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Ukraine-Krieg Beschossen, Leitung gekappt, Reaktoren runtergefahren: Was passiert an Europas größtem Atomkraftwerk?

Gesamtansicht des Kernkraftwerks Saporischschja
Das Kernkraftwerk Saporischschja auf einem Foto des russischen Verteidigungsministeriums.
© Uncredited/Russian Defense Ministry Press Service/AP / DPA
Das AKW Saporischschja liegt im Kriegsgebiet, es wurde beschossen, nun fiel der Strom zeitweise aus und die letzte Leitung zum Energienetz wurde gekappt. Russland und Ukraine beschuldigen sich gegenseitig. Hoffnung macht nun die Atomaufsicht IAEA.  

Das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja heißt zwar wie die Regionalhauptstadt, liegt aber 120 Kilometer weit entfernt beim Örtchen Enerhodar am Ufer des Dnepr. Die Situation dort ist etwas unübersichtlich. Vereinfacht gesagt trennt der Fluss hier die beiden Kriegsparteien: auf der einen Seite haben sich die Russen positioniert, auf der anderen die Ukrainer, die ihr Land verteidigen. Immer wieder fliegen Granaten über den Dnepr. Laut den Bewohnern von Nikopol, direkt gegenüber von Enerhodar, hätten die Russen ihre Raketenwerfer auch zwischen Wohnhäusern aufgestellt und feuerten jede Nacht Richtung Norden.

Das erste Akw im Kriegsgebiet

Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass um ein Kernkraftwerk herum ein Krieg tobt. Zwar hatten russische Soldaten zu Beginn der Ukraine-Invasion die Atom-Ruine in Tschernobyl besetzt, Kampfhandlungen aber hatte es damals keine gegeben. Anders jetzt. Seit Kriegsbeginn wurde das Akw mehrfach beschossen und auch getroffen. Im März zum Bespiel schlug eine Granate im Reaktor 1 ein, dessen Außenhülle aber hielt. Zuletzt wurde ein Umspannwerk getroffen sowie mehrere Transformatoren. Unklar ist, wer genau für die Angriffe verantwortlich ist, die Ukraine und Russland schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Ein russischer Soldat bewacht einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja

Am Donnerstag hatte sich die Situation zugespitzt, als der Strom auf dem Akw-Gelände sowie den umliegenden Regionen ausgefallen war. Nach Darstellung der ukrainischen Regierung wurde das Kraftwerk aufgrund von russischem Beschuss zwischenzeitlich komplett vom regulären ukrainischen Stromnetz abgeklemmt und nur noch über eine Not-Leitung mit Elektrizität versorgt. Die beiden bis zuletzt betriebenen Reaktorblöcke seien notabgeschaltet worden. Mittlerweile sei das Kraftwerk zwar wieder ans ukrainische Stromnetz angeschlossen. Die beiden Blöcke seien aber weiter außer Betrieb.

Ohne Strom droht Kernschmelze

Die Versorgung mit Elektrizität ist für den Betrieb von Atomkraftwerken essenziell wichtig. Denn nur so kann der Kühlkreislauf in Gang gehalten, und die Anlage überhaupt gesteuert werden. Im Normalbetrieb versorgen sich die Kraftwerke selbst mit Strom, fällt die Versorgung aus, springt üblicherweise die Notstromversorgung rein. In Fukushima kam es zur Kernschmelze, nach dem ein Tsunami sowohl die Reaktoren als auch die Notstromversorgung zerstört hatte. Solche Unfallszenarien gelten in Sicherheitskreisen als wahrscheinlicher als Unglücke, die durch direkten Beschuss ausgelöst werden.

Aus dem Moskauer Verteidigungsministerium hieß es, Europas größtes Kernkraftwerk sei erneut mehrfach von ukrainischer Seite mit großkalibriger Artillerie beschossen worden. Die Ukraine wies den Vorwurf prompt zurück: "Niemand, der wenigstens halbwegs bei Sinnen ist, kann sich vorstellen, dass die Ukraine ein Kernkraftwerk angreifen würde, bei dem ein enormes Risiko einer nuklearen Katastrophe besteht und das auf ihrem eigenen Territorium liegt."

Die russische Besatzungsverwaltung berichtete ebenfalls von der zwischenzeitlichen Abschaltung beider Reaktoren – erklärte aber, dass einer bereits wieder hochgefahren worden sei. Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

Alles Leitungen des Kraftwerks gekappt

Nach Angaben des ukrainischen Betreibers Enerhoatom war Saporischschja wegen des Stromausfalls erstmals in seiner Geschichte vom Netz der Ukraine abgeschnitten. Durch Brände in Aschegruben in dem angrenzenden Wärmekraftwerk sei die letzte noch verbliebene Anschlussleitung zwischen dem Kraftwerk und dem ukrainischen Stromnetz unterbrochen worden. Drei weitere Leitungen seien bereits zuvor "durch terroristische Angriffe" der russischen Seite beschädigt worden. 

Es gibt auch Befürchtungen, dass Russland die Stromproduktion des Akw in sein Netz einspeisen könnte. Dies wäre inakzeptabel, hieß es aus den USA. "Um es ganz klar zu sagen: Das Atomkraftwerk und der Strom, den es produziert, gehören der Ukraine", sagte ein Vertreter des US-Außenministeriums.

Im Fall des Atomkraftwerk Saporischschja kommt hinzu, dass die Russen es als Art Schutzschuld benutzen. Verifizierte Bilder vom Gelände zeigen, dass das Militär dort Laster und andere Militärtechnik wie Granat- und Raketenwerfer stationiert hat. Das deckt sich mit Zeugenaussagen. Zudem soll das Kühlwasserbecken vermint worden sein. "Jede Minute, die das russische Militär im Kernkraftwerk bleibt, bedeutet das Risiko einer globalen Strahlenkatastrophe", sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Der Militärexperte Thomas Wiegold sagte, ein derartig als militärische Festung ausgebautes Kernkraftwerk sei praktisch uneinnehmbar. "Denn der Gegner provoziert die Gefahr, dass es eine radioaktive Verseuchung gibt."

Reist jetzt die Atomaufsicht in die Ukraine? 

Seit Wochen wird darüber verhandelt, dass Vertreter der internationalen Atomenergiebehörde IAEA das Kraftwerk besuchen können, um sich über die Lage zu informieren. Auch Russland begrüßt die Anwesenheit einer Expertengruppe, hatte aber zuletzt darauf bestanden, dass sie über Russland einreist und nicht über die Ukraine, wie Kiew fordert. Seit Freitagmittag aber scheint eine Lösung in Sicht: "Es laufen aktive Vorbereitungen für einen Besuch", teilte der russische Vertreter bei den internationalen Organisationen in Wien, Michail Uljanow mit. Auch der ukrainische Energieminister Herman Haluschtschenko drängt auf einen baldigen Besuch der Experten und fordert zudem den Abzug der russischen Truppen.

Quellen: DPA, AFP, "Spiegel", "Standard", "Berner Zeitung", NTV

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