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Ein Bild und seine Geschichte: Der Traum auf dem "Pilgerzug"

Auf der Suche nach Arbeit, einem neuen Leben oder ihren Eltern pilgern die Kinder ins gelobte Land - die USA. 48.000, Jahr für Jahr. Enrique, 16, ist einer von ihnen. Seine Mutter hat er seit elf Jahren nicht mehr gesehen, jetzt fährt er zu ihr. Fotograf Don Bartletti erzählt seine Geschichte.

Von Philipp Gülland

Stahlroste und Luken ziehen sich als dünnes Band zum Horizont, links und rechts davon verschwimmt die Welt zwischen satt grüner Vegetation und dichtem Nebel im Nichts. Einzig ein Telegrafenmast hebt sich schemenhaft aus dem Dunst. Enrique ist allein - das ist er schon lange. Als er fünf Jahre alt war, suchte seine Mutter im Norden ein neues Leben und ließ ihn zurück. Das war vor elf Jahren. Jetzt fährt Enrique zu seiner Mutter. Von Honduras über Mexiko ins gelobte Land Amerika.

Es ist eine gefährliche Reise, eine Odyssee von 122 Tagen und 19.000 Kilometern. Sieben Mal wird der blinde Passagier erwischt und zurückgeschickt, sieben Mal springt er wieder auf den Zug. Jetzt sitzt er in seinem fleckigen grauen Pullover hoch oben auf einem Tankwaggon und schaut nach vorn. Bald wird er ungesehen den Rio Grande überqueren und seine Mutter in die Arme schließen. "Da bin ich" wird er sagen und ein neues Leben beginnen, in Amerika.

Zaungast mit Fotoapparat

Hinter Enrique, auf dem Dach des Tankwaggons, sitzt auch Don Bartletti. Für die "L.A. Times" erzählt der Fotojournalist die Geschichte des Jungen und seiner gefährlichen Reise. Ungewissheit, Erschöpfung, Gefahr, Hunger und Angst hält Bartletti in seinen Bildern fest. Mit zwei Kameras, genug Film und einem Blitzgerät ist er Zaungast dieser Reise der blinden Passagiere. Fünf Monate teilt er Ängste und Gefahren mit Enrique und den Anderen. Auf fahrende Züge springen, festhalten, abspringen, hoffen, bangen, wachsam sein - der Rhythmus einer aberwitzigen Reise.

"Ich will dabei sein und euch mit der Kamera beobachten", erklärt er ihnen. "Ich kann euch nicht helfen, aber ich werde euren Träumen nicht im Wege stehen." Bartletti muss Vertrauen schaffen und zugleich Distanz wahren. Er will Beobachter bleiben, für ihn eine Frage journalistischer Ethik.

"Jeden Tag, in den Straßen der Grenzstädte, auf den Zügen und in den Migranten-Camps an den Flüssen, war ich vorsichtig, um nicht ausgeraubt zu werden", berichtet Bartletti später im Interview. So oft er kann, schickt er belichtete Filme und Notizen an seine Redaktion. Kameras sind ersetzbar - die Bilder nicht.

Flucht vor der Grenzpolizei

Auch das Aufspringen auf die fahrenden Züge sei gefährlich gewesen: "Das Risiko wurde durch die nervenaufreibende Entscheidung, wie lange ich am Boden blieb und fotografierte, bevor der Zug zum Aufspringen zu schnell war, noch verstärkt." Ein Veteran unter den blinden Passagieren, der zwölfjährige Dennis, gibt ihm wertvolle Tipps zum sicheren Aufspringen. "Mit der Zeit wurde ich ganz geschickt darin, von Waggon zu Waggon zu springen, tief hängenden Ästen auszuweichen und mit einer Hand zu fotografieren, während ich mich mit der anderen an den Zug klammerte. Eine Kamera trug ich immer um den Hals, die andere über der Schulter." So beschreibt er die Arbeit auf den "Pilgerzügen", wie mexikanische Grenzpolizisten sie gerne nennen.

Am Ende des fünfmonatigen Projekts steht für Bartletti der begehrte Pulitzer Preis. Auch die Hilfsorganisation Unicef zeichnet ein Bild aus seiner Reportage als Foto des Jahres 2003 aus. Und Enriques Reise? Sie geht glücklich zu Ende. 19.000 Kilometer kreuz und quer durch Mittelamerika liegen hinter ihm, 122 Tage Kälte, Angst und Hunger, als er seine Mutter Lourdes in Beverly Hills in die Arme schließt und sagt: "Da bin ich."

Don Bartlettis Bilder erzählen seine Geschichte. Es ist die Geschichte eines von 48.000 Kindern, die diese Odyssee jedes Jahr versuchen. Enrique ist einer von denen, die es geschafft haben. Jetzt lebt er in North Carolina als Anstreicher und legt Geld zur Seite, er will zurück nach Honduras - eine Kaffeeplantage gründen.