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Medienkolumne - Die Kinder des Harald Schmidt: Katrin Bauerfeind - die fürs intellektuelle Fernsehen

Geht es um das Erbe der Generation "Harald Schmidt", darf ihr Name nicht fehlen: Katrin Bauerfeind sagt man nach, intellektuelles Fernsehen zu machen. Doch wird sie diesem Ruf wirklich gerecht?

Von Bernd Gäbler

Moderatorin Katrin Bauerfeind

Moderatorin Katrin Bauerfeind

Als Katrin Bauerfeind am 28. März 2007 zum ersten Mal Gast bei Harald Schmidt war, wettete dieser, "innerhalb von einem Jahr" werde ihre Karriere im Fernsehen "steil nach oben" gehen. Sie moderierte das klug-witzige Internet-Fernsehen "Ehrensenf". In einem Casting hatte sie sich durchgesetzt. Dort agierte sie in einem Stil zwischen frecher Göre und vorwitziger Studentin. Mit seiner Prognose aber behielt Harald Schmidt Recht. Im September 2009 holte er sie sogar als einen von mehreren jungen "sidekicks" in sein Team.

Bis heute hat Katrin Bauerfeind vieles ausprobiert, durch mehrere eigene TV-Formate geführt, in vier Spielfilmen mitgewirkt, sich sogar einmal als Sängerin versucht ("Baby, it's cool outside") und allerlei "Events" moderiert: von Journalistenpreisen, über "Jugend forscht" bis zum "taz Pantherpreis", ebenso den "Prix Veuve Cliquot - Women of Inspiration" und "Top 100 - Außendienstmitarbeiter Schwäbisch Hall".

Angesiedelt ist sie im Großen und Ganzen in dem Bereich, den man das kulturell-intellektuelle Milieu des Fernsehens nennen könnte. Schon früh hat sie für das ZDF die Berlinale-Gala moderiert, ist bei den Umbauten der 3Sat-"Kulturzeit" eingesprungen und bei "Polylux" für Tita von Hardenberg. Sie hat zur Fußball-EM 2008 die Gastgeberländer Österreich und die Schweiz erforscht, einmal neben Giovanni di Lorenzo die Co-Moderation bei "3nach9" übernommen und ist aktuell auf Lesetour für ihr Buch, das auf recht unterhaltende Weise vom Scheitern handelt. Allerdings wirkt es ein wenig zu kalkuliert, um als Zeugnis eines tiefen Ringens um Wahrhaftigkeit in die Literaturgeschichte eingehen zu können.

Sie wirkt wie nicht richtig angekommen

Im Fernsehen heißt es gerade "Bauerfeind assistiert" (ZDF Kultur). Sie trifft auf unterschiedliche Chefs, kocht mit Tim Mälzer und Sarah Wiener oder hilft Modemacher Michael Michalsky beim "look-book"-shooting für Sneaker. Demnächst sehen wir sie in dieser Reihe an der Seite des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Katrin Bauerfeind kann also viel, aber wirkt doch immer noch ein wenig wie nicht richtig angekommen. Pelzig kündigte sie als das "sympathischstes Gesicht des deutschen Fernsehens" an, andere setzen noch offenkundiger auf ihre Attraktivität. Vielleicht ist sie tatsächlich ein wenig zu schnell und zu steil aufgestiegen von der Göre zur Diva. Ohne sie zu kennen, kommt es einem aus normaler Zuschauerperspektive doch gelegentlich so vor, als verführe die Kamera sie zu stark zur Koketterie. Sie lässt dann die langen Locken ins Gesicht fallen, stellt ihr etwas verrauchtes Lachen aus, ist in Interviews immer wieder nachdenklich nickend in Zwischenschnitten zu sehen.

Ist alles nur ein Missverständnis?

Man fragt sich, ob das mit der Intellektualität nicht ein Missverständnis ist. Denn sie kann Interviews führen, eine Sendung oder ein Ereignis moderieren - aber dass sie einmal einen echten, weiterführenden Diskurs in die Wege geleitet hätte, ist nicht erinnerlich. Als sie im März 2012 Gast bei Pelzig war, bedankt der sich am Ende für ein "schönes, substanzfreies Gespräch". Geschrieben klingt das böser als es in der Sendung war. Aber es war etwas dran. Katrin Bauerfeind ist im Fernsehen natürlich eine positive, freundliche Erscheinung, aber eine neuartige Form des Erzählens oder Befragens, etwas Umstürzlerisches gar, ist ihr nicht eigen.

