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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Familien-Whatsapp-Chat mit Opa, nicht zum Aushalten!

Für den stern erzählt Autorin Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. In dieser Folge kauft sich Opa ein Handy.

Opa und Oma lächeln in dieKamera

Alles ist ein Foto wert, wenn man ein Smartphone hat – findet Opa (Symbolbild)

Getty Images

Schön, wenn die eigenen Eltern mit dem Fortschritt mitgehen. Konkret heißt das bei uns, dass sich mein Vater vor fünf Jahren ein Smartphone gekauft hat. Er nennt es immer "Smar-Phone". Keine Ahnung, warum. Wenn man ihn korrigiert, sagt er "ja, ja" – und nennt es fünf Minuten später wieder Smar-Phone. Meine Mutter fasst das Smar-Phone unter gar keinen Umständen an. Sie sagt, ihr wäre das alles zu kompliziert. Und mal ganz ehrlich: Das ist auch so. Es gab eine ganze Zeit, in der mein Vater ihr sagte, er gehe jetzt noch mal ins Büro im ersten Stock, nachsehen, ob etwas in der Mailbox wäre. Meine Mutter hat eine ganze Zeit irritiert darüber nachgedacht, warum mein Vater da oben Mehl braucht.

Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass meine Mutter mit mir nach München gefahren ist, um ein Kleid für meinen Abschlussball auszusuchen. Da war ich 16. Ich frage also irgendwann, warum sie nicht in den fünften Gang schaltet. Bei 150 Stundenkilometern auf der Autobahn. Meine Mutter hat mich aufgeregt angesehen und gefragt: "Welcher fünfte Gang?" Nur damit man ein Gefühl dafür bekommt, wie fortschrittlich meine Familie ist.

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Jedenfalls fanden die Kinder das recht toll, dass Opa und Oma jetzt auch ein Handy haben und installierten auf Opas Gerät Whatsapp samt eigener Familiengruppe. Die "La Familia" inkludierte uns vier, meinen Bruder Christian mit Frau Simone und natürlich die Alten. War ja auch ganz nett zu Anfang. So lange, bis der Opa angefangen hat, jedes Essen zu fotografieren und in die gemeinsame Gruppe zu stellen. Und alle möglichen Blumen und Sträucher aus dem Garten.

Opa übertreibt's

Dann hat er irgendwann alle lustigen Bildchen und Videos, die ihm seine kleinen Seniorenfreunde geschickt haben, sofort in La Familia weitergeleitet. Das war dann der Zeitpunkt als die Kinder aufgehört haben, seine Nachrichten zu laden. Um das Datenvolumen zu schonen – was meiner Meinung nach auch sinnvoll war. Jedenfalls sinnvoller, als die dumm-lustigen Bilder und Videos. Irgendwann wurde dann in jedem Urlaub die Oma täglich im Bikini vor dem Wohnwagen oder in Nahaufnahme auf dem Campingstuhl fotografiert und gepostet. In einer Intensität, dass mein Bruder und ich beschlossen haben, unserer Mutter zusammen eine Badeanzug zu Weihnachten zu schenken.

Aber wir waren ja beim Handy. Auf alltägliche Fragen von uns in der Familien-Whatsapp-Gruppe wie "Wie geht’s euch?" kam jedes mal dieselbe Antwort: "Immer gleich schlecht." So lange, bis man nicht mehr gefragt hat. Mein Vater ist und bleibt Pessimist. Das war dann der Zeitpunkt, zu dem wir die "Selbsthilfegruppe Opa und Oma" gegründet haben, in die nur wir Unter-40-Jährigen eingeladen sind. Nicht die Alten mit dem Smar-Phone.

