HOME

Fotografie: Afrikas magische Momente

Der deutsche Fotograf Michael Poliza hat den Zauber seiner Wahlheimat in Bilder gebannt - ein Spiel mit Distanz und Nähe.

Die Sonne hat ihren Scheitelpunkt noch nicht erreicht, aber die Hitze ist lähmend. Kein Baum, kein Grashalm, kein Skorpion weit und breit - die Dünenlandschaft im Norden Namibias gehört zu den lebensfeindlichsten Regionen der Erde. Dann der unerwartete Anblick: Als die Quad-Bikes eine Kuppe passieren, sehen die Fahrer in 100 Meter Entfernung zwei Springböcke. Einige Herzschläge lang starren sich Menschen und Tiere überrascht an - gerade lange genug, um nach der Kamera zu greifen und die Begegnung in ein paar schnellen Bildern festzuhalten. Danach fliehen die Tiere, und der Wind verweht ihre Spur.

Es sind Momente wie dieser, die den Hamburger Fotografen Michael Poliza für einen Kontinent begeistert haben, der hierzulande meist mit Bildern von Hunger, Krankheit und Krieg verbunden wird. Über mehrere Jahre hat er sich von Aussichten und Augenblicken verzaubern lassen - herausgekommen ist ein opulenter Bildband mit dem Titel "Africa", in dem Poliza seinen ganz persönlichen Blick auf Landschaft und Tierwelt präsentiert. Luftaufnahmen, die die archaische Schönheit des Kontinents zeigen, wechseln mit extremen Nahaufnahmen und ungewöhnlichen Details wie einem Löwen, der durch ein zerfleischtes Büffelgerippe blickt, oder der brachialen Wucht eines Elefantenfußes. Der Mensch bleibt nur ein Zaungast.

Leise in der Luft

"Glück ist, wenn gute Vorbereitung und günstige Gelegenheit zusammentreffen", beschreibt Michael Poliza sein Erfolgsrezept als "Busch"-Fotograf. Wichtig sei "die totale Integration in die Gesetzmäßigkeiten von Wildnis und Natur". Für Luftaufnahmen heißt das, möglichst nicht den lärmenden Hubschrauber, sondern ein Ultraleichtflugzeug mit leisem Viertaktmotor zu benutzen. Für Tierfotos heißt es: Geduld haben. So dauert es eine halbe Ewigkeit, bis Giraffen es wagen, in die breitbeinige Grätsche zu gehen, damit sie den Kopf zum Trinken ins Wasser beugen können. Denn das ist der einzige Augenblick, in dem die hochgewachsenen Tiere leicht angreifbar sind.

Auch einige andere Mühen musste Poliza auf sich nehmen, um im Linyanti Reserve in Botswana das rare Bild einer trinkenden Giraffe einzufangen: Das Auto konnte er nicht verlassen, das hätte das scheue Wesen sofort verjagt. Aber immerhin brachte er den Geländewagen bis auf 60 Meter an den langhalsigen Vierbeiner heran - und zwar so, dass er die frontale Geometrie der Giraffenbeine einfangen konnte. Dann öffnete er behutsam die Tür, legte sich auf den Boden des Wagens und balancierte die mit einem 15 Kilogramm schweren Teleobjektiv bestückte Kamera so lange hin und her, bis Bildausschnitt und Situation den magischen Moment ergaben.

"Lektion der Natur"

Poliza war überrascht, wie viel Langmut er den Tieren von Anfang an entgegenbrachte. Denn der 48-Jährige weiß, dass er ansonsten eher ein ungeduldiges Naturell besitzt. "Es ist eine richtig gute Lektion der Natur", sagt der Fotograf, "fast körperlich zu erfahren, dass man absolut nichts beschleunigen, nichts pushen oder ändern kann. Du kannst nur warten und hoffen, dass der Löwe, wenn er öfter gähnt, irgendwann mal aufstehen wird."

Erst mit 32, als "später Quereinsteiger", hat Poliza seinen Weg in das schwierige Geschäft der Wildlife-Fotografie gefunden. Seine Biografie ist beinahe so abenteuerlich wie der Erdteil, dem er sich nun verschrieben hat: Als Teenager war er Darsteller in mehr als 70 Fernseh- und Spielfilmproduktionen. Als Informatikstudent begeisterte er sich dann vor allem für die Welt der Computer, gründete mit 23 Jahren seine erste IT-Firma und hatte in der boomenden Branche Erfolg als "EDV-Retter in der Not". Weitere Unternehmungen in Deutschland und den USA folgten, bis Poliza beim Börsencrash Ende der 80er Jahre einen Großteil seines Vermögens verlor. Er schaltete langsamer, ging auf Reisen und begann, sich einen Traum zu verwirklichen: eine Karriere als Fotograf. Für Aufsehen sorgte vor allem die "Starship Millennium Voyage", eine knapp dreijährige Schiffsexpedition, die Poliza gemeinsam mit dem stern organisierte. Das nächste Projekt wird luftiger: Ab September will Poliza in acht Wochen per Hubschrauber von Hamburg nach Kapstadt fliegen - und dabei natürlich fotografieren.

Rüdiger Braun

print