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Andreas Gursky: Reporter des Weltgeistes

Andreas Gursky, 52, ist der Superstar der globalen Fotokunst. Seine großformatigen Aufnahmen sind die teuersten weltweit - und so begehrt, dass Sammler und Museen sie ihm aus den Händen reißen. Das Haus der Kunst in München widmet ihm nun eine grandiose Schau.

Von Frank Nicolaus

Schön: ein kostbarer Perlenvorhang, durch den ein warmes, grünes Licht schimmert. Doch dann, näher am Bild, offenbart der zweite Blick: Am Saum des vermeintlichen Vorhangs treiben zwei Gummiboote auf tiefschwarzem Wasser, in jedem Kahn steht eine Figur, klein wie ein Komma. Monumentales Labor der Forschung, vereinsamtes, altmodisches Modell Mensch: Das Foto "Kamiokande" (2007) von Andreas Gursky zeigt ein Neutrino-Observatorium in der japanischen Stadt Kamioka. In der mit Wasser angefüllten Mine eines ehemaligen Bergwerks versuchen Tausende "Photo-Augen", die Bewegung dieser geisterhaften Elementarteilchen nachzuweisen.

Bunt: Die schier endlos aufgereihten Regale sind mit Süßigkeiten gefüllt, Höchstpreis 99 Cent. Erst auf den zweiten Blick sind Kunden zu erkennen, die einsam wie Schiffbrüchige durch das Warenmeer des Discounters treiben.

Schriller Kampf der Produkte und Marken, anonymer Konsument: Das Bild "99 Cent" (1999) machte den Düsseldorfer Andreas Gursky, 52, zum teuersten Fotografen der Gegenwart: Im Mai 2006 wurde es bei Sotheby's in New York für den Rekordpreis von 2,25 Millionen US-Dollar (umgerechnet rund 1,7 Millionen Euro) versteigert.

"Gursky macht Gänsehaut"

Ob im New Yorker Museum of Modern Art, im Pariser Centre Georges Pompidou oder in der Londoner Tate Modern: Wo immer die bis zu mehr als sieben Quadratmeter großen Arbeiten des Andreas Gursky zu sehen sind, herrscht Raunen und Staunen im Saal. Thomas Weski, 53, der als Chefkurator für das Münchner Haus der Kunst gerade eine opulente Gursky-Retrospektive einrichtet, weiß es aus eigener Erfahrung: "Gursky macht Gänsehaut."

Es ist vor allem eine überraschende, neue Seh-Erfahrung, die so nachhaltig beeindruckt. Der Meister des zweiten Blicks steuert die Wahrnehmung seiner Bilder durch eine ausgefeilte Choreografie der Dinge und Figuren: "Meine Bilder sind immer von zwei Seiten komponiert. Sie sind aus extremer Nahsicht bis ins kleinste Detail lesbar. Aus der Distanz werden sie zu Megazeichen."

Nicht der Realität verpflichtet, sondern der Botschaft

Zu Beginn des neuen Jahrtausends reiste Andreas Gursky nach Sao Paulo und fotografierte einen Superlativ aus Stahl, Glas und Beton: den gigantischen, 140 Meter hohen Wohnhauskomplex "Copan". Auf seinem gleichnamigen Foto wird die Anlage zum allgemeingültigen Symbol moderner Metropolen. Erst beim näheren Hinschauen entdeckt der Betrachter, dass es ein Leben gibt hinter der gerasterten Fassade: Deutlich sind einzelne Bewohner hinter wehenden Vorhängen zu erkennen.

In vielen Bildern des Fotografen steckt der Mensch nur noch als Detail - als anonymes Massenteilchen oder als einsamer Statist in den Kulissen der Globalisierung. Andreas Gursky erzählt keine Geschichten, sondern zeigt Masterbilder, unter künstlerischen Gesichtspunkten aus vielen Einzelmotiven zusammengebaut: "Es geht mir um die idealtypische Annäherung an alltägliche Phänomene - darum, die Essenz von Realität herzustellen. Eigentlich bin ich immer auf das ultimative Bild aus." Der große Gursky-Plan: "Ich arbeite an einer Enzyklopädie des Lebens."

