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Buchrezension

"Mutterblues" von Silke Burmester: Pubertät trifft Wechseljahre – da hilft auch kein Alkohol

Wenn Mutter und Sohn mit schwankenden Hormonhaushalten kämpfen, sieht das so aus: Er chillt, sie heult. Silke Burmester hat ihre Zeit mit dem sich abnabelnden Kind genau unter die Lupe genommen. Der stern darf einen Ausschnitt aus "Mutterblues" vorab veröffentlichen.

Seitenansicht einer blonden Frau, ein pubertierender Junge starrt in den Himmel

Das Kind will nicht mehr kuscheln, geschweige denn einen Gute-Nacht-Kuss, das muss man als Mutter erstmal akzeptieren lernen. Wenn die Pubertät ausgerechnet auf die eigenen Wechseljahre trifft, fällt das besonders schwer – da fließen schon mal Tränen. (Symbolbild)

Der Haussegen hängt schief, in letzter Zeit fühlt sich alles anders an als noch vor ein paar Wochen. Es gibt dauernd Streit. Wieso räumt das Kind plötzlich seine Kleidung nicht mehr in die Wäsche? Wieso reagiert es nicht, wenn man es bittet, das Geschirr aus seinem Zimmer in die Spülmaschine zu räumen? Das hat doch früher problemlos geklappt! Eigentlich müsste es doch immer selbstverständlicher werden, dass der seinen Beitrag zum Haushalt leistet, sich wenigstens um seinen persönlichen Kram kümmert. Dafür ist er ja wohl alt genug. Aber nein. Keine Reaktion. Stattdessen Schweigen aus dem Kinderzimmer. 

Als Silke Burmester, Hamburger Journalistin und "getrennt erziehend" – das bedeutet, Vater und Mutter teilen sich sowohl die Zuständigkeit als auch die Kosten fürs Kind, leben aber in verschiedenen Haushalten – diese Veränderungen zu Hause bemerkt, ist ihr Sohn 14 Jahre alt. Er zieht sich ein Stück weit aus dem Familienleben und in sein Pubertäts-Schneckenhaus zurück. Und sie ist frustriert. Enttäuscht. Fühlt sich zurückgesetzt. Zum ersten Mal wird ihr bewusst, dass ihre Zeit als wichtigste Bezugsperson zu Ende ist. Zumindest in der Form, die sie bisher kannte und liebte – sie hat sich um ihn gekümmert, gekocht, Brote geschmiert, Wäsche gewaschen und bekam dafür ganz viel zurück: Liebe, Bewunderung, Freundlichkeit, Spaß und gemeinsame Freizeit. Doch damit ist nun Schluss, mit dem Zurückbekommen schon mal erstrecht.

Der Schrecken des Erwachsenwerdens

In ihrem neuen Buch "Mutterblues – Mein Kind wird erwachsen, und was werde ich?" schildert Burmester ihr persönliches Dilemma. Ihr Sohn Ben braucht sie nicht mehr, zumindest nicht mehr in der Form, wie sie es gern hätte. So richtig sie das als Mutter eigentlich findet, so sehr wundert sie sich über ihre eigene Reaktion darauf. Sie fühlt sich ihrer Funktion beraubt, ihrer Mutterrolle, in der sie sich sehr wohlgefühlt hat. Ohne, dass sie gefragt wurde, soll das plötzlich vorbei sein. 

"Mutterblues" erzählt von den letzten vier Jahren des Zusammenlebens von Mutter und Sohn. Mit 18 wird Ben ausziehen, eine Ausbildung oder ein Studium beginnen, ein eigenes Leben ohne sie anfangen. Was bleibt ihr dann, außer einer leeren Wohnung? Und wieso macht sie diese Tatsache plötzlich so fertig?

"Die überraschende Erkenntnis beim Schreiben des Buches war das Zusammenspiel der Situation mit den Kindern und den Wechseljahren. Wie ungünstig dieser Zeitpunkt für einen anstehenden Auszug des Kindes ist", erzählt Silke Burmester dem . Die Autorin hat für ihr Buch diverse Interviews geführt und dabei festgestellt, dass das Erwachsenwerden des Kindes nicht nur bei ihr, sondern bei vielen Müttern der Babyboomer-Generation voll ins Klimakterium fällt. Während Mama plötzlich Heulattacken kriegt, zieht sich der Teenager immer weiter zurück – und dann bald aus. Nicht deswegen, sondern schlicht parallel. Ganz blödes Timing.

Aus Silke Burmesters "Mutterblues" 

Und während ich damit klarkommen muss, dass mein Leben in den Spätsommer übergeht, läuft parallel »Frühlingserwachen«. Mein Sohn löst sich, und die Gleichzeitigkeit der Ereignisse fordert mich nicht nur in zweifacher Hinsicht. Sie intensiviert auch den Schmerz. Zwei Schmerz-Meteoriten knallen aufeinander und der Rumms, mit dem sie das tun, führt zu einem noch größeren Leidempfinden.

