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Ein Bild und seine Geschichte: Die Erben von Reaktor vier

Sie wollten Fortschritt, eine strahlende Zukunft - und ahnten nicht, wie schnell und zynisch sich dieser Traum erfüllen sollte. Anderthalb Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erforschte der Fotograf Paul Fusco das Leben der Opfer, deren Wunden genauso tief sind wie am ersten Tag.

Von Philipp Gülland

Sie schreit. Der Raum ist dunkel. Ihr Gesicht ist der hellste Punkt im Bild, die Nase ist deformiert. Das kleine Mädchen hat Angst, hat Schmerzen - hat Krebs. Die Augen sind geschlossen. Aus der Dunkelheit schieben sich die Umrisse der Mutter, tröstende Arme, ein ernstes Gesicht, müde Augen. Mutter und Tochter sind nur zwei von vielen, die eine Schuld begleichen, die andere ihnen aufgeladen haben. "Manche sagen, die Wissenschaftler seien schuld. Sie haben Gott am Bart gezogen, und jetzt lacht er. Aber wir sind diejenigen, die dafür zahlen", sagt eine Betroffene über die Folgen des Reaktorunfalls im April 1986.

Das "Tschernobyler Atomkraftwerk benannt nach W. I. Lenin", so die offizielle Bezeichnung des aus vier Reaktoren bestehenden Meilers, ist ein Vorzeigeobjekt des sowjetischen Atomprogramms. Mehrere Tausend Menschen arbeiten in der gigantischen Anlage, eigens für sie und ihre Familien stampft die Parteiführung den Ort Prypjat aus dem Boden - Wohlstand vom Reissbrett für 50.000 Menschen. Für die Kühlwasserversorgung der Reaktoren wurde ein See angelegt, die Bauarbeiten an zwei weiteren Blöcken sind in vollem Gange. Hier wird Fortschritt gemacht, man ist stolz.

Halbwertzeit von 24.000 Jahren

Teil dieses Fortschritts ist auch die Forschung, Experimente im laufenden Betrieb sollen Erkenntnisse für zukünftige Anlagen liefern. Im April 1986 findet wieder eines statt, es soll das letzte sein: Um 1:23 Uhr am Morgen des 26. April erschüttern zwei Explosionen Reaktorblock vier. Immense Mengen Strahlung werden freigesetzt, radioaktive Trümmer brennen. Der Traum von der strahlenden Zukunft hat sich aufs Zynischste erfüllt. Ganze Landstriche sind verseucht. Städte und Dörfer werden evakuiert. Strahlenwerte in ganz Europa erreichen kritische Höhen. Die radioaktive Wolke zerstört Leben, unsichtbar und für Generationen: Experten schätzen eine Halbwertzeit von etwa 24.000 Jahren.

"Es war nicht ihr Reaktor"

Tausende Tonnen radioaktives Material seien nach der Explosion in die Atmosphäre gelangt, erzählt Fotograf Paul Fusco. 70 Prozent des strahlenden Niederschlags seien über dem Nachbarland Weißrussland gefallen, so Fusco. "Es war nicht ihr Reaktor." Ende der Neunziger reist der Fotojournalist erstmals in die einstige Sowjetrepublik, auf den Spuren dessen, was die Vereinten Nationen als "größte Naturkatastrophe in der Geschichte der Menschheit" bezeichnen.

Aus den geplanten zwei Wochen wird ein Projekt von zwei Monaten Dauer. "Es hat mein Leben verändert", verrät Fusco später. "Die Auswirkungen waren immens, und so viele Menschen waren betroffen. Der Schaden war unglaublich." Schritt für Schritt erforscht der Amerikaner das traurige Vermächtnis der Katastrophe. In den Jahren unmittelbar nach der Kernschmelze fordert die Strahlung vor allem unter den Liquidatoren Opfer, jenen Männern, die den Unglücksreaktor versiegelten. 15.000 der rund 800.000 Helfer sterben im Laufe der Jahre an den Folgen der Strahlenbelastung.

Millionen Menschen werden zunächst nicht informiert, sind der Strahlung ausgesetzt, mit verheerenden Langzeitfolgen: um bis zu 2400 Prozent gesteigerte Krebsraten, genetische Defekte, strahlenbedingte Behinderungen. Bald nach dem Vorfall kommt die Verdrängung. Man denkt nicht gern an die Kernschmelze, die Folgen, die Schicksale - im Osten wie im Westen verblasst die Erinnerung. Tschernobyl ist ein unbequemes Thema. Mit dem Vorfall verdrängt man auch die Betroffenen, zwei Jahrzehnte lang. Paul Fusco gibt ihnen mit seinem Essay eine Stimme. In dem Bildband "Chernobyl Legacy" und einem gleichnamigen Multimediafeature auf der

Internetseite

seiner Agentur Magnum erzählt der Fotograf ihre Geschichte.

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