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Corona-Pandemie Veraltete Ankündigungen: Kein Wunder, dass wir jegliches Zeitgefühl verlieren

Eine abgerissene Plakatwand
Plakatwand in desolatem Zustand: Neuigkeiten in puncto Kunst und Kultur gibt es hier schon lange nicht mehr
© Brigitta Jahn
Vermutlich fragen sich alle von uns gerade, ob sie noch richtig ticken. Corona löst mehr aus als Covid-19. Kein Wunder, es passiert ja einfach nix.

Gerät man zurzeit mal in die Innenstadt, vielleicht, weil man nur einen Spaziergang machen möchte, begegnet einem – nichts. Die Geschäfte sind seit Monaten geschlossen, die Straßen wirken wie eine vergessene Filmkulisse. Geisterstadt mitten im Zentrum. Was den Eindruck, sich am falschen Set zu befinden, noch verstärkt, sind all die abgelaufenen Plakate, denen man begegnet. Selbst wenn wir uns längst via Facebook, Push-Nachrichten und Instagram auf dem Laufenden halten, fällt unser Blick auch heute noch auf die Erfindung des Berliner Druckers Ernst Litfaß, das ist immerhin mehr als 160 Jahre her, oder Plakatwände, auch wenn sie nicht immer legal sind. Beide Ankündigungsquellen für künftige Veranstaltungen bestätigen, was wir seit einem knappen Jahr selbst erfahren: Mit der Zeit stimmt etwas nicht mehr.

Als hätte ein schrecklicher Krieg oder eine Naturkatastrophe alles Leben ausgelöscht, erwarten wir eigentlich nur noch eins: "Wall•E – Der Letzte räumt die Erde auf". Doch der freundliche Gefährte aus den Walt Disney Studios will 13 Jahre nach seinem Kinoauftritt partout nicht erscheinen. Wir schauen also täglich auf Termine aus der Vergangenheit, die selbst damals nicht stattgefunden haben. 

Litfaßsäule mit veralteten Plakaten
Selbst Ende Januar 2021 hängen an den Litfaßsäulen noch Plakate aus dem Herbst 2020 – aktuell gibt es einfach nichts zu sagen
© Brigitta Jahn

Gibt es inzwischen sowas wie Corona-Demenz?

Wir erleben nichts mehr und haben damit auch nichts mehr zu erzählen. Das merken wir nicht nur an den wenigen 1:1-Verabredungen, die wir gerade haben. "Habe ich dir schon erzählt, dass ..?" "Ja." Bei Telefonaten ist es noch schlimmer. Auch wenn manche Freunde und Familienangehörige zu höflich sind, darauf hinzuweisen, dass man eine Geschichte zum dritten Mal erzählt, wir merken es irgendwann selbst. Peinlich, peinlich, aber auch kein Wunder. Selbst wenn wir nicht an Covid-19 erkrankt sind, scheint die Pandemie unser Gedächtnis zu befallen. Nicht nur, dass wir alles dreimal erzählen, wir vergessen auch den Rest der Gespräche. Das kann natürlich auch an dem erhöhten Alkoholkonsum liegen.

Dennoch hat bestimmt auch die Spaziergangs-Begegnung mit Plakat-Terminen aus dem vergangenen Jahr Einfluss auf unser Gehirn. Und die Einsamkeit. Wenn dein Radiosender dein bester Freund wird, der dich durch den Tag im Homeoffice begleitet, dann gnade dir Gott. Corona-Demenz ist programmiert. Fast möchte man schon von einer Alzheimer-Variante sprechen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie oft Freunden, egal welchen Alters, Namen, Netflix-Titel oder Gemüsesorten nicht einfallen. 

Ein bisschen geht noch, dann können sie uns vermutlich alle einliefern lassen. Aber ein bisschen geht noch.


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