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Genderneutrale Erziehung: Mädchen oder Junge? Eltern erziehen ihr Kind geschlechtslos

Die Antwort auf die Frage nach dem Geschlecht ihres Kindes kennen Kyl und Brent aus den USA, verraten sie aber niemandem. Sie erziehen Zoomer geschlechtsneutral und möchten, dass ihr Kind seine Identität unabhängig von gesellschaftlichen Normen entdeckt. 

Von Linda Göttner

Prinzessinnen-Kleid oder Feuerwehr-Schlafanzug – so etwas gibt es nicht in Zoomers Garderobe. Ob Mädchen oder Junge, das wissen nur die Eltern und das Kleinkind selbst. Der zweijährige Wonneproppen aus Utah, USA, wird von seinen Eltern Kyl und Brent Courtney-Myers geschlechtslos erzogen, was bedeutet, dass ihm/ihr weder mädchenhafte noch jungenhafte Attribute zugesprochen werden.

Auf ihrem Blog "raisingzoomer" erklärt Mutter Kyl die Philosophie der sogenannten Creative Parenting Bewegung, bei der die Eltern ihre Kinder auf kein Geschlecht festlegen. Hier stellt sie auch klar, dass Geschlecht und Gender sich nicht gegenseitig bedingen, sondern jeweils unabhängig voneinander die biologische und die soziale Komponente einer Identität beschreiben.

Eine solche muss kompliziert und anstrengend sein – so stellen es sich zumindest klassische Eltern vor. Und ja – um das Aufwachsen für Zoomer so natürlich wie möglich zu gestalten und sich zwar von der geschlechtsspezifischen Erziehung zu distanzieren, Zoomer aber gleichzeitig nicht auszugrenzen, haben die Eltern bewusste Entscheidungen getroffen.

Der Alltag wird neutral gestaltet

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Den Entschluss, ihr Kind genderneutral zu erziehen, fassten die Eltern bereits in der Schwangerschaft. Auf dem Blog schreibt Kyl, dass sie in der Zeit eine Frage ihrer Freunde besonders gestört habe: welches Geschlecht sich die werdenden Eltern wünschen. Für Kyl und Brent stellte sich diese Frage aber nie – sie hätten sich über ein Mädchen genauso gefreut wie über einen Jungen und wollten das Geschlecht vor der Geburt auch gar nicht erfahren. Auch das neue Baby-Zimmer wurde weder blau noch pink gestrichen, sondern blieb weiß. 

Dem Neugeborenen gab das Paar den neutralen Namen Zoomer Coyote. In der Kurzform nennen sie das Kind "Z". Da ihm keines der beiden Pronomen "sie" oder "er" zugeordnet werden kann, sprechen die Eltern von Zoomer als "they", der englischen Pluralform von "sie", um beide Geschlechter einzuschließen. 

Fremde machen Zoomer zum Mädchen oder Jungen

Für die Familie funktioniert dieses Konzept bislang gut. Zoomer liebt pinke Schuhe genauso wie große Trucks. In seinem/ihrem Schrank befinden sich eher neutrale Kleidungsstücke, ohne Symbole oder Sprüche, die als mädchen- oder jungenhaft gelten. Es sind vielmehr das soziale Umfeld oder Fremde, die den genderneutralen Alltag der Familie immer mal wieder stören.

Kyl beschreibt, dass Fremde den/die Zweijährige je nach Kleidung mit einem jeweiligen Geschlecht ansprechen würden. Trägt Zoomer pink oder lila, wird sie zum Mädchen, mit schwarzer Mütze zum Jungen. Die Eltern nehmen es locker und korrigieren nicht jeden Fremden, der bloß der Familie freundliche Aufmerksamkeit schenken will, weisen aber öfter mal auf ihren Lebensstil hin.

Ihren Arzt informierte das Paar vor der Kaiserschnitt-Geburt von ihrem Vorhaben und bat um Diskretion bezüglich des Geschlechts des Neugeborenen. Das Krankenhauspersonal ging darauf ein und übernahm sofort die genderneutrale Sprache.

Kritik von Außenstehenden

Wie zu erwarten, stößt diese Erziehung auch auf Kritik, vor allem in sozialen Netzwerken. In den Kommentaren auf dem -Account von "raisingzoomer" heißt es unter anderem "Armes Kind" oder "Das Kind hat entweder einen Penis oder eine Vagina. Ihr könnt die Natur nicht ändern." Kyl antwortet darauf: "Wir bestreiten nicht den Fakt, dass Z Genitalien hat." Und natürlich könne Zoomer seinen/ihren Körper benennen.

Bislang kennen das biologische Geschlecht aber nur die Eltern und das engste Umfeld. "Wenn die Menschen Zoomers Geschlecht nicht kennen, können sie sie nicht wie einen Jungen oder ein Mädchen behandeln, sondern Z wird wie ein kleines Kind behandelt und erlebt eine vorurteilsfreie frühe Kindheit", schreibt Kyl auf ihrem Blog. Für sie könne das eine Lösung für Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen sein, weil das Kind von Anfang an lernt, nicht in sozialen Geschlechterrollen zu denken. 

Dass irgendwann der Zeitpunkt kommen wird, an dem Zoomer sich vielleicht selbst mehr mit einem Geschlecht identifizieren wird, ist den Eltern bewusst. "Zoomer wird wahrscheinlich im Alter von vier oder fünf Jahren ein Geschlecht wählen", schreibt Kyl. Die Entscheidung wollen die Eltern in den ersten Jahren nicht vorweg nehmen, um dem Kind so zu ermöglichen, die eigene Identität selbst zu entdecken und zu konstruieren – unabhängig von gesellschaftlichen Normen.

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