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Ein Bild und seine Geschichte: Blick zurück auf den Kampf

90 Jahre alt ist Nelson Mandela, und hinter dem Nobelpreisträger liegt ein Leben des Kampfes. Fünf Jahrzehnte Freiheitskampf, fast dreißig Jahre politische Haft. Chronist dieses Lebens ist der deutsche Fotograf Jürgen Schadeberg. Als Mandela 1994 seine ehemalige Zelle besucht, schießt der sein bekanntestes Bild.

Von Philipp Gülland

Das Licht ist so weich, wie die Gitterstäbe hart sind. Nelson Mandela, 75, stützt den Arm auf die Betonschräge vor dem vergitterten Fenster. Der Vorsitzende des African National Congress trägt ein schlichtes Hemd, bald wird er der erste schwarze Präsident der Republik Südafrika sein. Das kurze, krause Haar ist lange schon grau. Es ist, als blicke Mandela zurück auf die Zeit, die zu diesem Augenblick geführt hat.

Ein Blick aus wachen, ernsten Augen sucht den Weg durch Stahl und Beton, verliert sich in der Ferne - weit jenseits der Mauern von Robben Island. Hier, auf der Insel im Atlantik vor Kapstadts Küste, hat Mandela als Häftling fast drei Jahrzehnte verbracht. Heute, am 1. Januar 1994, hat der Anwalt und Freiheitskämpfer aus der südafrikanischen Provinz Transkei viele seiner Ziele erreicht. Seine jahrzehntelang als Terrororganisation verfolgte Partei ANC ist im Begriff, die Regierung der rechtsgerichteten National Party abzulösen, einen Schlussstrich unter die Ära Apartheid zu ziehen. Rassentrennung, Diskriminierung und Schikanen zu beenden.

Als Chronist verdächtig

Neben dem befreiten ANC-Führer, an eine der weiß getünchten Betonwände gelehnt, steht Jürgen Schadeberg. Der deutsche Fotograf kam 1951 ans Kap der guten Hoffnung. Gerade 19 Jahre alt habe er nach seinem Volontariat bei der Nachrichtenagentur Dpa einfach nur raus gewollt aus Deutschland, erinnert sich der Berliner später. Was ihn in Südafrika erwarten würde, habe er nicht gewusst. "In Kapstadt angekommen, kam ich erst mal vom Regen in die Traufe."

Schadeberg wird in den 50ern Fotoreporter für das Magazin "Drum", damals dem einzigen ernstzunehmenden Medium von Schwarzen für Schwarze. Der junge Deutsche wird Zeuge und Chronist der Ereignisse in Südafrika: Rassenhass, Segregation, die ausufernde Entrechtung der Schwarzen. Zwischen Angst, Hass und Ressentiments wird der Staat am südlichen Zipfel des schwarzen Kontinents zum politischen Pulverfass.

Schadebergs Engagement für die Interessen der unterdrückten schwarzen Bevölkerungsmehrheit macht ihn in den Augen der weißen Minderheit verdächtig. Die Regierung lässt ihn bespitzeln und schikanieren. "Die meisten meiner sogenannten weißen Freunde haben mir schnell den Rücken gekehrt, als ich anfing, mit schwarzen Kollegen zusammenzuarbeiten", berichtet er im Rückblick. 1963 verlässt Schadeberg Südafrika, das Land ist zu gefährlich geworden.

"Terrorist" und Nobelpreisträger

Seit rund zehn Jahren ist Schadeberg zurück, als er 1994 mit Nelson Mandela Robben Island besucht. Gut vier Jahre zuvor wurde der ANC-Präsident aus der Haft entlassen. Jahrelanger Widerstand und internationaler Druck lösen das System Apartheid auf - auch weil sich Staatspräsident De Klerk, Mitglied der rechten National Party, verhandlungsbereit zeigt. Mandela und er werden 1993 für ihre Zusammenarbeit mit dem Friedensnobelpreis geehrt. So blickt Nelson Mandela - einst "Terrorist", jetzt Nobelpreisträger - an diesem 1. Januar 1994 durch die Gitterstäbe zurück auf Protest, Kampf und Gefangenschaft. Schadeberg bannt den symbolträchtigen Augenblick mit seiner Leica auf Schwarzweißfilm. Und das Porträt eines Mannes, der weiß, wofür es sich zu kämpfen lohnt, geht um die Welt.