Definitiv auch keine ihrer starken Seiten ist das Witzeerzählen. Ihre Zeit bei Harald Schmidt hat das hinlänglich bewiesen. Eine kurze Lena-Parodie mit schlängelnden Tanzbewegungen war da noch das Beste.

Also Interviews. Davon hat sie mittlerweile viele geführt, auch viele mit tollen Persönlichkeiten. Sie hat Wolfgang Schäuble befragt und Christof Schlingensief hauptsächlich reden lassen, Roger Willemsen einen Schlafanzug gekauft und mit Benjamin von Stuckrad-Barre sehr viel geraucht. Beide fanden sich ziemlich toll. Mal hieß ein Format "Bauerfeind", ein anderes "28:30". Das verhieß besondere Authentizität, weil hier ein Gespräch über die Zeit von 28 Minuten und 30 Sekunden ungeschnitten präsentiert wurde. Was für ein naturalistisches Missverständnis! Das Authentische entsteht nicht durch abfilmen, es muss organisiert werden. Besondere Augenblicke entstehen, wenn man darauf vorbereitet ist. Dazu muss das, was ist, in Frage gestellt werden.

Ihre Haupttechnik ist die Einfühlung

Ganz typisch für das Können und die Schwächen von Katrin Bauerfeind scheint mir ihr Mitwirken in der Dokumentation. "Oswalt Kolle - Sex für Deutschland" (2008) zu sein. Es war eine Hommage an den mittlerweile sehr alt gewordenen Sexual-Aufklärer. Katrin Bauerfeind hatte zwei Tage Zeit, ihn in häuslicher Umgebung zu befragen. Arm in Arm schlendert sie mit ihm durch den Garten, schaut ihn eindringlich an, wenn sie fragt, wie es denn für dessen Frau war, eine offene Beziehung zu führen. Und sie lässt sich viel erklären, wie es damals so war in den schlimmen, verklemmten Zeiten. Und glaubt alles.

Fast könnte man meinen, vor Kolle hätten die Menschen keinen Sex gehabt. Katrin Bauerfeind muss den verdienten alten Mann ja nicht konfrontativ angehen, aber einmal nachfragen, ob denn damals "Quick" und "Bild" wirklich an Emanzipation interessiert waren oder vielleicht doch nur an Sex, wäre nicht zu viel verlangt. Einmal bekommt Oswalt Kolle feuchte Augen. Denn Katrin Bauerfeind fragt ihn, ob er beim Tod seiner Frau dabei war. Er erzählt ausführlich. Sie hat ihn geöffnet. Das kann sie. Obwohl es wegen ihres zuweilen etwas rauen Charmes anders wirkt, ist ihre Haupttechnik die Einfühlung.

Zu erwarten ist also, dass sie auf diesem Gebiet weitermacht - mit eigener Sendung oder perspektivisch auch mal als Gastgeberin eines Talk-Formats, etwa in der Nachfolge von Sandra Maischberger. Etwas Understatement müsste sie dazu aber noch einüben. Ein ganz großer Sprung nach vorn als Sängerin, Schauspielerin, Buchautorin oder gar Comedian würde überraschen.

Der Ratschlag: Wie wäre es, wenn sie einmal versuchen würde, nicht nur Prominente zu befragen, sondern sich aufrichtig interessiert "Normalos" zu nähern? Wo sie sich in jeden Fall verbessern müsste - das sind die "hard facts", die Einfühlung ergänzen durch bohrendes, aber nicht naives, sondern bereits kenntnisreiches Nachfragen. Sie betont ihre journalistische Ausbildung, macht aber davon zu selten Gebrauch.

Die Prognose:

Über kurz oder lang wird sie eine Sendung in der Hauptsendezeit von ARD oder ZDF bekommen. Eine inhaltliche oder ästhetische Revolution aber ist nicht zu erwarten.