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Familie Marinelli: Die Kunst des himmlischen Läutens - Besuch bei den traditionsreichsten Glockenbauern der Welt

Niemand kann auf eine längere Tradition des Glockengießens verweisen als die Brüder Marinelli im italienischen Agnone. Schon in der 26. Generation meistert ihre Familie diese Kunst – seit fast hundert Jahren mit päpstlichem Siegel.

Von Frank Ochmann

Die Brüder Pasquale (l.) und Armando Marinelli in ihrer Werkstatt

Die Brüder Pasquale (l.) und Armando Marinelli in ihrer Werkstatt

"Herr, erbarme dich!"

Der Priester ruft, als stünde er der Pforte der Hölle gegenüber und nicht einem Schmelzofen. Flammen schlagen aus der geöffneten Seitentür. Ein letztes Mal wird die glühende Bronze mit einem langstieligen Schieber von Schlacke befreit.

"Christus, erbarme dich!"

Arbeiter in blauem Kittel und mit Schutzhelm, links und rechts eines schmalen Kanals im Boden, wiederholen mit ernster Miene jedes Wort des Priesters.

"Heilige Maria!"

14.000 Likes

Auf diese Anrufung der Mutter Jesu haben sie offenbar gewartet. "Heilige Maria!", schallt es noch einmal vielstimmig durch die nur vom Feuerschein erleuchtete Halle. Und im selben Augenblick wird der Ofen gekippt. Ein aufglühender, lavagleicher Strom ergießt sich in den Kanal, während die Litanei des Priesters Maria mit immer neuen Titeln preist. Wo nötig, wird der Bronzefluss mit langen Stangen gelenkt, bis er nach kurzem Lauf in mehreren Bodenlöchern verschwindet.

"Fest gemauert in der Erden" – so werden auch heute noch Glocken gegossen. Besser: So werden sie wie in einem heiligen Akt gezeugt. Erst wenn das Metall nach mehreren Tagen abgekühlt ist, kommen sie ans Licht und geraten beim Prüfen durch den "Maestro campanaro", den Glockenmeister, ein erstes Mal in Schwingungen. Es ist dann, als würde ein Arzt ein Neugeborenes untersuchen. Der Gedanke, es nicht nur mit totem Metall zu tun zu haben, ist in der "Pontificia Fonderia Marinelli" jedenfalls allgegenwärtig. "Wir geben der Glocke ihre Seele", sagt Armando Marinelli. Zusammen mit seinem Bruder Pasquale führt er die Fonderia in der 26. Generation. Keine Glockengießerei auf der Welt ist älter.

Schon als die ersten Glocken in China gegossen wurden, waren sie für die Menschen Stimmen des Himmels, Brücken ins Göttliche oder Schutz vor dem Bösen. Vor etwa 1000 Jahren erreichte diese Kunst auch das kleine Agnone, nördlich von Neapel, zwischen Abruzzen und Adria. Immer noch ist es dasselbe Rezept wie in den Anfängen der Fonderia im Jahre 1040, das die Legierung aus Kupfer und Zinn bestimmt. Und immer noch sind es dieselben Abläufe, die vom Reißbrett zum Guss einer Glocke führen. Weil so viel Tradition und Erfahrung nicht nur in Italien einzigartig sind, dürfen die Marinellis seit 1924 ein "Pontificia" vor den Namen ihrer seitdem "päpstlichen" Gießerei stellen und jede Glocke mit den gekreuzten Schlüsseln Petri und der dreifachen Krone des römischen Pontifex schmücken.

Es war mit Johannes Paul II. sogar schon ein Papst in Agnone, obwohl diese Gegend so abgeschieden ist, dass italienische Schulkinder das Molise, in dem Agnone liegt, beim Aufzählen der 20 Regionen ihrer Heimat nicht selten vergessen. Auf Facebook gibt es seit einigen Jahren sogar eine eigene Seite mit dem Titel "Il Molise non esiste" – "Das Molise existiert nicht". Gut 14.000 Likes hat diese Provokation schon gebracht. Doch vielleicht braucht es ja eine so entlegene Gegend wie das Molise, um sich auf uralte Traditionen besinnen zu können und vom Zeitgeist nicht aus der Fassung bringen zu lassen.

Glockengießen mit päpstlichem Segen

Allerdings steht die Zeit selbst im Molise nicht still. So konnte auch der päpstliche Segen die uralte Kunst des Glockengießens nicht neu erblühen lassen. Allein in Agnone gab es früher etliche Gießereien. Doch eine Fonderia nach der anderen wurde geschlossen. Wer braucht noch Glocken? Wo werden noch Kirchen gebaut? Der älteste Familienbetrieb Italiens hat schon einfachere Zeiten durchlebt. Doch wer in die markanten bärtigen Gesichter der Brüder Armando und Pasquale blickt, begreift schnell, dass die sich keineswegs als die Letzten ihrer Art verstehen. Generation 27 übt schon die überlieferten Fertigkeiten. Und immerhin noch 40- bis 50-mal im Jahr gießt Armandos Frau Paola Patriarca das päpstliche Emblem für eine neue Glocke in Wachs. Dass sich die Welt draußen geändert hat, ist für die Marinellis jedenfalls kein Grund, auch in ihrer Fonderia an der Tradition zu rütteln.

