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Oswalt Kolle "Erfüllte Sexualität"


Mit Filmen wie "Deine Frau, das unbekannte Wesen" versuchte der Sex-Aufklärer Oswalt Kolle in den sechziger und siebziger Jahren die Prüderie aus den deutschen Betten zu vertreiben. Der frisch Verliebte wird heute 75.

Oswalt Kolle, einst Deutschlands größter Sexual-Aufklärer, hat eine neue Erfahrung gemacht. Wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag gesteht er in seiner holländischen Wahlheimat: "Ich habe eine neue Liebe gefunden, es ist wie ein Wunder". Drei Jahre nach dem Tod seiner Frau erlebt er mit einer neuen Partnerin, was er selbst geschrieben hat: "Liebe altert nicht." Und er spricht und schreibt weiter unentwegt über das Thema Nummer eins in allen Lebenslagen.

Die Frau, das unbekannte Wesen

Begonnen hat seine Karriere in Deutschlands prüden 60er Jahren. Als das Geschehen in Schlafzimmern und unter Bettdecken öffentlich noch tabu war, nannte der Journalist in Zeitschriftenserien, Büchern und Filmen die Dinge beim Namen. "Alle Liebe dieser Welt", "Geheimnis der Liebe", "Sexualität 70" lauten Veröffentlichungen von damals, die ein enormes Echo fanden. Besonders bekannt wurde Kolle mit den ersten großen Aufklärungsbüchern "Dein Kind, das unbekannte Wesen", "Deine Frau, das unbekannte Wesen" und "Dein Mann, das unbekannte Wesen" sowie den danach entstandenen Filmen.

Das Echo war zwiespältig. Seine Publikationen wurden in 17 Sprachen - auch Chinesisch - übersetzt und erreichten spektakuläre Auflagen. Mehr als 100 Millionen Menschen sollen weltweit seine Filme gesehen haben. Und das, obwohl in Deutschland amtliche Stellen ihn fast als Sittenverderber sahen und seinen Publikationen den Weg zum Bürger verbauen wollten. Die sexuelle Revolution konnte auch dadurch nicht aufgehalten werden.

"Die Schwierigkeiten saßen tief"

Jahrzehnte später sieht Kolle seinen Erfolg von damals eher abgeklärt. "Ich weiß, dass die Schwierigkeiten tief saßen. Man musste dicke Bretter bohren", fasst der Einzelkämpfer die heute kaum noch nachvollziehbare Unwissenheit von damals zusammen. Er traf "den Lebensnerv der Zeit", wie ein Beobachter später schrieb. Aber nicht alle Leser und Zuschauer seiner Beiträge waren davon erbaut. Kolle hatte Gegner in allen Lagern.

"Ich habe mir nie große Illusionen gemacht, ganz anders etwa als die oft zitierten 68er", schildert er heute in seiner Wohnung im vornehmen Amsterdamer Süden seine damalige Einstellung. "Gewiss, die Gesellschaft ist in Sachen Sex toleranter geworden. Sie weiß auch mehr über Sex", meint er. "Aber es gibt immer wieder Rückfälle."

"Alte Böcke"

Als Beispiel führt er "ignorante Frauen" an, die sich öffentlich etwa über das Potenzmittel Viagra ereiferten. Es seien vor allem Frauen, die keine Ahnung von Sex hätten und ihre eigene Sexualität nicht kennen, die sich hervortun, meint Kolle. Mit Attacken auf "die alten Böcke" predigten sie, dass sich ältere Männer eben damit abfinden sollten, wenn nicht mehr alles so ablaufe wie in jungen Jahren. Kolle stellt ihnen seine Devise entgegen "Erfüllte Sexualität, ein Leben lang". In Beiträgen für medizinische und unterhaltende Zeitschriften sowie in Vorträgen bringt der aus Kiel stammende Sohn eines Psychiatrie-Professors seine Botschaft noch immer unermüdlich unters Volk.

Edgar Denter DPA

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