Fotograf vom anderen Stern

Ein ehrgeiziges Ziel, für das er regelmäßig Kopf und Kragen riskiert: Der passionierte Marathonläufer, Ferrari-Fahrer und ehemalige Düsseldorfer Tennis-Jugendmeister arbeitet oft in schwindelerregender Höhe. Mal lässt er sich samt Plattenkamera und Stativ von einem Kran in den Himmel heben, mal schwebt er im Helikopter über seinem Motiv. "Ich gehe auf Distanz, um den Überblick zu behalten." Das erzeugt Befremdung - nicht nur beim Betrachter: "Manchmal habe ich das Gefühl, mit dem Blick eines außerplanetarischen Wesens durch den Sucher zu schauen."

Gursky stammt aus einer Familie von Werbefotografen

Der Fotograf als Besucher von einem anderen Stern. Andreas Gurskys irdischer Lebenslauf beginnt 1955 in Leipzig: Sein Vater ist, wie schon sein Großvater, Werbefotograf von Beruf. Einige Monate nach seiner Geburt zieht die Familie ins Ruhrgebiet. 1978 beginnt Gursky III ein Fotografiestudium an der renommierten Folkwangschule in Essen. Drei Jahre später wechselt er an die Staatliche Kunstakademie nach Düsseldorf. Hier wird er Meisterschüler von Bernd und Hilla Becher. Das einflussreiche Künstlerehepaar, das mit seinen formal strengen, dokumentarischen Bildern von Zechenanlagen und Fachwerkhäusern die Fotokunst revolutioniert hat, bereitet etlichen Studenten den Weg zu einer internationalen Karriere, unter ihnen Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff, Jörg Sasse und Thomas Struth.

Andreas Gursky startet mit Plattenkamera-Porträts von Pförtnerpaaren. Ende der 1980er Jahre zeigt er großformatige Architektur- und Landschaftsbilder auf ersten Ausstellungen. Foto für Foto erobert er sich einen eigenen Themenkreis: die Vereinsamung des Menschen in der Menge; der Fetischcharakter der modernen Konsumgesellschaft, unter anderem am Beispiel von endlosen Schuhregalen der Luxusmarke Prada und breit angelegten Börsenpanoramen; die monströse Monumentalität von Masseninszenierungen wie Boxkämpfen, Popkonzerten oder politischen Aufmärschen.

Museen und Sammler konkurrieren um seine raren Werke

Seit 1992 bedient sich Andreas Gursky der "avancierten Technik": Er digitalisiert seine analog aufgenommen Fotos und bearbeitet sie am Computer. "Am Anfang waren es nur kleinere Eingriffe, die aus kompositorischen Gründen vorgenommen wurden. Mittlerweile gibt es komplette Bilderfindungen, die sich aus vielen einzelnen Details zu einem komplexen Bildganzen zusammenfügen." Da Andreas Gursky höchstens zehn Bilder in je sechsfacher Ausfertigung pro Jahr produziert, konkurrieren Museen und Sammler um jedes neues Werk des "Enzyklopädisten". Nur ein kleiner Kreis von Auserwählten kann auf ein Bild des berühmten Fotokünstlers hoffen. Zu den wenigen Privilegierten gehören Pop-Ikone Madonna und der Modedesigner Tom Ford.

So viel Erfolg und Beifall. Eigentlich müsste Andreas Gursky ein glücklicher Mann sein. Seine Bilder lassen davon nichts erahnen - sie zeigen den Menschen als einsame, in den Ornamenten der Masse aufgehende Kreatur. Auf seinem Panorama-Tableau "Loveparade" (2001) sind Hunderte tanzender Jugendliche abgebildet. Obwohl "Liebe" auf dem Programm steht, vermeiden die meisten Paradeteilnehmer intimen Körperkontakt. Angeblich gibt es in der Masse nur ein einziges Paar, das sich küsst.

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