Absolut keine Disziplin hat er

Wenn man die beiden zum Essen eingeladen hat, holte mein Vater alle 1,5 Minuten sein Handy raus, weil der aktuelle Live-Ticker von N24 eine neue Live-Meldung gesendet hat. Um dann gefühlte 25 mal am Abend mit ernster Stimme Meldungen zu verkünden wie: "SPD schließt Große Koalition nicht aus!" oder "Schwerer Verkehrsunfall auf der A9!" Und das, während wir gerade fröhlich Hannahs Geburtstagsfeier geplant haben. Mittlerweile gibt’s bei unseren Familienfesten ein Handyverbot. Wohlgemerkt: nicht für die Kinder! Die können damit schon umgehen, dass das Handy mal eine Stunde stecken bleibt. Das Handyverbot gilt für den Opa.

In der "La Familia" laufen auch sinnfreie Gespräche wie:

Christian: "Hier um die Ecke wird ein Erdbeerverkäufer gesucht. @Opa. Wäre das nichts für dich? 😀😀😀"

Simone: "Stimmt! Zum Renteaufbessern!"

Hannah: "Ha, ha, ha 😂."

Maximilian: "Nice, Opa! Voll der krasse Erdbeerverkäufer! Hi, hi!"

Ich: "Da darf man halt nicht immer die Kunden zusammenscheißen, gell ... Weiß nicht, ob das dann was für den Opa ist?"

Christian: "Oder Spargelverkäufer! Die haben auch so nette Hütten!"

Simone: "Stimmt! Das spart hier bei uns auch gleich Heizkosten, wenn der tagsüber immer im Spargelhäuschen sitzt!"

Hannah: "😂😂😂"

Maximilian: "Meint Ihr, der könnte an dem Spargelstand auch ein bisschen Weed verkaufen?? Wäre sicherlich ein einträgliches Geschäft! Und ist genauso gesund wie Spargel … Dann würd ich da auch mal verbeikommen 😀. Vielleicht auch öfter!"

Opa: "Wieso Erdbeeren???? Was ist denn Weed?"

Das ist dann der Zeitpunkt, an dem der Familien-Whatsapp-Chat endet, weil keiner weiß, wie man dem Opa auch nur annähernd erklären könnte, um was es eigentlich gegangen ist. Und in welcher Ecke der Humor steckt.

Dann: der Tiefpunkt

Letzte Woche hat mein Vater ein Video einer Sitzung der Freiwilligen Feuerwehr geschickt. Zu sehen sind 15 Männer, die in Uniform in Kreis sitzen, während vorne einer referiert mit den Worten: "Und wir danken unserem zweiten Schriftführer für 20-jährige Vereinstreue mit einem dreifach kräftigen: Wasser, marsch! – Wasser, marsch! – Wasser, marsch!" Das war der Zeitpunkt, an dem mein Mann gedroht hat, aus der La Familia auszusteigen, deswegen habe ich beschlossen, mit meinem Vater ein ernstes Gespräch zu führen. Was man da so senden sollte und was nicht. Der hat mich nur mit großen Augen angeschaut und entrüstet geantwortet: "Ja, aber, das war die Vorstandssitzung!!"

Meine Mutter hat mir das letzte Mal gebeichtet, dass sie das Handyverhalten ihres Mannes auch nervt. Immer, wenn sie zusammen fernsehen und etwas diskutieren, googelt er das sofort, sehr umständlich, eine Viertelstunde lang, (die Kinder bräuchten dafür zehn Sekunden und nur ein Auge), um dann klugscheißen zu können. Außerdem ist er auch bei ihr der live gewordene Nachrichtenticker, der alle zehn Minuten düster-erregt irgendeine schlechte Nachricht verbreitet.

Mama kann Humor

Gelegentlich versteckt sein Handy eine Zeitlang. "Manchmal nervt mich das blöde Smartphone echt!", erklärte sie mir gestern. "Ja, Mama! Du hast es ja richtig ausgesprochen!", erwiderte ich perplex. Sie grinste mich an und sagte: "Smar-Phone! Ich könnt mich jedesmal kaputtlachen, wenn er das sagt!"

Nachtrag: Kurz nachdem dieser Text geschrieben wurde, ist meine Mutter leider gestorben. Ich bin mir sicher, sie hätte den Text lustig gefunden. Deswegen ist das ok. Miss you, Mom! ❤️

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