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Diagnostik und Therapie: Krebs beim Hund: Wer früher sterben musste, kann heute oft geheilt werden

Einer von vier Hunden entwickelt im Laufe seines Lebens einen Tumor. Jeder zweite über zehn Jahren stirbt daran. Krebs zählt zur häufigsten Todesursache bei Hunden. Diagnostik und Therapie haben sich jedoch rapide verbessert.

Von Dr. Brigitte Glöwing

Krebs beim Hund

"Die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit einer solch aufwendigen Behandlung stellt sich für mich nicht", sagt Krebstherapeut Carsten Grußendorf. "Menschen geben sehr viel Geld aus, für Autos, Luxusartikel oder teure Hobbys. Da fragt auch niemand, ob das angesichts des Elends auf der Welt ethisch zu vertreten ist"

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War ein Tumor zu groß oder lag er an einer für den Chirurgen unzugänglichen Stelle, konnten Tierärzte noch vor zehn Jahren chirurgisch nicht viel machen. Chemo- oder Strahlentherapie waren die Ausnahmen. Es fehlte an einschlägigen Erfahrungen mit Hunden. Es fehlte an Medikamenten, an entsprechender Technik für die Veterinärmedizin und an der Bereitschaft der Halter, den vierbeinigen Freund einer beim Menschen häufig nebenwirkungsreichen Therapie auszusetzen. Viel Geld für eine anspruchsvolle Krebstherapie wollte ohnehin keiner ausgeben.

"Heute hat Hofheim eine führende Rolle im deutschsprachigen Raum", sagt Onkologe Martin Kessler von der Tierklinik Hofheim. Denn mit der Entwicklung der vergangenen Jahre, in denen der Hund mehr und mehr zum Sozialpartner des Menschen wurde, ist auch der Anspruch an die medizinische Versorgung des vierbeinigen Familienmitglieds gestiegen.

Mittlerweile wünschen sich Hundehalter die bestmögliche Therapie für ihren Schützling und sind sogar bereit, dafür 5.000 Euro und mehr auszugeben. Den Vierbeinern stehen damit - wenn auch noch nicht überall - Therapiemöglichkeiten auf dem Niveau der Humanmedizin zur Verfügung. Oder darüber: "Manchmal ist die Versorgung der Tiere sogar besser", stellt Dr. Carsten Grußendorf, Tierarzt mit Schwerpunkt Krebstherapie, fest. Da die Onkologie in der Tiermedizin noch eine relativ junge Fachrichtung ist, sind in vielen Kliniken Geräte auf dem neuesten Stand der Technik.

Warum entarten Zellen?

Am Anfang der Tumorbildung steht die Mutation eines Gens und damit die dauerhafte Veränderung des Erbguts. Mutiert wird entweder spontan oder durch Einwirkung von krebsauslösenden Stoffen. "Im Körper finden 400 bis 4000 Mutationen pro Tag statt", sagt Dr. Michael Willmann, Tiermediziner und Onkologe an der Universität Wien. "Normalerweise werden die veränderten Zellen durch das Immunsystem eliminiert. Doch manchmal entwickelt sich aus verschiedenen Gründen eine Immuntoleranz, das Immunsystem akzeptiert dann die Fremdzellen", so Dr. Willmann.

Bei betagten Hunden steigt die Wahrscheinlichkeit für spontane Mutationen. Auch eine erbliche Vorbelastung kann begünstigend wirken. Hinzu kommt: Mit jedem Lebensjahr ist der Körper länger krebserregenden Stoffen aus der Umwelt ausgesetzt. Abgase, Zigarettenrauch, ultraviolette Strahlung im Sonnenlicht und Umweltgifte wie Pestizide oder Herbizide können kanzerogen wirken. Hunde bewegen sich wie Kleinkinder auf Auspuffhöhe und sind besonders Autoabgasen und Feinstaubemissionen ausgesetzt. Auch intensive UV-Strahlung der Sonne kann Krebs auslösen. Besonders weiße Hunde mit wenigen schützenden Pigmenten in den Hautzellen sind gefährdet. Verursacher von Krebs können zudem Viren sein. Sie schleusen sich in die Körperzellen ein und bauen ein Stück ihres eigenen Erbguts in das Erbgut der Wirtszelle ein. Hier bewirken sie eine permanente Veränderung: Die Zelle schlägt aus der Art und kann Tumorwachstum anstoßen.

