Cannes Tag 7 Im falschen Film


Cannes ist ein Festival der Gegensätze. Das hört sich nett an, ist aber viel mehr als der Schritt vom Dunkel des Kinosaals in die grelle Sonne der Côte d'Azur. Eine Odyssee zwischen Clint Eastwood, Spike Lee, Kindersoldaten, Fußball und einem Schlaganfall.
Von Sophie Albers, Cannes

"Woher soll ich das wissen? Er ist hier, fragen Sie ihn selbst", sagt Spike Lee, der im "Obama '08"-T-Shirt am Strand sitzt. Grund für den energischen Ton in der Stimme des "Malcolm X"-Regisseurs ist Clint Eastwood. Dessen Film "The Exchange" läuft im Wettbewerb. Lee ist in Cannes, um die ersten acht Minuten seines neuen Films "Das Wunder von St. Anna" vorzustellen, der von afroamerikanischen Soldaten berichtet, die im Zweiten Weltkrieg kämpften.

Doch um die jüngsten Arbeiten geht es gerade nicht, sondern um die Frage, warum in Eastwoods Filmen über den Pazifikkrieg - "Letters from Iwo Jima" und "Flags of our Fathers" - kein einziger schwarzer Soldat vorkomme. Eben die reicht Lee weiter, und als sie in der Pressekonferenz zu "The Exchange" tatsächlich gestellt wird, kommt es zum Affront: Dem Journalisten wird ins Wort gefallen und das Mikrofon entzogen mit dem Hinweis, dass es nur um den neuen Film gehen soll. Auch eine Art, Meinung zu machen.

"Glauben Sie, die Darstellung der Schwarzen im Hollywoodkino ist Zufall? 'Birth of a Nation', die John Ford-Filme? Glauben Sie das wirklich?" Lee ist sauer und verkündet eine Wahrheit über das Kino, die neben allen anderen vor allem auch dem sich so autark wähnenden französischen Kino zu schaffen macht: Nicht die Bomben des Zweiten Weltkrieges hätten Amerika zur Weltmacht aufsteigen lassen, sondern seine Medien. Filme, Fernsehshows und Musik. Die seien prägend für die weltweite Dominanz des Amerikanischen in Weltbild, Kultur und Modegeschmack.

Jolies schöne Tränen

Womit wir beim Thema Propaganda wären, auf die auch Franzosen reinfallen, wenn die Verpackung stimmt. Und so gelingt doch noch der Sprung zu Eastwoods neuem Werk: Angelina Jolie spielt eine Mutter, deren kleiner Sohn verschwindet. Im Los Angeles der 20er Jahre tut die Polizei alles, um ihr von Korruption und Machtwillkür geschädigtes Image zu polieren. Also wird Jolie für den schnellen Fahndungserfolg kurzerhand ein falscher Sohn übergeben. Als sie Aufklärung verlangt, steht sie allein gegen die pervertierte Institution des Freund und Helfers, gegen dessen Meinung die einer hysterischen Mutter nicht zählt.

In bekannt perfekter Manier und perfekter Ausstattung erzählt Eastwood eine perfekte Geschichte, die theoretisch unter die Haut gehen müsste, doch irgendwie auf halbem Wege stecken bleibt. "The Exchange" hinterlässt ein ähnliches Gefühl wie im vergangenen Jahr David Finchers "Zodiac": Man ist beeindruckt, hat den Film aber bald wieder vergessen, dem man jeden Dollar seines Zig-Millionen-Budgets ansieht.

Da die Festivalplanung an diesem Dienstag etwas auf Kante genäht ist, um das mal höflich auszudrücken, landen im Anschluss an Eastwood einige Kollegen auch wortwörtlich im falschen Film: Statt im Inzestdrama "Delta", über die Berechtigung der Liebe zwischen Bruder und Schwester, fand man sich in "Los Bastardos" wieder, der in der Nebenreihe "Un Certain Regard" läuft und sehr langsam vom Schicksal mexikanischer US-Einwanderer erzählt.

"Fußball-Gott" und Kindersoldat

Die Türsteher der "Delta"-Vorstellung kennen für Zuspätkommer keine Gnade, also wirft man einen Blick auf Emir Kusturicas etwas anstrengenden Film über den "Fußball-Gott" Maradona und fragt sich, warum eigentlich immer mehr Kinoregisseure Dokumentationen drehen, in denen sie selbst zu sehen sind.

Plötzlich dann, während man mit der Müdigkeit kämpft, die einem nach dem deutschen Empfang, der Montagnacht im Garten der Villa Babylone im Regentanz endete, in den Knochen steckt, springt einem die Realität an die Gurgel: Die heißt "Johnny Mad Dog", läuft ebenfalls in der Nebenreihe "Un Certain Regard", und danach möchte man gerne nach Hause fliegen und sich die Decke über den Kopf ziehen.

Jean-Stephane Sauvaires Geschichte über liberianische Kindersoldaten bringt die Essenz der Sinnlosigkeit, die Entwertung allen Lebens und die Bedeutungslosigkeit des menschlichen Miteinanders auf die Leinwand. Danach bereiten einem die Sonne, die schönen Abendkleider vor dem Palais, die künstliche Aufregung um künstliche Stars Übelkeit. Weil man weiß, dass sich trotzdem nichts ändern wird, weil man sich selbst auch nicht ändern wird.

Wie mit abgeschnittenen Augenlidern taumelt man dem "death dealer" Johnny hinterher, der mit einer Meute von Monstern in Kinderkörpern durch die Straßen zieht, tötet, plündert, vergewaltigt. Kinder erschießen ihre Väter, Killer tragen Elfenflügel, Jungs mit Uzi und Kulleraugen reiben sich Koks in Wunden, um noch schneller töten zu können und wären gerne wie Chuck Norris in "Delta Force". Wenn man doch nur die Augen schließen könnte. Soll man aber nicht. Angesichts dieser Bilder für die biblische Wahrheit "Der Mensch ist des Menschen Wolf" breitet sich im Kopf ein großes, verzweifeltes Nichts aus.

Spiegel der Gesellschaft

"Johnny Mad Dog" versus "Indiana Jones", die zwei Seiten des Kinos, die zwei Seiten von Cannes. Cannes verbinde das, was er am Filmgeschäft hasse und liebe, sagte der deutsche Regisseur Andreas Dresen ("Sommer vom Balkon", "Wolke 9") am Montag im Interview mit stern.de. Das oberflächliche Treiben auf der Croisette finde er unerträglich, doch sobald man den Festivalpalast betrete, würde Filmen eine Ehrfurcht und Anerkennung entgegen gebracht, die eine wahre Freude seien.

Es heißt, das Kino sei ein Spiegel der Gesellschaft und somit auch unseres Lebens. Wenn ein Festival das Kino feiert, muss dementsprechend der Kindersoldat neben dem üppigen Partybüffet und der aufgespritzten Blondine stehen. Und vielleicht deshalb erfährt ein junger britischer Journalist, der nach Cannes gekommen ist, um über Eastwoods Film und Cate Blanchetts Frisur zu schreiben, im Krankenhaus Broussailles, dass er gerade einen Schlaganfall hatte.


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