. In der Zeitung stand irgendwann in der Rubrik "Society", dass sie einen Millionär geheiratet hatte und schwanger war. Als ich ihr im Spielwarengeschäft in der Stadt begegnete, lud sie mich und die Mücke überschwänglich zu einem "Spielenachmittag" auf ihr Schloss ein. Sie war, wie schon erwähnt, mehr eine Bekannte als eine Freundin. Aber was spielte das schon für eine Rolle. Wenn man Kinder im selben Alter hat, zählt nur das. In diesem Punkt sollte ich mich irren.

Ich hätte mehr auf die Details achten sollen, als ich mit der Bekannten zwischen den Stofftieren und Rutschautos stand. Sie war wie aus dem Ei gepellt, trug hochhackige Stiefel und einen taillierten Lammfellmantel. Ihre Haare fielen in weichen glänzenden Wellen um ihr Puppengesicht und die Wimpern waren garantiert aufgeklebt. Dass ich in alten Jeans, Converse und Daunenjacke unterwegs war, muss ich nicht extra erwähnen, weil ich seit der Geburt der Mücke vierzehn Monaten zuvor nichts anderes trug. Der Friseur hatte mich das letzte Mal schwanger gesehen. Ich hatte ihn einfach vergessen. Jetzt, beim Anblick der Bekannten, fiel er mir wieder ein. Die Mücke, die im Kinderwagen festgezurrt war, begann zu quengeln.

Einlass ins Paradies

"Wo ist denn eigentlich dein Sohn?", fragte ich die Bekannte und sah mich demonstrativ um.
Sie lächelte mitleidig und sagte, "Theo ist bei der Nanny zu Hause. Das ist alles zu stressig für ihn."
Spätestens an diesem Punkt unseres Smalltalks hätte ich den Besuch abblasen müssen. In mir läuteten alle Alarmglocken. Stattdessen sagte ich: "Fein, dann sehen wir uns nächsten Freitag um drei bei dir." Sie überreichte mir noch eine goldgeprägte Visitenkarte mit der Adresse.

Am ausgemachten Freitag stand ich mit der Mücke vor dem schmiedeeisernen Flügeltor, das lautlos aufschwang und uns Einlass ins Paradies gewährte. Unter meinen Füßen knirschte der weiße Kies. Die Bekannte winkte uns von Weitem zu. Unter dem riesigen Portal, das von zwei griechischen Säulen gehalten wurde, wirkte sie wie eine Spielfigur. Als wir endlich beim Haus angekommen waren und die Bekannte aus der Nähe sahen, wurde mir kurz übel. Sie war wieder perfekt geschminkt, ihre Füße steckten in High Heels, die Designer-Jeans saßen wie eine zweite Haut. Hatte ich etwas falsch verstanden? Waren wir nicht zu einem Spielenachmittag eingeladen? Ich schluckte die Panik hinunter, stellte die Mücke im Vorzimmer, das eine Halle war, ab und überlegte, ob ich meinen Mantel anbehalten sollte, um das ausgeleierte T-Shirt und die Kapuzenweste darunter zu verbergen.

Das Kind: weißes Hemd, Pullunder und gescheiteltes Haar

"Leg doch ab", sagte die Bekannte. Und mir blieb nichts anderes übrig. Die Mücke trug ihren Lieblings-Winnie-Puuh-Pullover und die Haare standen ihr zu Berge, als ich ihr die Haube vom Kopf nahm. "Kommt doch weiter", sagte die Bekannte und führte uns in einen Salon, in dem ein junges Mädchen mit einem kleinen Buben, der weißes Hemd, Pullunder und gescheiteltes Haar trug, vor dem Kamin ein Bilderbuch anschaute. "Das ist der Theodor", sagte die Bekannte und deutete auf ihr perfektes Kind, als wäre es eine kostbare Vase.

"I am Kate", stellte sich das junge Mädchen vor.

"Es ist wichtig, dass die Kinder mit einer Zweitsprache aufwachsen", erklärte die Bekannte. Dann kam ein anderes Mädchen von links mit Kaffee und Kuchen auf einem Silbertablett. Die Mücke hatte sich inzwischen neben den braven Theodor auf das Lammfell plumpsen lassen. Er begann sofort zu weinen, als er Winnie Puuh so nah vor sich sah. Verstohlen schaute ich mich um und sah keine Unordnung, keinen Staub und kein Spielzeug.

Handgenähte Stofftiere und Autos aus unbehandeltem Holz

Als hätte die Bekannte meine Gedanken gelesen, schlug sie vor, nach oben in Theodors Zimmer zu gehen. "Dort ist es gemütlicher", sagte sie und ging voraus. Theodor wurde von der Nanny die Treppe hinaufgetragen. Dahinter kam die Frau mit dem Jausentablett. Im ersten Stock war alles in Hellblau gehalten. Kleine weiße Wölkchen und ein paar Vögel zierten die Decke des Zimmers. Winnie Puuh gab es natürlich nicht, dafür handgenähte Stofftiere und Autos aus unbehandeltem Holz. Kein Orange, kein Rot, kein Gelb. Zu ordinär. Zu grell. Nachdem die Mücke die pastellfarbenen Bauklötze aus dem Regal gefegt hatte, entdeckte sie etwas, das sie kannte. Filzstifte! Theodor schaute ungerührt zu, wie sein ungebetener Gast den Zeichenblock malträtierte.

Die Bekannte setzte sich auf eine sonderangefertigte Leinencouch, die genau in die Nische neben dem Wickeltisch passte und schlug die Storchenbeine übereinander. Sie aß keinen Kuchen und erklärte, dass man nur durch Disziplin die Vor-der-Geburt-Figur zurückbekäme. Ich aß zwei Stück Kuchen und vermisste den Spieleteppich und die entspannte Atmosphäre. Der Mücke war bald fad, der Theodor mochte uns nicht und sah uns anscheinend als Eindringlinge in seiner Pastellwelt. Obwohl die Nanny alles versuchte, um die Kinder bei Laune zu halten, gelang es ihr nicht. Die Bekannte machte sich gar nicht erst die Mühe, mit den Kindern in Berührung zu kommen. Sie saß einfach nur da und nippte von einer dünnwandigen Porzellan-Schale ihren Kaffee mit fettarmer Milch. Nach zwei Stunden verabschiedete ich mich und die Bekannte sagte "Schade!".

Wir wurden nicht mehr eingeladen

Den Moment als ich mir den Mantel anzog, nützte die Mücke, um mit dem Filzstift, den sie von oben mitgenommen hatte, einen langen Strich an die Wand im Wohnzimmer zu machen. Zum Glück kehrte die Gastgeberin dem Wohnzimmer gerade den Rücken. "Es war so nett", sagte sie, "ihr müsst unbedingt wiederkommen. Wir würden uns freuen." Das bezweifelte ich. Ich wusste, dass die Bekannte ihre Meinung ändern würde, sobald sie sich umgedreht hatte. Und so war es auch. Wir wurden nicht mehr eingeladen. Das schmiedeeiserne Tor öffnete sich nie wieder für uns. Zum Glück.

Winnie Puuh hätte es uns nicht verziehen, wenn wir noch einmal hingegangen wären.

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