Wie erkenne ich einen Tumor?

Ist von Krebs die Rede, sind damit bösartige Tumoren gemeint, die schnell in tiefere Schichten einwachsen und die Tendenz haben, in andere Körperteile oder Organe zu streuen. Die Tumorzellen wandern über die Blutgefäße oder das Lymphsystem in andere Gewebe und Organe und bilden dort Metastasen. Oft bleiben sie in Leber, Lunge oder Nieren hängen. Die wuchernden Zellen sind in der Lage, eine Vielzahl von Hormonbildungen oder chemischen Vorgängen zu beeinflussen, und können lebenswichtige Organgewebe zerstören - mit dramatischen Folgen für die Betroffenen.

"Die alte Regel, die besagt, dass ein weicher und in der Haut leicht verschieblicher Tumor wahrscheinlich gutartig ist, gilt nicht mehr", meint Dr. Carsten Grußendorf vom Tiergesundheitszentrum in Bramsche. Dr. Michael Willmann ergänzt: "Niemand kann einem Tumor ansehen oder durch Ertasten einschätzen, ob er gut oder böse ist." Denn viele Tumoren verhalten sich atypisch: Melanome müssen nicht schwarz sein, und ein leicht verschiebbarer Hauttumor muss keine gutartige Fettgeschwulst sein. Onkologen empfehlen, jede Veränderung beim Tierarzt abklären zu lassen, je früher, desto besser. Glücklicherweise sind aber viele Tumoren beim Hund wie zum Beispiel Lipome oder Adenome gutartig. Sie wachsen nur langsam und bilden keine Metastasen, und wenn sie nicht gerade auf dem Augenlid oder an einer anderen sensiblen Stelle sitzen, stören sie den Hund in seinem Wohlbefinden wenig.

Krebs beim Hund: Was hilft meinem Tier?

"Die vier tödlichsten Wörter in der Onkologie sind: let's just watch it", zitiert Dr. Carsten Grußendorf die amerikanischen Tumorforscher. Frei übersetzt heißt das: Bloß nicht nach dem Motto "Abwarten und Tee trinken".

Ein bösartiger Tumor wächst schnell und bildet Metastasen, sodass es mit der Zeit immer schwieriger wird, ihn komplett zu entfernen. Außerdem wird der Patient, der ja sowieso meist schon ein fortgeschrittenes Alter hat, noch älter. Und wer mag einem multimorbiden Methusalem noch einen übergroßen Tumor entfernen?

In 99 Prozent der Fälle kann der Tierarzt schon in einem frühen Stadium eine Feinnadelaspiration durchführen. Dabei sticht er mit einer dünnen Nadel in den Tumor, um Zellen aus dem Tumorinneren zu gewinnen. Anhand dieser Zellen kann der Gewebsmediziner den Tumortyp bestimmen. Tierärzte empfehlen, beim jährlichen Gesundheitscheck auch eine Art Krebsvorsorge durchführen zu lassen. Weil an Tumoren erkrankte bzw. therapierte Hunde oftmals unter Appetitmangel und Gewichtsverlust leiden und nicht noch weiter abnehmen oder geschwächt werden sollen, ist über den Tierarzt eine für den Hund sehr schmackhafte und energiereiche Nahrung zu beziehen. Neben dem therapeutischen Effekt hilft sie die Lebensqualität zu verbessern, zum Beispiel "Hill's Prescription Diet n/d Canine".

Die Operation

"Ein sofortiger chirurgischer Eingriff ist die beste Lösung", sagt Tierarzt Carsten Grußendorf. Die große Herausforderung für den Chirurgen ist es, den Tumor vollständig zu entfernen. Dafür muss er bis ins gesunde Gewebe schneiden. Bleibt auch nur eine einzige Tumorzelle zurück, kann an dieser Stelle der Krebs erneut wuchern. Große Gewächse hinterlassen noch größere Wunden. Bei kleinen Hunden mit großen Tumoren kann das zu einem Problem werden. Schon deshalb ist es von Vorteil, sich frühzeitig für einen Eingriff zu entscheiden, bevor der Tumor die Größe eines Fußballs erreicht hat.

