HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: Der Papst ist Fan von Hello Kitty – ein kleines Wunder aus Rom

Als die Religionslehrerin das Töchterchen mit Erzählungen über Wunder begeistert, beschließt das Kind, den Papst zu besuchen und um eines zu bitten. stern-Stimme Christiane Tauzher wird Zeugin, als tatsächlich eins geschieht.

Auch wenn es zu diesem Moment nicht wirklich kam – für Mücke hat der Papst ein Wunder vollbracht

Auch wenn es zu diesem Moment nicht wirklich kam – für Mücke hat der Papst ein Wunder vollbracht

Getty Images

Mit sechs Jahren wollte die Mücke unbedingt Zeuge eines werden. Schuld daran war die Religionslehrerin, die den Kindern nach Auflistung aller göttlichen Heiler-, Wiederbelebungs- und Brotvermehrungstaten erklärte, dass "wir von Wundern umgeben" seien und dass "wir nur die Augen aufmachen" müssten.

Die kam an diesem Tag enttäuscht von der Schule nach Hause, weil ihr weder im Bus noch auf der Straße ein Wunder begegnet war.

"Schau", tröstete ich sie, "die Frau Lehrerin meint zum Beispiel eine Blume oder einen Regenbogen. Die Natur ist ein einziges Wunder. Der Mensch ist auch ein Wunder."

Die Mücke schaute mich entgeistert an, als hätte ich überhaupt nicht verstanden, worum es eigentlich ging. "Nein", sagte sie voller Überzeugung, "einen Regenbogen hat die Frau Lehrerin sicherlich nicht gemeint." Dass der Jesus einen Toten wieder aufgeweckt hatte, dass er einem Blinden das Augenlicht zurückgegeben hatte und dass er aus wenigen Broten viele Brote gemacht hatte – das waren echte Wunder gewesen – aber Blumen und Regenbögen?

In , überlegte sich die Mücke, wäre es am Wahrscheinlichsten, dass ein Wunder passieren würde. Denn dort lebte der Papst und der Papst war heilig und der Vertreter vom lieben Gott. Wenn einer echte Wunder könnte, dann er. Die Mücke beschloss, so schnell wie möglich nach Rom zu fahren. Es war wichtig. "Ich werde den Papst fragen, ob er für mich ein Wunder machen kann. Er kann bestimmt richtige Wunder." Sie wollte sich nicht darauf festlegen, was für eine Art von Wunder er vollbringen sollte. Da wollte sie dem Papst freie Hand lassen. Wahrscheinlich dachte sie sich, dass er mehrere Wunder im Repertoire habe.

Ich gab zu bedenken, dass es schwierig werden könnte, beim Papst einfach so vorbeizuschneien. Er sei sehr beschäftigt und hätte wenig Zeit.

Ein Brief an den "lieben Pabst Benedig"

"Dann schreibe ich ihm eben vorher einen Brief. Damit er weiß, dass ich komme und mir die Tür aufmacht", schlug die Mücke vor. Als ich sagte, dass es ein Wunder wäre, wenn er antworten würde, da er sicherlich Berge von Post bekäme, wollte die Mücke nicht länger warten. Denn das Wunder war plötzlich zum Greifen nahe.

Auf ihrem schönsten hellrosa Hello-Kitty-Briefpapier schrieb die Mücke an den "lieben Pabst Benedig!", dass sie bald nach Rom reisen werde, dass sie ihn unbedingt treffen wolle und dass er mich, ihre Mutter, bitte vorher anrufen solle, damit wir einen Termin vereinbaren könnten. Meine Telefonnummer mit Vorwahl nahm die Hälfte des Briefes ein. Darunter zeichnete sie einen sehr dicken Mann in Weiß mit Goldkreuz, der ein langes dünnes Ärmchen um ein kleines Mädchen in einem blauen Latzkleid legte. "Bitte melde dich, Benedig!", schloss sie ihren Brief und malte noch ein paar Herzchen an den Rand. Eine Ecke bog sie um und schrieb "neugierige Nase" hinein. Den Tipp meines Vaters "ad tabulam" auf dem Kuvert zu vermerken, befolgten wir. Angeblich, das hatte mein Vater irgendwo gelesen, bekam der Papst Briefe, die mit dem lateinischen Code gekennzeichnet waren, persönlich überreicht. Ob das auch bei einem hellrosa Kuvert mit Hello-Kitty-Katze funktionieren würde, blieb abzuwarten.