Denn es ist nicht nur die Gesellschaft, die einen aussortiert, die Männer, für die man nicht mehr infrage kommt, der Körper, der sich in seiner bisherigen Form verabschiedet – es ist auch noch das Kind, das einem deutlich macht: »Ich brauche Dich nicht mehr! Deine Zeit ist vorbei.« Zwei elementare Abschiede müssen zeitgleich verarbeitet werden, die noch dazu eng miteinander verknüpft sind, denn uns wird auf zwei Ebenen die Möglichkeit des Mutterseins genommen: Einmal durch das Ende der Fruchtbarkeit, das andere Mal dadurch, dass unsere Brut versucht, ohne ihre Mutter auszukommen, und unser Mutter-sein-Wollen, unser Kümmern nicht mehr gefragt ist.
Wir haben unsere Schuldigkeit getan. So einfach ist es.

[...]

Ben und ich haben, jetzt, wo er alt genug und reif ist auszuziehen, gar nicht mehr viel miteinander zu tun. Ein paar Minuten am Tag, in denen man redet, ein gemeinsames Essen, mein Gemecker wegen seiner verwanzten Bude, sein dämliches »Chill mal!« als Antwort auf die Notwendigkeit, leere Milch- und Safttüten und dreckiges Geschirr zu entfernen, weil ich nicht möchte, dass Tiere kommen. Und trotzdem ist es lustig. Immer wieder. Anregend, lustig, unterhaltsam.

Auch deswegen ist der Abschied von den Kindern heute so schmerzhaft und schwierig. Weil wir oft genug mit jemandem zusammenleben, mit dem wir wirklich gern zu tun haben. Weil jemand geht, der uns bereichert. Ein etwas schräger Mitbewohner mit komischen Gewohnheiten, der ziemlich anders ist als wir, aber den wir auch deshalb interessant finden. Von dem wir lernen können. Und ja, auch jemand, der uns eine andere Welt nach Hause bringt.

© 2016, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Raus aus der Tabuzone!

Burmester vergleicht den vorweggenommenen Abschiedsschmerz mit einer Art Liebes-Kummer, einem unfreiwilligen Verlassen-Werden. Sie schafft durch das Schreiben und Recherchieren den Sprung in die "Supervision" und kann analysieren, warum Mütter heutzutage so leiden. Sie führt die Kränkung, die Mütter empfinden, auf deren eigene Befindlichkeit zurück. "Wie es vielen Frauen eigentlich mit den Erfahrungen, die sie in dieser Zeit machen, geht, und wie stark sich das auf die Psyche auswirkt, wird immer noch tabuisiert. Das ist einfach kein Thema", hat sie festgestellt. "Ich finde es wichtig, dass mal klar wird, dass es kein Wunder ist, wenn es uns nicht gut geht. Bislang ist es so: Gehen wir zum Allgemeinmediziner, kriegen wir ein Anti-Depressivum, gehen wir zum Gyn, kriegen wir Hormone. Klar, kann das auch mal helfen. Aber viel wichtiger ist es doch, sagen zu dürfen: Es ist einfach total scheiße", fordert die Autorin.

Sie schreibt mit ihrer Selbsterfahrung nicht nur gegen den eigenen Frust an, sondern untersucht auch, wie andere Eltern mit dem sich ankündigenden Auszug ihrer Kinder umgehen. "Ich spreche mit meinem Buch Frauen an, weil sie sich womöglich identifizieren können. Es sollte bewusst kein Fachbuch oder Ratgeber werden, denn ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aber letztendlich ist es natürlich ein Elternthema", sagt Burmester, die auch Väter getroffen hat, die mit dem Flügge-Werden ihrer Kinder hadern. "Mir war es vor allem wichtig, die Irrationalität von Emotionen zu fassen zu kriegen. Bevor man mit tollen Tipps kommt und das wieder wegredet. Mir geht es darum, dass die Isolation aufgebrochen wird."

"Ich bin ja gar nicht allein und komisch"

Die eigene Situation als Beispiel für das Missverhältnis Pubertät und Wechseljahre zu sezieren, um auf die gesellschaftliche Relevanz des Themas aufmerksam zu machen, erfordert einen gewissen Mut. Den zeigt Burmester: Sie berichtet offen und schonungslos von ihrem Zustand – was durchaus tröstlich für andere Mütter sein kann. Auch wenn die eigenen Erfahrungen natürlich nicht komplett identisch sind, gewähren die anekdotisch erzählten Zeitsprünge durch das Leben von Ben und seiner Mutter Einblicke in ein Familienleben, das wohl alle Eltern kennen.

Die Zusammenhänge, die die Autorin aufzeigt, dürften mancher Leserin die Augen öffnen: Sie haben nicht auf einmal einen Dachschaden, sondern das gleiche Problem wie viele andere auch. Sensibilisiert durch die Alkoholkrankheit ihrer Eltern, fällt Burmester der erhöhte Konsum in dieser Mütter-Generation auf. Dort steht die Frage "Bringst du 'n Sprudel mit?" vor den "Mädelsabenden" nicht etwa für Bedarf an Mineralwasser, sondern verharmlost den Wunsch nach einem alkoholischen Getränk, am besten Schampus, am besten täglich. Der Frust will schließlich weggespült werden.

Aber Alkohol ist auch keine Lösung.

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