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Ausstellung Guggenheim Bilbao: Fotograf Thomas Struth: "In Disneyland lassen sich Fantasien des Menschen sichtbar machen"

Thomas Struth gilt weltweit als einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Fotografie. Eine Werkschau mit 130 seiner Arbeiten ist ab sofort in Bilbao zu sehen. Die Auseinandersetzung mit seinen Bildern ist so interessant wie lehrreich.

Crosby Street

"Crosby Street" – Während seines Stipendiums in New York entdeckte Thomas Struth die perfekte Verbindung von konzeptioneller Ordnung und realem Chaos. In seiner Reihe "Streets of New York" entstand 1978 auch die Aufnahme der menschenleeren und mit Straßendreck belegten Crosby Street in Soho. Der zentrale und dadurch objektive Standpunkt, die Abwesenheit von Menschen sowie die Schwarzweißfotografie erinnern an städtische Architekturmotive des französischen Dokumentarfotografen Eugène Atget (1857–1927).

Als Schüler hat Thomas Struth, Jahrgang 1954, seine Liebe zur Kunst entdeckt. Impressionisten, die Neue Sachlichkeit, Cezanne, Picasso bildeten für ihn den ersten Zugang. In Geldern, Nordrhein-Westfalen, geboren, führte ihn sein Weg an die Kunstakademie der Landeshauptstadt nach Düsseldorf, wo er unter anderem von Gerhard Richter unterrichtet wurde. Nach zwei Jahren hatte er den Eindruck, dass in der Malerei "die meisten Dinge gesagt waren" und wandte sich der Fotografie zu. Er sah dort für sich "mehr und vor allem zeitgemäßere Möglichkeiten", wie er in einem Interview sagt.

Als Schüler in der Fotoklasse von Bernd und Hilla Becher, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Düsseldorfer Photoschule begründet hatten, wurde Thomas Struth Teil einer Gruppe, die die "Struffskys" genannt wurde: Thomas Struth, Thomas Ruff und Andreas Gursky. Die Becher-Schüler lernten, in "Typologien" zu denken – und in einer Mischung aus Leidenschaft und Ordnung. Ihre Lehrer hatten sich der historischen Industriearchitektur verschrieben, große Tiefenschärfe und eine zentrale Perspektive, frontal oder von oben aufgenommen, zeichnet ihre Bilder aus. Die Liebe zur Architektur und zu zentralen Perspektiven prägen auch viele Aufnahmen Struths, vor allem in seinen Anfangszeiten.

1978 erhielt Thomas Struth von der Kunstakademie Düsseldorf ein Stipendium für New York City, das er mit seiner ersten Einzelausstellung im P.S.1 in Queens, das seit dem Jahr 2000 MoMA PS1 heißt, abschloss.

Der Fotograf Thomas Struth

Der Fotograf Thomas Struth in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf vor Bildern aus seiner Serie "Paradise", die 2011 in einer Retrospektive gezeigt wurden

DPA

Der Durchbruch

Mit seinem Zyklus "Museum Photographs", den er in den Jahren zwischen 1989 und 1992 aufgenommen hat, gelang Thomas Struth der internationale Durchbruch. Ursprünglich handelte es sich um 17 Großformate in Farbe, bis die Reihe 2007 ihren selbstreflektiven Zenit erreichte: Struth hatte Museumsbesucher im Museo del Prado in Madrid fotografiert und wurde mit der Ausstellung eben dieser Motive der erste noch lebende Künstler, der je im Prado hing.

Mittlerweile werden Struths großformatige Arbeiten von Museumsbesuchern auf dem Kunstmarkt mit Spitzenpreisen von bis zu 300.000 Euro gehandelt.

Im Guggenheim Museum Bilbao gibt die Werkschau aus 130 Bildern einen Überblick über verschiedene Schaffensphasen des Künstlers, von den frühen bis zu den jüngsten Serien Struths. Von "Unbewusste Orte", "Orte der Anbetung", "Natur und Politik", Portraits, Museumsfotos bis hin zu Waldbildern aus der Reihe "New Pictures from Paradise" und einer Landschafts- und Blumenmonografie für die Patienten des Krankenhauses in Winterthur. Wer diese Ausstellung im Münchener Haus der Kunst verpasst hat: Die Anreise lohnt sich.