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stern-Redakteur im Kita-Notdienst: Wie ich einen Tag als Aushilfserzieher überstand

Der Kita-Streik belastet Eltern und Kinder seit Wochen. Carsten Heidböhmer hat sich für den Kita-Notdienst zur Verfügung gestellt - und sieht den Beruf der Erzieher nun mit anderen Augen.

Bundesweit werden die Kitas bestreikt. Einige Tagesstätten bieten eine Notbetreuung an.

Bundesweit werden die Kitas bestreikt. Einige Tagesstätten bieten eine Notbetreuung an.

Es ist 9.45 Uhr, zwei fremde Kinder sitzen auf meinem Schoß, ein dickes Bilderbuch hängt vor der Nase: "Los! Vorlesen!" Ich bin zwar erst eine Dreiviertelstunde hier, habe aber schon zweimal verzweifelt auf die Uhr geschaut. Noch mehr als fünf Stunden bis Feierabend. Wer holt mich hier raus?

An dieser Lage bin ich selbst Schuld: Ich habe mich freiwillig für den Notdienst in unserer Kindertagesstätte gemeldet. Unter dem Kita-Streik leiden meine Frau und ich extrem. Das, was man so schön "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" nennt, bricht gerade mit Verve zusammen. Unser Alltag zwischen Schule, Kindergarten, Musikschule, Sportverein und Büro ist extrem durchgetaktet. Schon bei der kleinsten Änderung droht das Chaos.

Nun fällt also die komplette Kita-Betreuung für unsere dreijährige Tochter Casseiopeia* aus. Und das schon seit drei Wochen. Langsam sind sämtliche Notoptionen aufgebraucht. Oma musste wegen des zeitgleichen Bahnstreiks 400 Kilometer mit dem Auto anreisen, um ein paar Tage auszuhelfen. Meine Frau hat Aufträge abgesagt, ich habe Urlaubstage geopfert - und unsere Tochter darf stundenlang fernsehen, während wir nebenbei arbeiten.

Kein Streit, kein Geschrei

Zum Glück gibt es in der Kita eine Notbetreuung. Deshalb sitze ich nun hier. Zusammen mit der Erzieherin Nina und drei Vätern und Müttern passe ich heute auf rund 30 Kinder auf. An normalen Tagen sind es mehr als 100, die über die Gänge tollen, aber für den Anfang reichen mir diese 30.

Ich habe die Aufsicht im Bauzimmer übernommen, zusammen mit einem Vater, der neben dem Kita-Streik noch ganz andere Sorgen hat: Er ist HSV-Fan. Praktisch: Da haben wir gleich ein Gesprächsthema. Etwa zehn Kinder zwischen drei und fünf Jahren spielen hier friedlich mit Klötzchen, konstruieren Raumschiffe aus Legosteinen oder kippen genüsslich eine Kiste mit Spielzeugautos aus. Ein ziemliches Durcheinander.

Und doch geht es gesittet zu. Kein Streit um Spielzeug, keine Raufereien, niemand weint - und vor allem räumen die Kinder im Anschluss anstandslos auf. Wie anders ist das doch bei uns zu Hause: Geht es da ans Aufräumen, bekommt Casseiopeia zumeist einen spontanen Migräneanfall und legt sich theatralisch aufs Bett. Wenn sie nicht schon vorher unter die Bettdecke geflüchtet ist.

Nicht einmal meine Tochter blamiert sich

Hier in der Kita gibt es klare Regeln im Umgang miteinander, und sie werden von allen Kindern eingehalten. Allein dafür verneige ich mich vor den Erzieherinnen und Erziehern: Sie bekommen etwas hin, woran viele Eltern tagtäglich scheitern. Das gleiche Bild beim Mittagessen: 30 Kinder sitzen an kleinen Tischen, schaufeln sich selbständig den Eintopf auf ihre Teller und essen. Ohne rumzusauen. Eine ganz neue Erfahrung! Kein einziges Glas wird umgestoßen. Nicht einmal meine Tochter blamiert sich - obwohl sie zu Hause jeden zweiten Abend das volle Wasserglas über die Tischdecke gießt. Ein Wunder! Und selbst der Geräuschpegel ist moderat. Beim Kaffeekränzchen meiner Tante haben schon drei Damen mehr Lärm verursacht als diese Kinder. Keine Frage: Nina hat den Laden im Griff. Ganz ohne rumzuschreien. Ein strenger Blick genügt schon. Das möchte ich auch können!

Nach dem Essen schlägt dann endlich meine Stunde: Ich gehe mit den Kindern kicken. Jetzt kann ich meine Kernkompetenzen ausspielen. Natürlich übertreibe ich es gleich, indem ich fünf Steppkes umkurve und den Ball lässig einnetze. Da haben die ersten schon keine Lust mehr. Doch ich kriege noch einmal die Kurve, nehme mich etwas zurück und werde sogar ein echter Team-Player. Auf diese Weise kann ich auch Mädchen zum Mitspielen animieren, die sich vorher nicht auf den Platz getraut haben. Das Spiel entwickelt sich zu einem dramatischen Schlagabtausch, der schließlich durch den Sololauf eines talentierten Rotschopfes entschieden wird. Ich helfe ein wenig nach, indem ich den Schuss durch meine Beine kullern lasse. Man muss auch gönnen können.

Spätestens jetzt bin ich in meiner Rolle als Ersatz-Erzieher angekommen. Inzwischen macht es sogar Spaß. Doch die sechs Stunden haben mich wahnsinnig geschlaucht. Es ist viel anstrengender als erwartet. Dabei habe ich lediglich Kinder verwahrt. Mit einer Erzieher-Tätigkeit hatte das alles natürlich nichts zu tun.

Mein Respekt vor diesem Beruf ist gestiegen

Keine Frage: Mein Respekt vor diesem Beruf ist durch den Tag in der Kita gestiegen. Und auch die Sympathie für die Gehaltsforderungen der Streikenden. Wir vertrauen ihnen täglich unsere Kinder an. Dafür sollen sie angemessen verdienen. Ich wäre bereit, dafür höhere Beiträge zu entrichten.

Ich bin heilfroh, als meine Schicht vorbei ist. Jetzt aber schnell los - ich muss zusammen mit Casseiopeia die große Tochter von der Schule abholen. Auch heute ist der Tag komplett durchgeplant. Zum Abschluss des Tages spendiere ich den Kindern noch ein Eis mit bunten Streuseln. Ich hab es überstanden. Ohne Katastrophen!

Abends bekomme ich dann das schönste Kompliment des Tages: Vor dem Einschlafen flüstert meine Tochter: Jetzt bist du auch eine echte Erzieherin.

*Sämtliche Namen in diesem Text sind geändert

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