Diese Haltung zwischen Stolz und Sturheit imponierte vor einigen Monaten auch dem Fotografen Roberto Salomone. Allerdings musste auch er sich erst noch kundig machen über Agnone und das Molise, wie er zugibt. Doch inzwischen schmunzelt der 37-Jährige nicht mehr, wenn der Name dieser Region fällt. Sie hat ihm Respekt abgetrotzt. "Der Besuch bei den Marinellis gehört zu den Erlebnissen, die mich als Dokumentarfotograf leidenschaftlich werden lassen", sagt der gebürtige Neapolitaner. "Ich stamme ja aus einer Stadt, in der die alten Handwerkskünste eine der Säulen ihrer Historie sind. Und in Agnone bot sich mir eine Meisterschaft, die sich in Jahrhunderten nicht verändert hat."

Rund 5000 Jahre alt ist der Glockenguss. Wobei nicht jede Glocke gegossen wird. Sie kann auch "gefertigt" werden, wie die Experten sagen. Im mittelalterlichen Irland etwa wurden Glocken aus Eisenblech geschmiedet und genietet. Als Handglocken dienten sie in den Klöstern dazu, die Gebetsstunde kundzutun. Auch das Gebimmel der Kühe auf der Alm stammt von Blechglocken. Nicht einmal Metall muss es sein. So fordert im Alten Testament Gott Noah auf, eine Glocke aus Ebenholz anzufertigen, um mit ihrem Klang die Arbeit an der Arche in geordnete Bahnen zu bringen. Doch ist die typische Glocke, die sich vor allem in Europa schon im frühen Mittelalter durchgesetzt hat, gegossen und aus Bronze. Üblicherweise besteht sie aus einer Legierung, die nur wenig Spielraum lässt: 78 bis 80 Prozent Kupfer, dazu 20 bis 22 Prozent Zinn. Warum? Weil diese Mischung den besten Klang erzeugt. So zeigten etwa Analysen der berühmten "Gloriosa" im Erfurter Dom ein Verhältnis von genau 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn. Bis heute wird dieser 1497 gegossenen Glocke von Experten wie Laien ein besonders edler Ton zugeschrieben. Wobei jede Glocke nicht einfach nur einen Ton erzeugt, sondern ein ganzes akustisches Spektrum mit Obertönen, die von ihrer Form und Dicke über das gesamte Profil abhängen. Darum hat jede Glocke einen ganz eigenen Charakter. An dem, so sagen die Marinellis, könnten sie auch blind jede Glocke erkennen, die aus ihrer Gießerei stammt. Glocken sind eben keine Massenware, sondern Individuen.

1200 Grad

Es braucht auch heute noch viele geübte Hände, um ihre metallenen Körper von der Haube bis zum Schlag zu erschaffen. Dazu werden drei ineinander gestellte Lehmformen benötigt. Deren Schablone entsteht am Reißbrett abhängig vom gewünschten Ton und auch von der geplanten Größe und dem Gewicht der Glocke. Das kann im Extremfall 100 Tonnen übersteigen. Ist dann der passende Kern der Gussform aus Lehmziegeln gemauert, in mehreren Durchgängen mit Lehm bestrichen, geglättet und getrocknet worden, folgt im nächsten Schritt eine "falsche Glocke" aus Lehm, die darüberkommt. Deren Maße sind schon identisch mit denen der echten Glocke. In dieser Phase wird auch bereits die komplette "Glockenzier" aufgebracht. Künstler wie Paola Patriarca Marinelli gießen die dafür benötigten Bilder und Ornamente in Wachs, die zusammen mit gewünschten Inschriften auf das Lehmmodell gesetzt werden. Talg trennt das Modell dann von den nächsten Lehmschichten, aus denen die dritte, äußere Form besteht. Der Lehm wird von Hand aufgetragen und fällt so dick aus, wie es die Erfahrung rät. In jedem Fall muss das mehrschichtige Gebilde enormen Druck aushalten – zuerst, wenn die Gießgrube ausgefüllt und festgestampft wird, ein zweites Mal, wenn das flüssige Metall einströmt und nur die eingesetzten "Windpfeifen" Gase und Dampf ableiten und so Entlastung schaffen.

Drei Teile also sind vonnöten, die im nächsten Schritt erwärmt und getrocknet werden. Durch die Hitze schmelzen im Inneren der isolierende Talg und auch das Wachs der Glockenzier. Die aber hat sich zuvor in den Lehm der äußeren Form eingeprägt. Wird nun nach der Trocknung die mittlere Form – die "falsche Glocke" – entfernt, entsteht zwischen Kern und Mantel ein Negativ der echten Glocke. Nun muss nur noch die Gießgrube gefüllt und die Erde so festgestampft werden, dass die Formen keinerlei Spielraum haben, wenn der 1200 Grad heiße Bronzestrom einfließt. Jeder Fehler, der zuvor übersehen wurde, kann dann das Werk von Monaten zunichtemachen.

Tausendjährige Tradition

Ist der große Augenblick gekommen, wird nur noch gebetet, nicht mehr geredet. Traditionell erfolgt der Guss an einem Freitagnachmittag um drei, der überlieferten Sterbestunde Jesu am Kreuz. Jeder der Arbeiter rund um den Schmelzofen weiß, was er zu tun hat. Wieder und wieder haben sie jeden Handgriff geübt. "In der Fonderia war mir, als gäbe es keine Zeit mehr", sagt Roberto Salomone. "Da war Rauch, kaum künstliches Licht, Männer, die allein mit der Kraft ihrer Arme an schweren Ketten zogen, und vor allem Stille. Die Atmosphäre lässt sich kaum beschreiben." Er will unbedingt wieder ins Molise fahren, jene vermeintlich hinterwäldlerische Region, die den Fotografen aus der Großstadt gepackt hat. "In der Fonderia bin ich auf so wunderbare Menschen getroffen", schwärmt er. "Sie allein halten dort noch diese kostbare, tausendjährige Tradition am Leben. Wir anderen aber vergessen zu oft, welches kulturelle Erbe uns geschenkt wurde."

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