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Zum Tag der Kinderrechte Beschwerde des SOS-Kinder- und Jugendrats: "Fragt uns – denn richtiges Lernen sieht anders aus!"

Porträts der beiden Mädchen
Lea (l.) ist 18 und Vorsitzende des Kinder- und Jugendrates von SOS-Kinderdorf e.V. und Tabea, auch 18 Jahre alt, sitzt ebenfalls im Vorstand. Sie ist Finanzvorständin/Depotverwalterin des Rates.
© Karen Silvester / SOS-Kinderdorf
In vielen Ländern sind es Armut, Krankheit und Hunger, unter denen Kinder leiden. Seit Jahren. Doch 2020 und die Corona-Pandemie haben selbst für besser versorgte Kinder und Jugendliche Herausforderungen parat: Schule und Einsamkeit.

Steigende Armut, geschlossene Schulen, familiäre Gewalt: Zum Internationalen Tag der Kinderrechte am 20. November warnen die SOS-Kinderdörfer davor, dass die Corona-Pandemie und ihre Folgen das Leben von Millionen Kindern weltweit in allen Lebensbereichen bedroht. Besonders in den armen Ländern stünden die Entwicklungschancen einer ganzen Generation auf dem Spiel.

Christian Neusser, Kinderrechtsexperte der SOS-Kinderdörfer, sagt: "Die Ausmaße sind tiefgreifend. Denn es geht ja nicht nur um die Verletzung einzelner Kinderrechte, sondern um eine ganze Kette: Armut zum Beispiel zieht Krankheit, Kinderarbeit oder den Verlust der Bildung nach sich." Es sei zu befürchten, dass in Folge der Pandemie die extreme Kinderarmut massiv ansteigen werde.

Stimmen des SOS-Kinder- und Jugendrats

Aus Deutschland gibt es ebenfalls Beschwerden. Bei den Entscheidungen zu Corona-Vorsichtsmaßnahmen fühlen sich Kinder und Jugendliche zu wenig einbezogen. Im "Krisen-Jahr" veröffentlichte der SOS-Kinderdorf e.V. Zitate, in denen mehr Gehör gefordert wird:

Lea: "Kinder sind unsere Zukunft?! Davon ist nichts zu spüren!"
Lea, 18, Vorsitzende des Kinder- und Jugendrates von SOS-Kinderdorf, kann das nur bestätigen: "Die Situation macht mich richtig wütend. Auf uns Jugendliche wurde bei den Maßnahmen zur Bekämpfung von Corona überhaupt nicht geachtet. Wir fühlen uns total im Stich gelassen." Sie kenne genug Jugendliche, die im ersten Lockdown daheim extreme Situationen bis hin zu Gewalt erlebt haben und sich dann an niemanden wenden konnten – keine Freunde, keine Lehrer*innen, keine Therapeut*innen. "Unser Recht auf Schutz wurde schwer verletzt", so Lea, die im SOS-Kinderdorf Lippe aufgewachsen ist und nun als Care Leaverin auf eigenen Beinen steht. Lea möchte trotz allem konstruktiv bleiben, sie hat sich gefragt, was zukünftig besser laufen muss. Ihre Antwort liegt in der Beteiligung von jungen Menschen: "Es gibt so viele interessierte und engagierte Jugendliche, die sich – so wie wir im SOS-Kinder- und Jugendrat – zusammengetan haben, um das Thema Kinderrechte zu beackern. Die Politik sollte sich zumindest an diese Gruppen wenden und deren Stimmen einholen, um so die Belange von Kindern und Jugendlichen in zukünftige Corona-Entscheidungen besser einfließen zu lassen."

Tabea: "Fragt uns – denn richtiges Lernen sieht anders aus!"
Tabea, 18, lebt in einer betreuten Wohngruppe im SOS-Kinderdorf Saarbrücken, sie steckt mitten in der Ausbildung zur Erzieherin und engagiert sich als Finanzvorständin im SOS-Kinder- und Jugendrat. Sie kritisiert, dass das Recht auf Bildung vieler junger Menschen beschnitten wird: "Ich finde es gut, dass Schulen und Kitas jetzt weiter offen haben. Aber damit ist es nicht getan. Richtiges Lernen sieht anders aus. Denn viele Kinder machen auch wieder Online-Unterricht und sind damit ziemlich überfordert. Viele Eltern können dabei nicht so richtig helfen; ich kenne manche, die auch gar keinen Schreibtisch oder ein eigenes Zimmer zum Lernen haben. In der Schule können wir uns nicht richtig konzentrieren, denn wir müssen manchmal stundenlang Maske tragen und durch das ständige Lüften ist es wirklich sehr kalt." Tabea möchte, dass Kinder und Jugendliche mehr einbezogen werden: "Ich finde, wir Schüler*innen sollten auch gefragt werden, denn uns betreffen die Maßnahmen ja. Ich würde mir wünschen, dass wir gemeinsam andere, bessere Lösungen für die Gestaltung des Unterrichts finden."

Arbeiten statt Lernen, das ist der Rückschritt derzeit

Weltweit konnten zeitweise 1,5 Milliarden Kinder nicht die Schule besuchen. Vor allem in ärmeren Ländern sei damit zu rechnen, dass viele Schüler nie wieder in die Schule zurückkehren werden, weil ihre Familien zu arm sind. "Zahlreiche Kinder gehen jetzt zur Arbeit anstatt in den Unterricht", sagt Christian Neusser. Fortschritte der letzten Jahrzehnte drohten zunichte gemacht zu werden. Auch die familiäre Gewalt und Vernachlässigung steige in Folge von erhöhtem Stress und neuer Armut.

Betroffene Kinder hätten aufgrund der Schließung von Betreuungseinrichtungen keine Chance, sich Unterstützung zu holen und seien von sozialen Hilfsangeboten ausgeschlossen. In der Krise wird deutlich: Versorgung, Schutz und Bildung von Kindern müssen Hand in Hand gehen. All dies ist wichtig für die Entwicklung der jungen Menschen. Internationale Organisationen und nationale Regierungen müssen sich dafür einsetzen, dass diese Rechte tatsächlich umgesetzt werden!", sagt Christian Neusser.

Quelle: SOS-Kinderdörfer

bal

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