Im Anschluss an eine Operation ist es ratsam, das entfernte Geschwulst zur Gewebsuntersuchung bei einem Histologen zu geben. Mit dem Befund kann der Tierarzt eine bessere Prognose zum weiteren Verlauf der Erkrankung abgeben. Oftmals kann jedoch ein chirurgischer Eingriff allein einen bösartigen Tumor nur für kurze Zeit aufhalten. Auch macht die Chirurgie bei manchen Tumoren keinen Sinn, wie solchen des Lymphsystems, die an verschiedenen Körperstellen gleichzeitig auftreten können. 

Die Chemotherapie

Ist von Krebstherapie die Rede, denken die meisten Menschen reflexartig an den Begriff "Chemo". Beim Menschen wird die Chemotherapie seit rund sechzig Jahren eingesetzt. Sie ist Fluch und Segen zugleich. Ohne sie wären wohl viele Krebspatienten nicht mehr zu retten, dennoch sind die dramatischen Nebenwirkungen der meisten Chemotherapeutika berüchtigt. Die tierischen Krebspatienten erhalten wie ihre zweibeinigen Leidensgenossen sogenannte Zytostatika, das sind Zellgifte, die besonders auf Zellen wirken, die sich schnell teilen. Das Besondere an Krebszellen ist eben diese häufige Zellteilung, die zu einem raschen Wachstum führt. Die verabreichten Zellgifte wirken jedoch nicht nur auf die Krebszellen. Beeinträchtigt werden auch alle anderen Zellen, die sich schnell teilen. Typische Nebenwirkungen vieler Zytostatika sind beim Menschen daher vorübergehende Schädigungen der Blutzellbildung, Haarausfall, Übelkeit und Erbrechen.

Krebs beim Hund: Die fünf häufigsten Krebserkrankungen
Milchdrüsenkrebs

Tumoren im Brustgewebe der Hündin spielen in den USA kaum eine Rolle mehr. Dort werden Hündinnen meist schon vor der ersten Läufigkeit kastriert. Durch den fehlenden hormonellen Einfluss wird das Risiko minimiert. Aus ethischen Gesichtspunkten sollte dennoch nicht voreilig kastriert werden.

Hautkrebs

20 bis 30 Prozent aller Gewächse auf der Haut sind bösartig. Häufig diagnostiziert werden Mastzellentumoren. Vor allem Boxer und andere kurzköpfige Rassen werden davon heimgesucht. Riesen- oder Mittelschnauzer sowie Rottweiler haben eine erbliche Vorbelastung für das Plattenepithelkarzinom des Krallenbettes.

Lymphdrüsenkrebs

Dieser steht beim Hund an dritter Stelle. Dazu zählen, neben anderen Tumoren, das bösartige Lymphom (diese Erkrankung befällt meist Lymphknoten, Leber oder Milz) und Leukämie.

Maulhöhlenkrebs

Bösartig sind Plattenepithelkarzinome, orale Melanome und Sarkome. Hunde mit Maulhöhlentumoren fressen schlecht, magern ab und ihr Speichel kann blutig sein. Oft werden Tumoren im Fang erst entdeckt, wenn Metastasen in andere Organe gelangt sind.

Weichteil- und Knochenkrebs

Hierzu zählen Fibrosarkome (vom Bindegewebe ausgehend), die schmerzhaften Knochentumoren (Osteosarkome) sowie Hämangiosarkome (Tumoren des Gefäßsystems). Vor allem große Hunde wie Doggen und Bernhardiner werden von Knochentumoren befallen. Weiterhin kommen Nasen- und Hirntumoren, beim Rüden auch Hoden-, Prostata- oder Analbeutelkarzinome vor.

Ganz anders ist die Situation beim Hund. Hier ist das oberste und alleinige Ziel nicht die vollständige Heilung des Patienten, sondern vor allem eine Verbesserung seiner Lebensqualität. Die Dosierungen der Chemotherapeutika sind deshalb beim Hund viel geringer und entsprechend auch die Nebenwirkungen. Übelkeit, Durchfall oder die Zerstörung des Knochenmarks kommen kaum vor. "Leidet ein Hund trotzdem unter den Nebenwirkungen der Chemo, muss die Therapie angepasst werden", rät Onkologe Michael Willmann. Eine Chemotherapie soll dem Tier ermöglichen, so lang wie möglich beschwerdefrei zu leben.

