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Ein Bild und seine Geschichte: Begegnung im Nebel

Sein Gespür für den entscheidenden Augenblick sollte ihn zur Legende machen. Henri Cartier-Bresson ist einer der Wegbereiter des modernen Fotojournalismus und versteht sich vor allem auf eins: Schnappschüsse auf allerhöchstem Niveau - auch im Nebel von Marseille.

Von Philipp Gülland

Unter seinen Füßen glänzt nasser Asphalt, kahle Bäume säumen den Weg, der noch vor ihm liegt und verschwinden am Horizont im Nebel. Mit Melone, Mantel und Schirm steht der Mann um die 50 unter Marseilles trüb-fahlem Himmel, eine Zigarre im Mundwinkel, und schaut zurück - ganz so, als wolle er sich vergewissern, wo er herkommt. Einsam wirkt er, etwas verloren, melancholisch vielleicht, zugleich aber auch stolz. "Ich ging hinter diesem Mann, als er sich ganz plötzlich umdrehte", erklärt Cartier-Bresson später in der Bildunterschrift der Aufnahme von 1932. Als hätte er auf diesen Moment gewartet, drückt er den Auslöser und fixiert den Moment auf Film: Gerader Horizont, perfekte Symmetrie, saubere Fluchten - ein absolut perfekter Schnappschuss.

Von Rebellion und Bohème

1908 bei Paris als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten geboren, avanciert er bald zum schwarzen Schaf der Familie; trotzig fällt er mehrfach durchs "Baccalaureat" - das französische Abitur - und interessiert sich aus Prinzip und Auflehnung nur für Literatur und Kunst. Der Spätkubist André Lhote lehrt den jungen Henri das Einmaleins der Komposition, es wird später die Grundlage seiner genial-präzisen Schnitte durch den Lauf der Zeit. Zunächst versucht Cartier-Bresson sein Glück als Maler, verschreibt sich dem Surrealismus und genießt das freie Leben der Bohème. Ihn fasziniert der Gedanke des "objet trouvé", zufällig gefundener Schönheit, die der Künstler - gleich einem Chronisten - nur noch portraitiert. Cartier-Bresson streift von seinem wohlhabenden Vater finanziert, durch die Welt und fotografiert in Spanien, Kamerun, Italien und Mexiko. Der rastlose Bohèmien sucht seine Berufung.

Auf der Suche nach dem eigenen Stil

Die Fotogrößen Martin Munkacsi und André Kertész wecken schließlich sein Interesse für die Arbeit mit der Kamera. Gerade Kertész, der mit dem Auge des Kubisten dem nachstellt, was andere übersehen, lehrt den jungen Bresson das Entdecken. 1932, kurz bevor das Bild entsteht, kauft der Franzose seine erste Leica und findet damit seinen Stil: "Fotografieren heißt, Kopf, Auge und Herz auf eine Linie zu bringen. Es ist eine Art zu leben." Wird er später darüber sagen. Klein, leicht, leise und schnell, erlaubt ihm die Kamera jene virtuosen Schnappschüsse, die ihn später berühmt machen. Der unstete Rebell hat seine Berufung - oder sie ihn - gefunden. Er wird Fotograf, und zwar ein legendärer.

"Kreativität dauert nur einen Augenblick"

Schon dieses frühe Bild - noch ist Cartier-Bresson ein talentierter Niemand - zeigt deutlich das, was die spätere Legende ausmacht: den präzise erkannten und blitzschnell fixierten Augenblick. Vermutlich kurz nach dem Kauf der neuen, kleinen, schnellen Kamera entstanden, ist es eines seiner bekanntesten Bilder. Bresson selbst erklärt später einmal: "Kreativität dauert nur einen kurzen Augenblick. Einen blitzartigen Moment des Gebens und Nehmens, der gerade reicht um die schwebende Beute in deiner kleinen Kiste einzufangen." Das ist es, was Cartier-Bresson im Schlaf beherrscht: Schnappschussfotografie auf allerhöchstem Niveau.

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