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Neue Familienmodelle: Papa werden - ohne Frau

Kind ja, Liebe nein: Jochen König hat sich entschieden, Elternschaft und Liebesbeziehung zu trennen. Er erzieht seine zweite Tochter gemeinsam mit einem lesbischen Paar - und schrieb ein Buch darüber.

Von Viktoria Meinholz

Jochen König und seine zwei Töchter Fritzi und Lynn

Jochen König und seine zwei Töchter Fritzi (l.) und Lynn

Auch wenn er gerne so bezeichnet wird, ein alleinerziehender Vater ist er eigentlich nicht, denn "ich bin ja nicht alleine", erklärt Jochen König. "Klar, im Alltag bin ich häufig mit meinen Töchtern alleine, aber mit dem ganzen Drumherum, mit der Verantwortung, nicht." Mit der Mutter seiner ersten Tochter, Fritzi, teilt er sich das Sorgerecht genauso wie mit den Müttern seiner zweiten Tochter Lynn. Doch während Lynn die Hälfte der Woche bei ihren Müttern und die andere Hälfte bei ihrem Vater ist, lebt Fritzi seit ihrer Geburt einen Großteil der Zeit bei ihm. Und zwar nicht, weil es nicht anders ginge, sondern weil Jochen König und Fritzis Mutter sich bewusst so entschieden haben. Dieses Modell ist in Deutschland eine Seltenheit.

Doch nicht nur in dem Punkt unterscheidet sich Königs Familie von der oft noch als Norm plakatierten Kleinfamilie. Denn seine zweite Tochter Lynn wächst in einer Co-Eltern-Familie, bestehend aus zwei Müttern und ihm als Vater, auf. Was das bedeutet? "Co-Eltern zeichnen sich meist durch zwei Aspekte aus", erklärt König. "Zum einen führen die Eltern keine Liebesbeziehung miteinander und zum anderen, auch wenn das nicht zwangsläufig so ist, besteht die Familie aus mehr als zwei Elternteilen, die Verantwortung für das Kind übernehmen."

In seinem Fall ist es so, dass Lynns Mütter ein Paar sind, während er zu beiden nur eine freundschaftliche Beziehung pflegt. Das war für den Pädagogen eine ganz bewusste Entscheidung. "Für mich war die Erfahrung, die ich mit dem ersten Kind und der Trennung von Fritzis Mutter gemacht habe, ausschlaggebend. Es ist total schwierig gleichzeitig eine Paarbeziehung zu führen und Eltern zu sein. Das kann meiner Meinung nach zwei Menschen ganz schön überfordern, da die Liebe vor allem mit kleinem Kind schnell auf der Strecke bleibt." Und selbst wenn man sich zur Trennung durchgerungen habe, könne man sich danach nicht einfach aus dem Weg gehen bis sich die Emotionen ein wenig abgekühlt haben. "Fritzis Mutter und ich mussten schon einen Tag später wieder miteinander über die Organisation unserer Tochter sprechen", sagt König.

Warum nicht Beziehung und Kinderwunsch voneinander trennen?

Doch als in ihm der Wunsch nach einem zweiten Kind wächst, steht er vor der Frage, wie er das - ohne Beziehung und ohne den Wunsch nach einer Partnerin, die auch Mutter seines Kindes wird - machen soll. Von dieser Frage handelt sein zweites Buch "Mama, Papa, Kind?", in dem der Autor alternative Familienformen vorstellt und seinen Weg hin zur Co-Elternschaft erläutert. Ein-Eltern-Familien, Regenbogenfamilien, Patchwork-Familien - König trifft die unterschiedlichsten Menschen und erklärt an diesen Einzelfällen, wie bunt Familienleben schon heute in Deutschland ist. Natürlich ist seine Sicht eine besondere, mitten in Berlin lebt er einen anderen Alltag als eine Familie in der Provinz. Doch der Autor möchte eine neue Offenheit erreichen. "In den Medien, der Öffentlichkeit oder auch in Kitas ist meist nur dieses klassische Mama-Papa-Kind-Ding sichtbar. Alles darüber hinaus fällt hinten runter. Die Politik richtet sich nach diesem einen Modell aus. Dabei funktionieren Familien schon längst viel vielfältiger", erklärt er seine Motivation, das Buch zu schreiben.

König hat sich bewusst für seine jetzige Familiensituation entschieden, bevor Lynn auf die Welt kam, wurde viel diskutiert, überlegt und organisiert. Etwas, was einem erst mal fremd vorkommen kann. Schließlich wird die Entscheidung für ein Kind meist aus Liebe getroffen und ist nicht nur eine Kopfsache. "Aber das war es auch bei mir nicht. Nach den vielen Gesprächen gab es einen Moment, wo ich einfach Lust darauf hatte, noch ein Baby zu bekommen", widerspricht König.

Familie ist nicht so eng

Auch bei einer Co-Elternschaft gibt es Nachteile. "Es ist schon anders. Mit den beiden Müttern von Lynn liege ich nicht neben dem schlafenden Kind und wir gucken uns verliebt an. Natürlich gibt es auch Momente, in denen ich mir mit den beiden nah bin, aber es fühlt sich jetzt nicht so nach einer engen Familie an", sagt König. Außerdem sei es etwas aufwendiger, Absprachen zu treffen. "Wir können Dinge nicht nebenbei beim Einschlafen oder beim Frühstück organisieren, sondern müssen uns explizit treffen. So gehen natürlich manchmal Dinge verloren."

Jochen König bezeichnet sich selbst als Feministen, was auch in seinem Buch klar herauszulesen ist. Er setzt sich sehr für die Selbstbestimmung der Frau ein. Von anderen Männern am Spielplatz scheint er oft ein bisschen genervt zu sein. Stimmt das? "Nicht unbedingt. Aber wovon ich genervt bin, ist dieser Hype um den neuen Vater, wie toll der das macht und heute ist doch alles so wunderbar gleichberechtigt, davon bin ich genervt. Denn das hat mit der Realität nicht viel zu tun. Natürlich gibt es tolle Väter und manchmal bin ich auch neidisch, wie cool andere Väter sind. Aber es sind immer noch nur sechs Prozent der Männer, die mehr als zwei Monate Elternzeit nehmen. Dann von Gleichberechtigung zu sprechen ist natürlich Quatsch." 

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