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Ein Bild und seine Geschichte: Der rauchende Marine als Antikriegs-Ikone

Falludschah. Fotograf Luis Sinco wird im November 2004 Zeuge der erbitterten Kämpfe um die einst friedliche Trutzburg sunnitischen Widerstands im von den USA besetzten Irak. In einer Kampfpause porträtiert er Lance Corporal Blake Miller - und der rauchende Marine wird zur Ikone eines umstrittenen Feldzugs.

Von Philipp Gülland

Eingerahmt vom Kevlarhelm blicken zwei Augen in die Ferne. Müde schauen sie aus einem mit Blut und Tarnschminke verkrusteten Gesicht. Im Mundwinkel von Marine Lance Corporal James Blake Miller klemmt eine Zigarette und schickt dünne Rauchfähnchen in die kühle Morgenluft von Falludschah im sunnitischen Dreieck, gut 50 Kilometer nordwestlich von Bagdad.

Die Stadt galt als stabil. Nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak war sie zunächst eine der sichersten und friedlichsten des Wüstenstaates zwischen Euphrat und Tigris. Jetzt, im November 2004, ist sie Schauplatz einer erbitterten Schlacht. Bombardement, Artilleriebeschuss und Straßenkämpfe - Haus für Haus wird Falludschah erobert.

1300 Tote auf beiden Seiten sind der Preis für die Klärung einer Frage des Prinzips in einem Konflikt, dessen Sinn viele bezweifeln. Für jene, die Teil dieses mörderischen Chaos' sind, wird nichts mehr sein wie zuvor - auch James Miller wird wird Falludschah nicht mehr los.

Der Ähnlichkeit wegen

Luis Sinco, Fotograf der US-Zeitung "Los Angeles Times", begleitet Millers Einheit in die Schlacht von Falludschah. Als "embedded journalist", wie es im Miltärjargon heißt, wird er den Marines zugeteilt. Schon beim Einrücken in die Stadt seien sie unter schweren Beschuss geraten, erinnert sich der Fotojournalist später. Die Nacht verbringen die Männer auf einer Verkehrsinsel, deren niedrige Betoneinfassung kaum Deckung bietet. Kalter Regen wäscht das Blut von den Straßen, als der Morgen graut und die Gefechte nachlassen.

Die Einheit sucht eine neue Position und wird bald wieder beschossen. Mit Panzerunterstützung wird ein Haus eingenommen, das vorerst etwas Schutz bietet. Sinco öffnet in der Küche seinen Laptop, um Bilder an die Redaktion zu schicken, als ein lautes Grollen das Haus erschüttert. Panzergranaten haben ein Gebäude in der Nähe getroffen. Miller, der Funker des Zuges, hatte Panzer angefordert, das Ziel angewiesen und dann "Feuer!" in sein Mikrofon gerufen.

Während Sinco um Fassung ringt, lehnt Miller an der Wand und zündet sich eine Zigarette an. "Ich habe meine Kamera hochgenommen und ein paar Bilder gemacht", blickt der Fotograf zurück. "Sein Anblick fesselte mich. Er sah erschrocken und erschöpft aus, froh, überhaupt noch am Leben zu sein. Ich nahm ihn deshalb wahr, weil ich mich ähnlich fühlte." Es ist ein kurzer, stummer, intimer Augenblick, in dem eine Ikone entsteht. Eine Ikone, deren Kraft Luis Sinco zunächst gar nicht wahrnimmt. Es ist das letzte von elf Bildern, die er an jenem Tag an seine Redaktion schickt.

Albträume einer Heldenfigur

James Blake Miller kehrt als Held zurück, doch ist James Blake Miller ein gebrochener Mann. Falludschah, der Krieg, das Töten lassen ihn nicht mehr los. Der junge Marine wird von Albträumen gejagt, sein Leben entgleitet ihm. Die Ehe mit seiner High-School-Liebe Jessica, die er kurz nach seiner Rückkehr nach Kentucky heiratet, zerbricht. Miller kämpft mit Depressionen, halluziniert, denkt an Selbstmord. Das Erlebte, seine Taten, zerfressen den Alltag. Der Krieger wird zum Flüchtling - zu einem, der mit seinen Erinnerungen zu kämpfen hat. Psychologen nennen das posttraumatische Belastungsstörung, viele Veteranen leiden daran.

"Ich hatte meinen Tod schon geplant", sagt Miller. "Ich konnte es nicht mehr aushalten, wollte einfach den Schmerz loswerden." Für James Miller ist alles ein Kampf, jeder Tag, jede Stunde. Zeuge dieser Kämpfe ist Luis Sinco. Über ein Jahr nach seiner Rückkehr in die USA trifft der Fotograf den Marine, der inzwischen wegen seines Traumas entlassen wurde, wieder. Sinco dokumentiert die Hochzeit, den Alltag, die Einsamkeit, Schmerz, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung, die Trennung des Paares. Auch ihn lässt die Geschichte nicht mehr los.

Schließlich verlässt er seine Beobachterposition und mischt sich ein. Er überredet Miller, sich behandeln zu lassen, doch der bricht die Therapie bald wieder ab. "Wie ich heute über den Krieg denke, lässt sich in einer Frage zusammenfassen", sagt Miller: "Was haben wir als Land erreicht, ausser den Verlust einiger verdammt guter Menschen?"

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