Besonders erfolgreich ist die Chemotherapie als alleinige Therapieform beim malignen Lymphom. Diesen bösartigen Tumor des Lymphsystems können die Tierärzte mit einer Chemotherapie langfristig in Schach halten und in zwanzig Prozent der Fälle sogar eine Heilung erzielen.

Die Strahlentherapie

Sie wird je nach Tumor allein, in Kombination mit Chemotherapie oder Operation eingesetzt. In einigen Fällen kann es sinnvoll sein, einen Tumor vor dem chirurgischen Eingriff zu bestrahlen, um ihn für die Operation zu verkleinern. Nach einer Operation wird bestrahlt, um eventuell übrig gebliebene, de facto mikroskopisch kleine Zellreste des Tumors zu zerstören. 

Manche sagen: Ist doch nur ein Tier

"Die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit einer solch aufwendigen Behandlung stellt sich für mich nicht", sagt Krebstherapeut Carsten Grußendorf, der im letzten Jahr eine hochmoderne Strahlenklinik für Hunde und Katzen errichtet hat.

"Menschen geben sehr viel Geld aus, für Autos, Luxusartikel oder teure Hobbys. Da fragt auch niemand, ob das angesichts des Elends auf der Welt ethisch zu vertreten ist", so der Krebstherapie-Vorreiter. Er verurteile jedoch auch niemanden, der sage, er wolle oder könne sich eine solche Behandlung für sein Haustier nicht leisten.

Doch auch wenn die Möglichkeiten in der Tiermedizin denen der Humanmedizin in nichts mehr nachstehen, gibt es einen großen Unterschied: "In der Humanmedizin wird behandelt nach dem Motto: Entweder der Tumor oder der Patient. In der Tiermedizin versuchen wir dagegen den Tumor so zu unterdrücken, dass er dem Tier ein gutes, schmerzfreies Leben ermöglicht", so Grußendorf. Damit nimmt man in Kauf, dass ein erkranktes Tier möglicherweise nicht so lange lebt. Der Begriff palliative Therapie steht für diesen Ansatz in der Medizin, also nicht die Verlängerung der Überlebenszeit, koste es, was es wolle, sondern die Lebensqualität des Patienten steht im Vordergrund. Um eine Unterdrückung des Tumors zu erreichen, kann in der Tiermedizin mit wesentlich geringeren Dosen gearbeitet werden, dadurch können auch die Nebenwirkungen für den Patienten in erträglichem Maß gehalten werden.

Krebs therapieren bis zum bitteren Ende?

Jeder Besitzer möchte natürlich seinen Hund unter allen Umständen am Leben erhalten. "Im Gegensatz zu Humanmedizinern haben wir Tierärzte aber die Möglichkeit, einem Tier sinnloses Leid zu ersparen", sagt Dr. Michael Willmann. Dies gilt besonders für Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium, die unter ständigen, nicht mehr therapierbaren Schmerzen leiden. Die Schwierigkeit dabei ist herauszufinden, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem ein Tier besser eingeschläfert werden sollte.

Aber einzuschätzen, ob und in welchem Maß der eigene Hund leidet, ist schwierig. Die Frage nach der Lebensqualität der tierischen Krebspatienten beschäftigt die Veterinäronkologen schon seit Langem. In einer wissenschaftlichen Studie haben sie eine standardisierte Methode entwickelt, um mehr Objektivität in der Beurteilung des Zustandes ihrer Patienten zu erhalten. Tierhalter und behandelnder Tierarzt werden anhand eines Fragebogens nach bestimmten Verhaltensweisen und Gesundheitsparametern des vierbeinigen Patienten befragt. Diese subjektiven Eindrücke der Hundehalter werden mit objektiv messbaren Parametern aus der Patientenkartei wie etwa der Gewichtsentwicklung oder der Pulsfrequenz bei den vorherigen Untersuchungen kombiniert. Eine hohe Pulsfrequenz kann Zeichen für Schmerzen sein. Aus der Analyse der neuen und der Langzeitdaten erhoffen sich die Wissenschaftler eine bessere Einschätzung des Leidensdrucks eines tierischen Patienten. Damit für unheilbar Kranke die letzten Wochen nicht unnötig zur Qual werden.

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