Stolz trug die Mücke den Brief an einem Montag zur Post. Wir klebten doppeltes Porto drauf, damit er auch sicher sein Ziel erreichte. Lächelnd nahm der Postbeamte den Brief entgegen.

"Was hast du denn dem Papst geschrieben?", fragte er die Mücke.

"Das ist geheim!", sagte sie.

Er nickte wissend und versprach dafür zu sorgen, dass der Brief sicher und schnell ankommen würde.

"Wie lange wird es dauern?", fragte sie ihn.

Ab Mittwoch wurde die Mücke nervös

Bevor ich dem Mann ein Zeichen geben konnte, sagte er, dass der Brief den allerhöchstens in zwei Tagen erreicht haben werde. Ein fataler Fehler. Denn ab Mittwoch wurde die Mücke nervös und kontrollierte täglich vor und nach der Schule mehrmals den Postkasten. Sie ging sogar zu den Nachbarn, um sich zu erkundigen, ob das Antwortschreiben des Papstes vielleicht irrtümlich falsch ausgeliefert worden war. Zwei Wochen, drei Wochen verstrichen und die Mücke begann, die Hoffnung aufzugeben. Lange schon schaute sie nicht mehr in den Postkasten. Obwohl ich ihr immer wieder erklärte, dass der Papst wahnsinnig beschäftigt sei und nicht jeden Brief beantworten könne, war die Mücke bitter enttäuscht darüber, da ihr erstes eignes Wunder nicht geschah. "Die Religionslehrerin hat uns angelogen", sagte sie eines Tages, "es gibt gar keine richtigen Wunder. Die Regenbögen und die Blumen gelten nicht."

Der Olaf versuchte, die Situation zu retten, indem er unserem dreizehn Jahre alten halbblinden Hund beibrachte, einen Ball zu apportieren. "Das ist auch ein kleines Wunder!", sagte er und war begeistert von seinen Dressurkünsten.

Die Mücke fand "das kleine Wunder" blöd und schaute gar nicht richtig hin. Der alte Hund bekam einen Hundekeks und durfte sich wieder auf seine Heizdecke legen.

Post aus dem Vatikan

Und dann, am Anfang der vierten Woche, passierte es doch. Ein elfenbeinfarbenes dick wattiertes Kuvert aus dem Vatikan lag in unserem Postkasten. Sogar ich war aufgeregt, als ich den Brieföffner vorsichtig durch das teure Papier zog. Die Mücke hatte rote Wangen vor Vorfreude. Feierlich überreichte ich ihr das Schreiben des Papstes, auf dem sein goldgeprägtes Wappen eingestanzt war.

Den Brief hatte Benedikt XVI. zwar nicht persönlich geschrieben, sondern einer seiner Mitarbeiter, aber das kümmerte die Mücke nicht. Da stand, dass sich der Papst über ihre Zeichnung sehr gefreut habe, dass er " " lustig fände, dass er alle Katzen liebe und dass er die Mücke gerne kennenlernen würde. Eine Privataudienz sei zwar aus Zeitgründen nicht möglich, aber dafür ein Treffen in erweiterter Runde mit Hunderten anderen. Die Mücke könne sich gerne dazu anmelden. Der größte Schatz, den der Brief enthielt, war ein Bildchen des Papstes, samt Widmung und Autogramm. Sofort lud die Mücke ihre zwei besten Freunde ein, die das Bildchen und den Brief anschauen durften. Wie kostbare Reliquien wurden sie herumgereicht.

Hauptsache, der Papst mag "Hello Kitty"

"Der Papst hat mir zurückgeschrieben", erzählte sie, "und das ist ein Wunder, weil er hat eigentlich nur wenig Zeit."

Auch die Religionslehrerin staunte, als ihr die Mücke den Brief zeigte, und bestätigte ihr, dass es sich um ein echtes Wunder handle.

So war es. Als niemand mehr damit gerechnet hatte, geschah das Wunder. Zum Glück wollte sie den Papst jetzt nicht mehr unbedingt persönlich treffen. Der eigentliche Plan der Mücke war ja gewesen, nach Rom zu reisen, damit sie den Papst um die Vorführung eines Wunders bitten konnte. Nachdem der Papst mit seinem Antwortschreiben bereits ein Wunder vollbracht hatte, verzichtete die Mücke auf die Reise nach Rom. Das Wichtigste, nämlich, dass der Papst "Hello Kitty" mochte, wusste sie außerdem schon. Mehr gab es eigentlich nicht zu besprechen.

Was sie seither noch weiß: Dass es sich lohnt, an Wunder zu glauben.

Wissenscommunity