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Freundschaft Plötzlich Patentante: Wenn die Freunde erwachsen werden

Eine junge Frau hält ein Kleinkind auf dem Arm, im Hintergrund geht eine weitere Frau weg
Mit Mitte 20 schlagen Freunde unterschiedliche Wege ein, einige werden Eltern (Symbolbild)
© Robert Kneschke / Picture Alliance
Mit Mitte 20 habe ich das Gefühl, dass meine Freunde sich in zwei Rubriken einteilen lassen: Die Erwachsenen und die, die gerne die Zeit anhalten würden, um noch nicht erwachsen werden zu müssen. Während ich mich eher zur zweiten Kategorie zählen würde, ist eine meiner besten Freundinnen erwachsen – und hat mich zur Patentante gemacht.

Wenige Tage vor meinem 26. Geburtstag war ich zu Besuch bei meiner gleichaltrigen Freundin, die ich schon mein ganzes Leben lang kenne. Sie war vor wenigen Monaten Mutter geworden und hielt ihren kleinen Sohn stolz auf dem Arm. Ich selber war in diesem Moment erst einmal froh, das Baby aus sicherer Entfernung begutachten zu können.

Ich bin die Jüngste in meiner Familie, noch niemand sonst in meinem Umfeld hatte zuvor ein Kind bekommen – Babys waren somit wirkliches Neuland für mich. Außerdem war es immer noch ein unglaublicher Gedanke, dass meine Herzensfreundin nun eine waschechte Mama sein sollte, die vor mir sitzend von einem Ohr zum anderen über ihr Mutterglück strahlte – während es mir bei dem bloßen Gedanken an eine mögliche Schwangerschaft eiskalt den Rücken runterlief.

Und dann das Unglaubliche: Sie und ihr Mann fragten mich an diesem Samstagnachmittag, ob ich die Patentante ihres kleinen Sohnes werden wollte. Überwältigt von dieser Ehre und diesem Vertrauen in mich – einer Studentin, die bisher maximal mit einem halben Bein im Leben steht – kam ich nicht umhin zu denken: "Das fühlt sich so erwachsen an."

Ist eine von uns falsch abgebogen?

Dass meine Freundin und ich seit vielen Jahren an unterschiedlichen Punkten in unserem Leben stehen, ist kaum von der Hand zu weisen. Obwohl wir anfangs noch den selben Weg eingeschlagen hatten – im selben Dorf aufgewachsen, gemeinsame Schulzeit bis zum Abitur – erscheint es mir rückblickend, als sei eine von uns mit dem Abschluss in der Hand rechts und die andere links abgebogen.

Während sie in ihrem ersten Freund direkt die große Liebe gefunden hatte, nach der Schule mit ihm zusammenzog und schon bald ihre Traumhochzeit plante, ging ich in eine neue Stadt, zog jeden Mittwoch mit meinen neuen Studienfreunden um die Häuser und fragte mich, ob ich im Lateinkurs noch mitkommen würde, wenn ich einmal eine Unterrichtseinheit morgens um acht sausen ließ. Ich traf zu dieser Zeit lediglich kleine, alltägliche Entscheidungen, während sie bereits die Weichen für ihre Zukunft stellte.

Richtig bewusst wurde mir dieser "Vorsprung", den sie vor mir auf der Leiter zum Erwachsenwerden hatte, als sie schön wie ein Engel an meiner Sitzbank vorbei zum Traualtar geführt wurde. Hatte sich das Aufbrezeln für die Hochzeit für mich und meinen Freund damals noch wie "erwachsen spielen" angefühlt, wurde mir in dem Moment, in dem meine Freundin von "ihrem Mann" sprach, klar, dass das für sie kein Spiel, sondern die Realität war.

Als wir kurz darauf auch noch gemeinsam die Grundmauern ihres bald selbstgebauten Eigenheimes besichtigten (ich wohnte zu der Zeit in einer WG mit einer Mitbewohnerin, die ein anderes Sauberkeitslevel als ich für wohnlich hielt), kam ich nicht umhin, mich zu fragen: "Hat eigentlich sie alles richtig gemacht oder ich? Sollte ich auch schon so weit sein?"

Hund kümmert sich rührend um geschwächtes Lamm

Mittlerweile haben sich noch weitere Freunde aus meinem Umfeld verlobt, haben Häuser bezogen oder ein Kind bekommen. Jedes Mal wieder überläuft mich dabei ein kleiner Schauer, denn während ich mich sehr für diese lieben Menschen freue, die überglücklich mit diesen Entscheidungen und Meilensteinen in ihrem Leben zu sein scheinen, bin ich immer noch gerne Studentin und mag die Vorstellung von einer – meiner – Zukunft, die sich noch in jetzt ungeahnte Richtungen entwickeln kann.

Heute bin ich also immer noch nicht so weit und finde es vollkommen in Ordnung. Muss denn überhaupt entschieden werden, ob jemand Mitte 20 noch zu jugendlich und wild oder bereits zu erwachsen ist? Wieso habe ich oft das Gefühl, mich vergleichen zu müssen? Erwachsen werden ist doch kein Wettrennen.

Wir sehen uns in der Mitte

Was mich und meine Herzensfreundin betrifft, war und ist es für uns beide sicher nicht immer leicht, diese großen Unterschiede zwischen unseren Leben zu überwinden. Es liegt auf der Hand, dass uns unterschiedliche Dinge umtreiben und wichtig sind. Doch auch wenn uns unsere aktuellen Lebenssituationen nicht unbedingt miteinander verbinden, sie trennen uns auch nicht. Es ist für mich völlig in Ordnung, dass sie momentan den Rat anderer frischgebackener Mütter dem meinen vorzieht und genauso weiß ich, dass sie es mir nicht übel nimmt, wenn ich wieder etwas länger zum Antworten brauche, weil ich mir gerade die Haare über meiner Masterarbeit zerraufe.

Egal, wer von uns zu welchem Zeitpunkt in welche Richtung abgebogen ist: Wir treffen uns immer in der Mitte wieder und sind viel stärker durch unsere Freundschaft, durch die gemeinsamen Jahre, die Erlebnisse und Erinnerungen und die tiefe Zuneigung zueinander verbunden als durch alle Unterschiede, die uns derzeit voneinander trennen mögen. Umso mehr ist es eine Ehre für mich, dass ich ungeachtet dessen, welche Abzweigungen wir in Zukunft noch nehmen werden, zukünftig nicht nur als ihre Freundin, sondern auch als die Patentante ihres Sohnes an ihrer Seite verbringen darf und werde. Wie so oft im Leben sollte vermutlich auch für Freundschaften in den 20er Jahren gelten: Leben und leben lassen – wir sehen uns dann in der Mitte.


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