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Ein Bild und seine Geschichte: Im Hass vereint

Unterschiedlicher können Partner kaum sein: die einen schmücken sich mit Hakenkreuzen, träumen von einem Amerika ohne Juden und "Nigger". Die anderen, eben jene "Nigger", träumen von der schwarz-islamischen Nation. 1961 zeigt Eve Arnold, wie Erzfeinde gemeinsame Pläne schmieden.

Von Philipp Gülland

Es ist ein Schwarzweißbild auf allen Bedeutungsebenen. Vor einem Meer von adrett gekleideten, ernst schauenden, stolzen Schwarzen sitzen drei Männer, auch adrett, aber weiß. Nicht nur ihre Hautfarbe lässt sie deplaziert wirken; über den gestärkten Hemdsärmeln prangen Hakenkreuzbinden, der Linke trägt einen Leibriemen. Die Aufnahme zeigt den "Führer" der amerikanischen Nazi-Partei, George Lincoln Rockwell, und zwei Leibwächter auf einem Treffen schwarzer Muslime 1961 in Washington D.C. Seelenruhig und aufmerksam lauschen sie den Ausführungen eines Redners, hinter ihnen wohl über tausend Menschen, mit denen sie nur eins verbindet: abgrundtiefer Hass füreinander.

Die gezeigte Situation wirkt angespannt und doch eigentümlich friedlich - den drei Nazis droht offenbar keine Gefahr. Sie sind Gäste, eingeladen von Malcolm X persönlich.

Der charismatische Führer der schwarz-muslimischen Bewegung hat mit den Rassisten einen gemeinsamen Plan: Amerika aufteilen - den Moslems die Ostküste, den Ariern den Rest. Eingeladen hat Malcolm X auch die Fotografin Eve Arnold. 49 Jahre alt, weiß und Jüdin, steht sie auf dieser eigenartigen Versammlung zwischen allen Fronten. Für die Zeitschrift "Life" arbeitet die Reporterin an einem Fotoessay über Malcolm X und seine über 100.000 Menschen umfassende Bewegung.

Brandlöcher und böse Worte

"Tötet die weiße Schlampe!", drohen schwarze Versammlungsteilnehmer und brennen mit Zigaretten Löcher in Eve Arnolds Pullover. "Ich mache Seife aus Ihnen!", zischt der Nazi-Führer ihr ins Ohr. Die um Wahrhaftigkeit bemühte Beobachterin wird zum Ventil der aufgestauten Aggressionen beider Seiten.

Es ist die erste Versammlung, die sie dokumentiert. Dem Judenhasser Rockwell entgegnet sie ironisch: "Solange es kein Lampenschirm ist." Die Brandlöcher bemerkt sie erst, als sie später Filme wechselt: "Als ich meinen Pullover auszog, sah ich, dass der ganze Rücken durchlöchert war. Zum Glück brennt Wolle nicht", erinnert sie sich noch heute.

Über ein Jahr hat sie Zugang zu der schwarzen Unabhängigkeitsbewegung gesucht und schon vorher geahnt, dass der Auftrag kein Spaziergang würde: Gleich zu Beginn ihrer Arbeit an der Geschichte trifft sie die Realität des Konfliktes mit aller Härte. Eve Arnold wird Zeugin eines erbitterten Kampfes, den die weiße Öffentlichkeit gerne ignorieren würde. Hindernissen, Drohungen und Rückschlägen begegnet sie mit starken Nerven und langem Atem - Hartnäckigkeit, die sich auszahlen soll.

Schokokekse und Gerechtigkeit

Als die Fotografin dem zuständigen Redakteur ihre Auswahl vorlegt, reagiert er zunächst unsicher. "Das könnte Afrika sein", ist sein Kommentar. Sie argumentiert: "Aber genau darum geht es doch. Es ist nicht Afrika, es passiert in den Vereinigten Staaten und es wäre gut, den Leuten das zu zeigen." Immer noch unsicher, erstellt der Mann ein Layout der Geschichte und präsentiert sie auf der Redaktionskonferenz. Vier Wochen wird der Essay vorgestellt und seine Veröffentlichung aufgeschoben, er schrumpft immer weiter. Aus den ursprünglichen zwölf Seiten plus Titelblatt werden erst zehn, acht und zuletzt zweieinhalb. Unter einem Foto Elijah Muhammads, Mentor von Malcolm X und Vordenker der Bewegung, prangt eine halbseitige Anzeige: "Der beste Schokokeks!"

Die Geschichte wird eingestampft, die Anzeige läuft. Man will keinen Ärger in einer Zeit, in der viele Amerikaner dem schwelenden Konflikt mit Gleichgültigkeit begegnen - in der Hoffnung, das Problem würde dann verschwinden. "Life" gibt der Fotografin ihre Aufnahmen zurück und sie versucht ihr Glück beim Magazin "Esquire". Mit Erfolg: Zehn bis zwölf Seiten gibt man ihr dort, ergänzt lediglich ihre Bildunterschriften um einen kurzen Text. Arnolds Essay legt Zeugnis ab von einem wichtigen Umbruch im Amerika des 20. Jahrhunderts.

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